18. Januar 2007 Es gab Momente in der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder, da dachte man: Donnerwetter - die schnellen Autos, die Zigarren, die vielen Frauen, diese Entschlossenheit, gegen das Böse zu kämpfen, ob es nun in Gestalt der großen Elbflut oder amerikanischer Massenvernichtungswaffenerfinder daherkommt; der Mann hat seinen Beruf verfehlt, der hätte einen viel besseren James Bond abgegeben als der damals amtierende Pierce Brosnan.
Jetzt ist das offizielle Porträt da, das der schwerkranke Jörg Immendorff mit Hilfe seiner Assistenten für die Galerie des Bundeskanzleramts gemalt hat, und Schröder erinnert darauf sehr deutlich an eine Figur aus dem Bond-Film Goldfinger, allerdings nicht an James Bond selbst, sondern an das Bond-Girl Jill Masterson, das von den Bösewichten komplett vergoldet und damit umgebracht wurde. Es ist ein sehr eigenwilliges Porträt.
Bismarckig und maßlos mächtig
Nun war wohl nichts nach 1945 für deutsche Künstler so schwierig wie das Genre des offiziellen Herrscherporträts. Kokoschka malte Adenauer angestrengt unpathetisch vor semiabstraktem Hintergrund, Albrecht Gehse versuchte in seinem Kohl-Porträt alles Monumentale zu vermeiden, was bei diesem Gegenstand natürlich völlig unmöglich ist, und so sieht das Porträt dann auch aus, als hätte Kohl seinen Kopf durch ein Loch in einer eilig hingehauenen Farbskizze gesteckt. Nirgendwo sah ein Kanzler aber bisher so imperatorenhaft, bismarckig und maßlos mächtig aus wie Immendorffs Goldschröder. Mit ihm, verrät das Porträt, beginnen eine neue Politik und eine neue Bildsprache: Hier steht, nicht Mensch, sondern Ikone, der eiserne Medienkanzler, der ganz zum Bild gewordene Herrscher.
Dazu kommen allerdings ein paar eigenartige Bildbeigaben. Es ist das erste Mal, dass ein reiches ikonographisches Programm das Kanzlerporträt begleitet - ganz so, als sei die Kanzlerschaft Schröders erläuterungsbedürftig. Über seinen Schultern tummeln sich Affen. Immendorff erklärt die Affen als Hommage an den Kanzler, der sich um die Künstler gekümmert habe; allerdings sind Affen nicht nur Symboltiere der Künstler, sondern auch die der großen Illusionisten und Gaukler und bleiben damit doppeldeutig. Entsprechend können die weißen Linien über dem Kopf des Kanzlers wahlweise positiv gedeutet werden, als von der hochenergetischen Art des Basta-Kanzlers ausgehende Blitze, die das Land elektrisieren; neutral als Marmoradern oder negativ, als Spinnweben über gescheiterten Hoffnungen.
Verpummelter Bundesadler
In die goldene Büste ragen, wie klassische Herrscherinsignien, zwei Dinge herein: Ein verpummelter Bundesadler, der aussieht, als wäre er aus Zigarrentabak zusammengerollt, und eine gebrochene schwarze Figur. Was bedeutet das? Vielleicht steht der Cohiba-Adler für eine hedonistisch entspannte Haltung zur Staatsführung und der gebrochene Teufel für die Dämonen, die der eiserne Schröder besiegte - die Atomlobby, die Gegner der Agenda 2010, die Blairs und Bushs, die große Elbflut.
Immendorff sagt, der gebrochene Mann sei er selbst, aber Künstlern darf man nie glauben, und womöglich steckt eine subtile Kritik am Gasprom-affinen Schröder in diesem Bild: Goldfinger, singt Shirley Bassey im Titelsong des gleichnamigen Films, he's the man, the man with the Midas touch / A spider's touch / Such a cold finger beckons you to enter his web of sin. Ein Spinnennetz kann man auch auf diesem Bild erkennen - und spätestens dann drängt sich die Frage auf, wer der mächtige Mann sein könnte, der hier sein Opfer vergoldete.
Text: F.A.Z., 19.01.2007, Nr. 16 / Seite 35
Bildmaterial: dpa