Von Martina Jammers
29. Dezember 2006 Ihr Entrée-billet ins Künstlermilieu erspielte sich Lee Miller 1930 mit Jean Cocteaus erstem Film Das Blut eines Dichters. Sie verkörperte eine Statue, was eine sinnfällige Besetzung war, denn Lee Miller arbeitete damals als begehrtes Modell für die amerikanische Vogue; unter anderem hatte sie für den Starfotografen Edward Steichen posiert. Rasch jedoch begann sie der Beruf zu langweilen - und sie wechselte mit großem Erfolg auf die andere Seite der Kamera. Eine Ausstellung in Wolfsburg folgt nun dieser Karriere.
Ehrgeizig entschied sich die 1907 geborene Amerikanerin für einen Umzug nach Paris, um bei Man Ray das Handwerk zu lernen - und wurde nicht nur dessen Schülerin und Mitarbeiterin, sondern auch Muse und Geliebte. Schon ihre ersten Bilder, etwa Akt mit Kettenhemd (1930) zeigt eine surrealistische Neigung zur Fetischierung. Die Kombination eines glitzernden Maschendrahts und des schutzlosen Oberkörpers einer Frau provoziert einen erotischen Kitzel. In augenfälligem Kontrast zu diesen sorgsam ausgeklügelten Posen stehen Lee Millers Fotografien aus dem Jahre 1944/45, die sie als Kriegskorrespondentin für die britische und amerikanische Vogue aufnahm: Neben dem Factum brutum zerbombter europäischer Metropolen führt sie uns schonungslos heran an die befreiten Konzentrationslager in Dachau und Buchenwald.
Als wären einem die Augenlider abgeschnitten - Kleists Erschaudern über Caspar David Friedrichs radikales Aufbrechen unserer Sehgewohnheiten erfährt bei Millers Dokumenten ein Nachbeben: Wie dort der Mönch, so soll sich hier der Betrachter identifizieren mit den amerikanischen Soldaten, die den Blick auf die eingepferchten Juden und Kommunisten lenken, etwa im Buchenwaldzug. Die Aufnahmen implizieren, daß die Soldaten zuvor die Tür energisch aufgerissen haben und ihnen die Leichen entgegenfielen: Die Befreier würden die verborgenen deutschen Verbrechen aufdecken. Frontal stößt sie uns an die Ofenöffnung des Krematoriums in Buchenwald, in dem die verkohlten Reste eines Leichnams ins Bildzentrum rücken. Ebenso unvermittelt konfrontiert sie uns mit den Tätern. Erschütternd ist eine Serie, die den kollektiven Suizid einer Familie im lichtüberfluteten Leipziger Rathaus dokumentiert. Den kurz zuvor noch Privilegierten steht die nackte Angst ins Gesicht geschrieben.
Von der Stilisierung zur Dokumentation
Wie ist dieser jähe Sujetwechsel zu erklären: von der ästhetischen Stilisierung hin zu grausamsten Verbrechen, zu denen die Spezies Mensch fähig ist? Ist das Schöne nichts als des Schrecklichen Anfang? Oder bricht sich die im Surrealismus virulente Grausamkeit Bahn und findet in den Verbrechen der Nazis stellvertretend Nahrung? Oft genug ist Lee Millers OEuvre verkürzt worden auf die Liaison von Fashion und Faschismus, woran manche Wanderausstellung, die ihr Sohn Anthony Penrose organisiert hat, nicht schuldlos war. In der nun im Wolfsburger Kunstmuseum gezeigten Auswahl von hundertsiebzig Fotografien wird offenkundig, wie sich die ausgesprochen aparte Erscheinung zur ernstzunehmenden Künstlerin entwickelte. Ihre Verbindung zum Surrealistenkreis war eher loser Natur, entsprach Lee Miller mit ihrem intellektuellen Emanzipationsdrang doch so gar nicht dem Ideal der surrealen Frau als einer weitgehend dem Unbewußten verhafteten Existenz.
Zurück aus Paris hatte Lee Miller 1932 unweit des Broadway ein Fotostudio eröffnet, das sich auf Werbefotografien und Portraits konzentrierte. Mit Beginn der Wirtschaftskrise hatte sich in Amerika die Straight Photography durchgesetzt, die Hinwendung zu dokumentarischen Bildern. Die europäische Kunstfotografie wurde demgegenüber als Alien Mannerism abgetan. Lee Miller aber verquickte in ihren Werbeaufnahmen beide Tendenzen außergewöhnlich wie überzeugend miteinander, daß die Zeitschrift Vanity Fair sie sogleich zu den herausragendsten lebenden Fotografen zählte. Vom feinsinnigen Strawinsky über den hämmernden Max Ernst in Arizona bis zum Karikaturisten Saul Steinberg, der als moderner Laokoon mit dem Gartenschlauch kämpft, wird sie zur begnadeten Portraitistin der Avantgarde. Gegenüber ihren zunächst hochartifiziellen Fotos drücken ihre Picknicks mit Picasso und Dora Maar während ihrer Sommerferien in Frankreich heitere Gelöstheit aus. Sie zeigen eine Pastorale am Vorabend des Zweiten Weltkriegs.
Eingedrungen in die Intimsphäre des Führers
Lee Miller ließ sich 1942 zur Kriegskorrespondentin akkreditieren, um aktiv zum Sieg des Kriegs beizutragen. Noch 1944 beklagte sie sich über ihre mangelnden Möglichkeiten zu kriegswichtiger Arbeit. Nach dem D-Day konnte sie ihr Anliegen umsetzen: Im März 1945 gelangte sie über Ostbelgien und Aachen nach Köln, von dort weiter über Ludwigshafen und Buchenwald bis Dachau und München. Bis sie ankam, war die Verteidigung der deutschen Städte jeweils meist aufgegeben. Ihr blieb, die Ruinen, die befreiten Zwangsarbeiter und den Beginn der amerikanischen Verwaltung zu fotografieren.
Obgleich ihre Kameralinse strenge Sachlichkeit walten ließ, ist Miller in ihren Kommentaren professionell parteiisch. Die Aufnahme zweier junger Frauen auf einer Bank inmitten des zerbombten Köln fotografiert, moniert sie wohl noch unter dem Eindruck der Dachauer Opfer: Wohlgenährt, zufrieden und ordentlich gekleidet. Das berühmteste Bild, das der Nachwelt von der amerikanischen Fotografin im Gedächtnis blieb, wurde indes nicht von ihr, sondern vom Kollegen David Sherman im Mai 1945 in München aufgenommen. Es zeigt Lee Miller in Hitlers Badewanne in subtiler Siegerpose: eingedrungen in eine der intimsten Sphären des Führers.
Nach dem Krieg wurde Lee Miller an der Seite ihres Mannes Robert Penrose in Sussex zur Landlady und hatte bald mit Alkoholproblemen zu kämpfen. Ihre immense Produktion an Fotos aus dem befreiten Deutschland hat sie merkwürdigerweise unterschlagen bis zu ihrem Tode 1977.
Kunstmuseum Wolfsburg; bis 21. Januar 2007. Der reich bebilderte Begleitband kostet 14,90 Euro.
Text: F.A.Z., 29.12.2006, Nr. 302 / Seite 35
Bildmaterial: Lee Miller Archives, England