12. August 2008 Es kann auch sein, dass der Junge die Billardkugel nur so hält wie einen Dartpfeil. Es kann sein, dass er sie gar nicht werfen will, sondern nur anschielen. Und es kann sein, dass er das schon seit vielen, vielen Stunden tut. Leute, die auf dem gleichen Zeug sind wie er, sind auch imstande, mehrere Stunden am Stück an ihren Pickeln herumzudrücken, von denen sie allerdings oft auch beträchtliche Mengen haben. Wenn man nämlich ganz genau hinschaut, auf dem Foto von Tobias Zielony, dann kann man zwischen dem Ring mit den Brillies und der Kugel mit der Dreizehn das debile, greisenhafte Grinsen eines Jürgen-Vogel-Gebisses erkennen.
Schwer zu sagen, ob man die Serie Trona - Armpit of America wegen solcher Momente umwerfend beängstigend oder schon beängstigend umwerfend nennen muss. Der Berliner Fotograf ist in das heruntergekommene kalifornische Chemienest Trona gegangen, weil es possibly the worst place in America, if not the world sei, wie es in einem Weblog hieß; und seine Bilder zeigen eine ganze Kleinstadt in der Hand von Produzenten, Dealern und Konsumenten eines kristallinen Stoffs, der die Leute tagelang auf Trab hält und innerhalb von Monaten um Jahrzehnte altern lässt. Die Chemiker nennen ihn Methamphetamin, die Süchtigen Crystal oder Meth oder beides, und die Drogenpolitiker eine neue amerikanische Epidemie.
An der richtigen Stelle
Die Fotoserie ist dieses Jahr entstanden und hängt seit einer Woche in der Ausstellung Under Influence - Rausch und Drogen in der Gegenwartskunst im Kunsthaus Dresden, wo sie schon deswegen hinpasst wie die Faust auf die vergrößerte Pupille, weil sich exakt in dieser Woche der Bundesgerichtshof in Karlsruhe dafür ausgesprochen hat, den Besitz von Crystal Meth härter zu bestrafen und die Droge durch Kriminalisierung zu verteuern, während gleichzeitig die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing wieder einmal für die Freigabe von künstlichem Heroin für Schwerstabhängige plädiert hat, um die Beschaffungskriminalität zu senken, um bei der Gelegenheit gleich mal die beiden Pole der deutschen Drogenpolitik anzudeuten.
Dass in Europa das Methamphetamin vor allem aus tschechischen Labors kommt und vorläufig vor allem in den angrenzenden Bundesländern Bayern, Thüringen und eben Sachsen zum Problem geworden ist, setzt Zielonys Fotos gewissermaßen auch örtlich an die richtige Stelle. Vor allem hat der Fall Trona aber eine Schlüsselfunktion in einer Ausstellung, die nach der Rolle des Rauschs nicht nur in der Kunst, sondern auch in den Gesellschaften der Gegenwart - und das heißt: ab den späten Neunzigern - fragt.
So banal wie Alkohol
Es geht also hier einmal nicht um die Darstellungstradition dionysischer Ekstasen auf griechischen Vasen, um die trunkenen Silene von Rubens und die fixenden Knaben von Larry Clark, und es geht auch einmal nicht um das Draufsein (auf was auch immer) ganzer Künstlergenerationen von van Gogh über Kirchner bis Arnulf Rainer und immer so weiter. Denn dass die Drogen Kinder des Krieges sind und damit naturgemäß auch den Avantgardisten der Kunst bei ihren Feldzügen gegen die Konventionen, die Geschichte, die Gesellschaft und ganz allgemein den Rest der Welt wertvolle Begleiter in Ausnahmezustand und Abseitspositionen sein mussten: das ist ja ein bereits hinlänglich in prachtvolle Coffeetablebooks für den gehobenen Mittelstand hineinverdauter Teil der Kulturgeschichte des Rauschhaften. Was aber, wenn die Rauschgifte mit der Boheme inzwischen nur noch so viel zu tun hätten wie ein Charterflugzeug mit dem Jetset? Was, wenn selbst die glamourösesten und dekadentesten Drogen inzwischen so normal und so banal wären wie der tägliche Alkohol?
