documenta 12

Befreiung aus der Gefangenschaft des Marktes

Von Thomas Wagner

“Template“ von Ai Wei Wei

"Template" von Ai Wei Wei

16. Juni 2007 Wappentiere haben frei. Köche ebenso. Die Zerlegung der Kunst in Geschmacksmoleküle, die als Gemüse-Schäumchen ihr luftiges zweites Leben aushauchen, ist verschoben. Ferran Adrià kocht weiterhin nur zuhause, was der documenta 12, die am Samstag in Kassel eröffnet wurde, eine Station in der Ferne beschert. Geahnt hatte man es längst; doch der kleine faule Marketing-Zauber ist so schnell vergessen wie die „kuratorische Willkür“, mit welcher der documenta-Tisch im „elBulli“ besetzt werden soll.

Es ist nichts los, in Kassel, aber es ist wunderbar. Nicht einmal den roten Teppich, ausgerollt aus Mohn, braucht es; der ist bis auf weiteres nur ein karger, nahezu blatt- und blütenloser Acker. Auf dem Polit-Karussell, das Andreas Siekmann um den Sockel des Denkmals Friedrich II. gebaut hat, ziehen die Wappenschilde der politischen Kunst vorbei, als wollten sie uns zum Abschied noch einmal zuwinken. Ciao Weltgeist! Und dann und wann eine Gruppe Chinesen. Nicht einmal „Brownie“, die wie ein ganzes Volk gebeutelte Giraffe, die Peter Friedl aus dem Zoo vom Qalqiliyah im Westjordanland nach Kassel holte und die wie ein staatenloses Bild, das nicht passen will, durch die Magazine geistert, lässt sich zum Trauertier der documenta 12 machen. In hoc signo vinces? Das ist vorbei. In Kassel wird in keinem Zeichen gesiegt, und es siegt auch keines der Zeichen. Hier ist Schluss mit Spektakel. Es mischen sich Zeiten und Zeichen, um gesehen, gelesen, diskutiert zu werden.

Zwischen Formlosigkeit und Formschicksal

„Die große Ausstellung hat keine Form“, notieren der künstlerische Leiter der documenta 12, Roger M. Buergel, und seine Kuratorin Ruth Noack keck im Katalog. Und: „Präzision mit Großzügigkeit zu kombinieren, lautete für uns die Aufgabe.“ Irgendwo zwischen Formlosigkeit und Formschicksal, zwischen dem künstlerischen Drang zur Form und deren kulturellem Transfer lassen Buergel und Noack sich die Ausstellung entwickeln. Hier ist genau zu lesen: sie machen keine Ausstellung, sie lassen diese sich entwickeln, entfalten, sich ausbreiten. Darin liegt der Unterschied - und die Provokation. Der Geist weht trotzdem nicht, wo er will. Eng geschnürt ist das Netz, in dem sich Bedeutung vielfältig auslegt, Freundschaften sich anspinnen und sich Nachbarschaften ergeben. Der Kurator wacht über die Knotenpunkte.

„Der Kanister ist der verbreitetste Gebrauchsgegenstand in Benin“, sagt Romuald Hazoumé. „Dream“ heisst sein Boot aus Kanistern, vor dem geschrieben steht: „Damned if they leave and damned if they stay: better, at least, to have gone and be doomed in the boat of their dreams.“ Auf einem Traumboot kehrt der Geist der Moderne zurück nach und aus Afrika, lustig, aber widerspenstig. Die documenta 12, heißt es in einem Leporello lapidar, ist „ein Erfahrungsraum“. Und wirklich - es klappt. Man taucht ein in dieses „Kraftfeld“ aus Werken, spaziert entspannt durch diesen großen „Möglichkeitsraum“, in dem nichts ein für allemal als fixiert betrachtet werden kann.

