Renaissance-Ausstellung

Landshuter Laborversuche

Von Hannes Hintermeier

23. Juni 2009 Nach den Maßstäben seiner Zeit ist Herzog Ludwig X., Mitregent von Bayern, kein junger Mann mehr, als er im Februar des Jahres 1536 nach Italien aufbricht. Und doch wird ihn das, was er dort zu sehen bekommt, treffen wie einen Jüngling die erste große Liebe. In Trient macht er Station beim Bischof Bernhard von Cles. Der hat soeben sein Kastell mit dem Magno Palazzo, einem topmodernen Anbau, erweitern lassen. Eine prächtige Loggia, ein Festsaal mit Fresken und Stuck, die Bibliothek bestückt mit Werken der Humanisten - das gesamte Arsenal der italienischen Renaissance eben. Den vierzigjährigen Niederbayern, der mit einem geistigen Bein noch im Mittelalter steht, versetzt dieser Anblick in Begeisterung.

Diese steigert sich noch, als er wenig später seinen angeheirateten Verwandten Federico II. Gonzaga, den Markgrafen von Mantua, besucht. Der zeigt ihm seinen auf einer Insel im Mincio errichteten Palazzo Te, geplant und ausgestattet vom Raffael-Schüler Giulio Romano. Hier übermannt Ludwig wohl endgültig das Gefühl, so eine Immobilie auch besitzen zu wollen. Auf der Rückreise besucht er noch einmal Mantua und führt die ersten Personalgespräche mit Architekten und Kunsthandwerkern. Sieben Jahre später ist das Werk vollbracht: Bayern hat den ersten Renaissancepalast nördlich der Alpen. Inmitten eines mittelalterlichen Stadtbildes für die Landshuter Zeitgenossen gewiss eine umstrittene Baumaßnahme, für uns Nachgeborene ein Glücksfall.

Denn nach langen Jahren des Dornröschenschlafs hat die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung die Pretiose wachgeküsst, generalsaniert und mit einer Ausstellung über Ludwig X. zu neuem, glanzvollem Leben verholfen. In einem an Kunstschätzen reichen Land ist diese Wiedereröffnung nichts weniger als eine Sensation. Wer war dieser 1495 in Grünwald geborene Wittelsbacher Herzog, den die Geschichtsschreibung bislang vernachlässigt hat?

Der kunstsinnigere, der Lebenslust zugetanere Bruder

1503 endete die Regentschaft von Herzog Georg dem Reichen von Bayern-Landshut. Seine Frau, die er 1475 in der glanzvollen Landshuter Hochzeit geehelicht und dann mit den beiden Töchtern ins sichere Burghausen verfrachtet hatte, gebar ihm keinen Thronfolger. Der Versuch, Tochter und Schwiegersohn einzusetzen, mündete in den Landshuter Erbfolgekrieg. Denn Georgs oberbayerischer Cousin Albrecht IV. hatte die Primogeniturordnung zum Gesetz erhoben, der zufolge nur der Erstgeborene Herzogtitel und -tum beanspruchen konnte. Albrechts zweitgeborener Sohn Ludwig war als Graf von Vohburg der Verlierer dieser Regelung, klagte aber mit Erreichen der Volljährigkeit erfolgreich auf Mitregentschaft, weil das Gesetz erst nach seiner Geburt in Kraft getreten war. Nach einem Schiedsspruch von Kaiser Maximilian I. erhielt er 1514 den Herzogtitel und ein Viertel des bayerischen Territoriums. Fortan regierte er zusammen mit seinem Münchner Bruder Wilhelm, und das nicht unerfolgreich.

Die Reformatoren sind unterwegs, der Landshuter Buchdrucker Johann Weyssenburger verlegt fleißig die Schriften eines gewissen Martin Luther, die Glaubensdebatten sind lebhaft und zunächst, wie man heute sagen würde, ergebnisoffen. Dass sich die Brüder am Ende nach Abwägung der Argumente dazu entschließen, dem Primat des Papstes die Treue zu halten, festigt die Achse Bayern-Rom auf Jahrhunderte. In diesen aufregenden Zeiten scheint Ludwig der kunstsinnigere, der Lebenslust zugetanere der Brüder zu sein; gleichwohl zahlreiche seiner Eheprojekte fehlschlugen, hatte er mehrere uneheliche Kinder. Für seine Lieblingstochter Anna Lucretia von Leonsperg arrangierte er die Vermählung mit Johann Albrecht von Widmannstetter, dem Diplomaten, Orientalisten und Büchernarren, von dessen Sammeltätigkeit die Bayerische Staatsbibliothek bis heute zehrt.