Drogen seien zur gesellschaftlichen Regel geworden, ihre Einnahme ist nicht mehr verbunden mit Avantgardedenken und Rebellentum, konstatieren Ingo Niermann und Adriano Sack in ihrem Toxikologischen Manifest (Breites Wissen, Eichborn Berlin, 2007, siehe: Niermann, Ingo: Breites Wissen). Was also, wenn der Freitod von Kurt Cobain im Jahr 1994 - dem letzten in der Reihe berühmter Toter mit 27 - tatsächlich das Ende der romantischen Drogensucht markierte und wir es seitdem im Grunde nur noch mit einer radikal demokratisierten Bedürfnisbefriedigung zu tun hätten, nämlich der Befriedigung eines Rauschbedürfnisses, von dem der Psychopharmakologe Ronald K. Siegel behauptet, dass es der vierte Trieb des Menschen sei - neben Nahrungsaufnahme, Schlaf und Fortpflanzung.
Gesellschaftliche Stabilisatoren
Drogen haben in dem Maße den Alltag der Massen erobert, wie sie aus den Schmuddelecken des Stadtbildes verschwunden sind: Am Hamburger Hauptbahnhof, wo der Reisende früher den Eindruck haben musste, der Heroin-Kosename Schorre sei ein hanseatischer Gruß, so wie Hummel, Hummel, da plätschert nun klassische Musik und hat die Szene vertrieben, und selbst in Berlin muss man sich schon bis ans Kottbusser Tor bemühen, um vereinzelt noch einen klassischen Junkie wie aus Christiane F. zu sehen, der dort im Außen verdeckt, was im Verborgenen geschieht, wie Susanne Weiß das ausdrückt, die die Dresdner Ausstellung kuratiert hat. Drogen, das ist ihre Ausgangsthese, dienen heute nicht mehr so sehr dazu, den Kontakt mit den Göttern herzustellen - sondern als gesellschaftliche Stabilisatoren.
Insofern ist es zumindest ganz konsequent, dass gleich im Eingang erst einmal ein Film von Antje Majewski läuft, auf dem zu sehen ist, wie sich Angehörige des Berliner Kunstbetriebs in einem Club in Rage tanzen, bis die ersten beseelt über den Boden kriechen, auch wenn es einen natürlich erst einmal überrascht, das, was in Berlin der trübe Alltag ist, in Dresden als Kunstwerk vorgeführt zu kriegen. Aber auf die Zusammenhänge von Tanzrhythmen und Arbeitstakten hat auch Jeremy Deller hingewiesen, als er eine der führenden englischen Brass-Bands, die im Norden Englands immer noch für den Soundtrack von Industriearbeiterschaft und Gewerkschaftsbewegung stehen, bat, Acid-House-Stücke einzuspielen, die hundert Jahre später in derselben Gegend als Hymnen einer deindustrialisierten, zur ewigen drogenbefeuerten Freizeit verdammten Region entstanden waren.
Einfallstor Popmusik
Popmusik ist natürlich auch hier das größte Einfallstor in die Welt der Drogen; ein anderes ist das Kino: Oliver Pietsch hat in The Conquest of Happiness vierzig atemberaubende Minuten lang die Hollywoodszenen zusammengeschnitten, die für die meisten Menschen den visuellen Erstkontakt mit den Drogen bedeutet haben dürften: Hunderte Schauspieler klopfen sich auf die Armbeuge, Hunderte Nadeln fahren in Hunderte Venen, Hunderte Kokainlinien werden auf den Glastisch geklopft, Hunderte Tablettenröhrchen fallen um . . . Es ist eine Ikonographie der Drogen, die dem Rausch auch für diejenigen einen sozialen Fahrtrichtungsanzeiger aufmontiert, die selber nichts nehmen: Kokain bedeutet immer Nerzmantel und Aufstieg, Heroin bedeutet Dreck und Abstieg - und Tabletten sind das, was die verzweifelten Hausfrauen ins Seitenaus stellt.