Atmosphäre produktiver Unwissenheit

Hat man sich des Ballasts an Erwartungen erst einmal entledigt und die Hoffnung fahren lassen, man bekäme die besten oder teuersten Werke der meist gefragten Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart wie edle Schmuckstücke in der Auslage eines Juweliers serviert, dann kann man sich auf die Kunst und die Erfahrung, die sie ermöglicht, einlassen. Bei der Biennale von Venedig ist die Kunst allzu oft nur Kulisse für einen Hollywoodfilm, den alle glauben sehen zu müssen, den jeder aber längst kennt. Während in Venedig sogar die Künstler Bescheid zu wissen scheinen, weil sie - die Schickeria steht Schlange und in der Kasse klingelt es - doch alles richtig gemacht haben, entfaltet sich in Kassel eine Atmosphäre produktiver Unwissenheit. Hier ist zu spüren, dass Kunst eine andere Kraft besitzt.

Das klingt mühsam, in Zeiten, in denen die Werbetrailer täglich ihre Botschaften sekundengenau in die Köpfe donnern. Aber so ist Kunst, und so präsentiert sie der Fährtenleser Buergel, mit all der Freude, die das Spurensuchen und Spurenlegen im Reich der Zeichen bereitet. Nur der Humor ist ihm nicht begegnet. Statt über die Welt und die Kunst und all das Getue zu lachen, donnert Harvey Keitel einen Monolog in den hohen, weiten Raum - im Video von James Coleman.

Wenn die Zeiten sich mischen, öffnen sich Beziehungen

Viele Zeichen haben die Künstler, haben wir, im Gepäck. Wenn Abdoulaye Konaté israelische Fahnen und Palästinensertücher auf seinen sandfarbenen Wandtüchern vereint, Poul Gernes Flaggen aufhängt, die eine Eistüte, oder ein Vöglein auf einem Zweig zeigen und allesamt „Vorschläge für eine Fahne für die Europäische Gemeinschaft“ sind, die der Künstler schon 1972/73 gemacht hat, und wenn Anatoli Osmolovsky Geschütztürme von Panzern in kleine Bronzeskulpturen verwandelt, die wie vortizistische Schildkröten und goldglänzende Fetische einer militarisierten Moderne herumliegen - dann mischen sich die Zeiten, sind Werke, Räume und Formen überblendet, bilden sich Oppositionen und unerwartete Schwesterfelder. Was sie auch tun (oder lassen), Buergel und Noack wollen ein Erstarren der Kunst - ob als Ware oder Fetisch, als Belegstück einer Theorie oder einer politischen Überzeugung - vermeiden. Ins Offene zu gelangen, darin sehen sie die Aufgabe.

Nun sollte nicht der Eindruck erweckt werden, in Kassel sei alles eitel Sonnenschein. Das Spinnen von Beziehungsnetzen funktioniert mal besser, mal schlechter. Oft ist es zu dominant, verhindert, dass sich einzelne Werke entfalten können. Im musealen Rahmen der Gemäldegalerie in Schloss Wilhelmshöhe verbinden sich die feinen, kleinen Blätter aus verschiedenen Zeiten und Kulturen wie von selbst. Schrift und Ornament, geometrische und freie Form, Jung und Alt, Mann und Frau - alles kommt zusammen. Im Fridericianum mischen sich Medien und Themen, sind glückliche Balancen entstanden. Mal dreht es sich um Möglichkeiten des Handelns, mal werden Grenzverläufe verfolgt, bis sie jede Eindeutigkeit verloren haben.

Wo Gerhard Richters „Betty“ auf die graphitharten Gemälde von Lee Lozano trifft, entsteht ungeahnt eine melancholische Spannung, und der lange Raum, in dem Tanaka Atsukos „Electric Dress“ auf fünf kompakte Farbkörper von John McCracken und Sheela Gowdas Installation „Und erzähl ihm von meinen Schmerzen“ aus langen, roten Kordeln trifft, ist einer der schönsten. In der Neuen Galerie haben die Werke die meiste Luft zum Atmen. Einzig der Aue-Pavillon, dieser riesige „open space“, verschluckt sie: Auf dem groben, rot eingefärbten Asphalt und im schlecht beleuchteten Halbdunkel dieser postmodernen Plantagenarchitektur ersticken die leisen Werke, ducken sich die lauteren. Plötzlich sind alle Verbindungen gekappt und man steht inmitten eines Sammelsuriums.