Die Lebenswelt an der Schwelle zum frühmodernen Staat

Die Originalporträts, die Barthel Beham 1531 von Ludwig und seiner langjährigen Geliebten Ursula von Weichs gemalt hat, fehlen leider in der Schau: Das Bild der Mätresse hängt in Ottawa, die kanadische Nationalgalerie hat jedoch die Ausleihe abgelehnt, weil sich das Haus Liechtenstein geweigert hat, das Ludwig-Porträt nach Landshut zu geben - die fürstlichen Sammlungen sind derzeit verschnupft wegen der Steueroasendebatte. Aber der Fall bleibt eine Ausnahme: An die zweihundert Exponate haben die Kuratoren zusammengetragen, um ein möglichst vollständiges Bild der Lebenswelt an der Schwelle zum frühmodernen Staat zu zeichnen. So widmet sich die Ausstellung, in fünfundzwanzig Räumen detailreich und animierend gestaltet, der formidablen Architektur ebenso wie den Werken der Auftragskünstler und Gelehrten, die der Herzog an seinem Hof band, darunter der Jurist Dietrich von Plieningen, der Landeshistoriograph Johannes Turmair, genannt Aventinus, die Hofmaler Hans Wertinger, Ludwig Refinger, Hans Bocksberger und Hermann Posthumus, der Bildhauer Stephan Rottaler, der Astronom Peter Apian.

Dem der Altstadtseite zugewandten Deutschen Bau, der 1536 begonnen wurde, als Ludwig nach Italien reiste, fügte der Herzog nach seiner Rückkehr den „Welschen Bau“ hinzu; verbunden wurden die Gebäude durch zwei Galeriebauten, die einen harmonischen Arkadenhof entstehen ließen. Der italienische Teil der Stadtresidenz lässt mit seinem Großen Saal und den thematisch durchkomponierten Prunkzimmern (Götter, Helden, Apollo, Diana, Bacchus, Venus) keinen Zweifel daran, wo künstlerisch der Hammer hängt: in Mantua, im Palazzo Te, dessen Vorbild hier ganz ungezwungen in Deckengemälden, Lünetten, Kaminen und Stukkaturen variiert wird.

Den Rückweg ins Mittelalter versperrt

Die Ahnengalerie wartet mit Porträts der wittelsbachischen Vorfahren, mythologisch überhöhten Jagdszenen und dem zwölfteiligen Glasgemäldezyklus des Jörg Breu auf - Kunst legitimiert die Dynastie, ein neuer Politikstil hält Einzug. Und ein neues Bild vom Menschen: Ein Abguss des 1502 in einem Kärntner Acker gefundenen Jünglings vom Magdalensberg verweist auf das antike Schönheitsideal, das dem Menschenbild der Renaissance eingeschrieben ist. Hier - so lautet die mit hohen Schulden erkaufte kulturelle Botschaft des Herzogs - beginnt auf den Fundamenten des Imperium Romanum die neue Zeit.

„Floreat semper Bavariae regio“ (Ewig blühe Bayerns Land): Dieses Motto gilt als Ludwigs X. persönlicher Wahlspruch. Als er 1545 im Alter von fünfzig Jahren stirbt, ist nicht nur ein Höhepunkt der bayerischen Kunstgeschichte erreicht, Ludwig hat auch den territorialen Zusammenhalt und das politische Gewicht Bayerns gefestigt, hat Rechtswesen und Wissenschaften auf die Höhe der Zeit gehievt. Auch wenn mit seinem Tod Landshut die Macht endgültig an München verliert - der Rückweg ins Mittelalter blieb versperrt.

Ewig blühe Bayerns Land. Herzog Ludwig X. und die Renaissance. Stadtresidenz Landshut, bis 27. September. Der hervorragende Katalog (Verlag Schnell & Steiner) kostet 28 Euro.



Text: F.A.Z.

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