Die Ausstellung hat ihre gemessen am Thema erhellendsten Momente generell da, wo es um die Sichtbarkeiten des Themas geht. Da gibt es einerseits den Blick durch die Drogen ins Innere des Rauschs, wie er sich in den narkotischen Arbeiten Stefan Müllers niederschlägt. Und auf der anderen Seite gibt es den Fall Herbert Volkmann, der ohne seine Drogensucht vielleicht immer noch ein verdienstvoller Kunstsammler wäre und sich nie auf so verstörend tragische Weise als eines der virtuosesten und feinsinnigsten Malertalente Deutschlands entpuppt hätte. Und Ulf Aminde hat einen riesigen Papierbogen mit den gestempelten Buchstaben ICH so wortwörtlich zugeballert, das man nun eine sehr bildliche Vorstellung davon hat, wie das ist, wenn sich das chemisch getunte Ich in einem Nebel auflöst.
Nicht Namen, nur Wirkstoffe
Von diesem Moment erzählt auch die spektakuläre Fotoserie von Ashkan Sahihi aus New York, der seine Modelle unter klinischen Bedingungen und krankenschwesterlicher Betreuung unter dem Einfluss ihnen bisher unvertrauter Drogen porträtiert hat. Was diese Leute da gerade im Einzelnen sehen, dürfte sehr interessant sein; noch interessanter ist aber, dass wir keine Personen mehr sehen, sondern phänotypische Drogenuser: Es ist sind Porträts, unter denen nicht die Namen der Personen stehen, sondern nur noch die der Wirkstoffe, unter denen sie stehen. Der endgültigen Entfaltung der Persönlichkeit, wie sie die Apologeten der Rauschmittel predigen, steht nach außen hin ein Verlust der Persönlichkeit in Richtung des pathologischen Falls entgegen. Drogen machen etwas mit einem, und das kann man sehen. Die anderen aber leider auch. Und diese Außenansicht ist offenbar kein geringeres Problem als das, was physiologisch im Inneren so los ist, wenn spätestens am Montag alle wieder auf der Arbeit antanzen müssen. Was dann hilft, sind im Zweifel andere Drogen.
Räusche, sagt Susanne Weiß, seien heute beinahe aller kulturhistorischen Ideen von Initiation und Transzendenz entledigt: Sie dienen mittlerweile dazu, das individuelle Rad am Laufen zu halten oder dank des hart verdienten Geldes richtig aufzudrehen. Man spricht von recreational drugs. Drogen dienen mit anderen Worten entweder der Produktivkraft oder der Belohnung und führen damit nicht mehr aus den ökonomischen Routinen und Zwängen des sogenannten Spätkapitalismus heraus, sondern mitten hinein und machen sie aushaltbar und attraktiv.
Es sieht auch in dieser beklemmend guten Dresdner Ausstellung ganz so aus, als ob diejenigen recht hätten, die heute sagen, dass 1968 dem Kapitalismus eigentlich erst seine kulturellen Fesseln gelöst habe. Jetzt sind sogar die Drogen der Achtundsechziger vom Aussteigermythos befreit und in die Funktionslogik postfordistischen Arbeits- und Freizeitverhaltens eingebunden. 1968, das war immerhin auch das Jahr, in dem George A. Romero in der Nacht der lebenden Toten die ersten Zombies aufmarschieren ließ, die wie Drogensüchtige aussahen und agierten. In Romeros letzten Filmen dann wurde die Möglichkeit angedeutet, dass sich diese Zombies vergesellschaften und das Wirtschaften beginnen könnten. Und das Setting, das war vielleicht das Gespenstischste daran, sah den Fotos, die Tobias Zielony in Trona gemacht hat, gar nicht mal unähnlich.
Under Influence im Kunsthaus Dresden bis 12. Oktober, leider kein Katalog
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Ashkan Sahihi, Ausstellung