Muss der mittelmäßige Kerry James Marshall überall sein?

Und die Formenschicksale? Manchmal wirken Formen wie verweht, dann mit einem Mal plakativ und intellektuell zugleich, etwa wenn Charlotte Posenenske Luftschächte aufstellt und aufhängt und Louise Lawler Luftkanäle fotografiert. Oder wenn Gerwald Rockenschaub die modernistische Malerei düpiert und buchstäblich zurück auf den Teppich holt, aber doch nur ein Apercu entsteht. Werden die spekulativen Bezüge allzu sehr herausgekehrt, so geht einem das Verbindungsspiel auf die Nerven. Müssen John McCrackens Farbkörper und Juan Davilas wüste Zustandsbeschreibungen der Welt immer wieder auftauchen? Muss der mittelmäßige Kerry James Marshall überall und in allen Medien erscheinen? Reicht es nicht, wenn Zoe Leonards Fotografien vom Wandel urbaner Räume, Bildserien von Blechrolläden, Stoffballen oder Coca-Cola-Kiosken, im Aue-Pavillon ihr Memory-Spiel betreiben? Sie werden ohnehin zur perfekten Illustration der These von der „Migration der Form“. Und doch: die eine oder andere Korrespondenz öffnet den Zugang, schärft eine Perspektive.

Von welcher Art aber ist die ästhetische Erfahrung, die zwischen Fridericianum und Aue-Pavillon ermöglicht wird? Es ist die einer entspannten Wachheit, einer geschärften Aufmerksamkeit, eines staunenden Eintauchens. Ist das anti-aufklärerisch? Soll der Besucher bezaubert werden, weil man die Entzauberung der Welt nicht hinzunehmen bereit ist? Bei Cathérine Davids dX wurde die Kunst von den Fanfarenstößen einer neuen Zeit aufgeschreckt und an die Stelle einer Kunstausstellung trat eine „manifestation culturelle“. Auf der Plattform der d 11 von Okwui Enwezor saß den Besucher die Belehrung über das Elend der Welt wie ein Alb im Nacken.

Ein Raum für die Kunst

Und nun schaffen Buergel und Noack tatsächlich so etwas wie einen Neuanfang: mit und durch die Kunst, anhand einzelner, nicht isolierter Werke, vor allem aber nicht entlang eines zementierten Verständnisses, das über den Werken schwebt. Einzelne Fäden aufnehmen und sie zur Probe zusammenzwirbeln - das versucht die d 12. Den Fäden folgen, sie weiterspinnen, das muss jeder Besucher selbst.

Die d12 ist eine Ausstellung aus vielen Ausstellungen geworden; kein Spektakel, keine Diskursplattform. Ein Raum für die Kunst. Ein Ort, an dem das Murmeln ihrer vielen Stimmen hörbar wird, wo das Kauderwelsch der vielen Sprachen die Fanfaren der Moderne ebenso übertönt wie die Lautsprecher der Marktschreier. Die documenta macht Kunst wieder erfahrbar. Buergel setzt sie nicht auf Diät. Er nimmt sie schlicht ernst, manchmal zu ernst. Weil sie das Sensationelle meidet, befreit die d12 die Kunst aus der Gefangenschaft, in der sie die aufs Neue schielende Wahrnehmung des Marktes zu halten sucht. Hätte sie auch die Drehzahl des Spinnrads des Kuratierens gedrosselt, wäre sie wirklich wunderbar.

Documenta 12, Kassel, bis 23. September. Der Katalog, erschienen im Taschen Verlag, kostet in Kassel 25 Euro.



Text: F.A.Z., 16.06.2007, Nr. 137 / Seite 39
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa

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