Von Margarete Vöhringer
20. Juni 2008 Wer sich Konzeptkunst bislang als anstrengende Angelegenheit vorgestellt hat, der erlebt in der Frankfurter Schirn eine Überraschung. Hier stellen sich Künstler des Moskauer Konzeptualismus vor, die in den siebziger Jahren zusammengefunden haben, um nicht nur zu malen, zu collagieren und zu fotografieren, sondern auch auszustellen, zu publizieren und zu sammeln, kurz: um sich selbst zu erfinden. Ausgerechnet in der Zeit des Eisernen Vorhangs, die man sich dunkel vorstellt, voller Restriktionen und Mangelerscheinungen, kam ein Humor in der russischen Kunst auf, der auch vor dem Westen nicht haltmachte.
So trifft der erste Blick in die Ausstellung auf Arbeiten, die weltweit bekannte Konsumartikel zitieren: Ein Gemälde verbindet die Ästhetik einer Marlboro-Zigarettenschachtel mit dem Schriftzug Malevich“; Lenins Konterfei ziert ein Coca- Cola“-Werbeschild, auf dem der Slogan versichert: It’s the real thing. Lenin.“ Wer sich irritiert umsieht, ob er sich auch wirklich in der richtigen Ausstellung mit russischer Kunst befindet, entdeckt das erste eigentliche Bild des Rundgangs neben der Tür: Erik Bulatows Gemälde Trademark“, das einen realistisch-barocken Wolkenhimmel zeigt, herrlich blau, mit einem riesigen, goldenen CCCP-Logo mitten darauf, dem Gütesiegel der sowjetischen Planwirtschaft. Selbst über den russischen Wolken war alles von sowjetischer Qualität und unter Kontrolle, könnte das heißen. Denkt man aber daran, dass auch minderwertige Produkte mit diesem Zeichen versehen wurden, ziehen sich die Wolken plötzlich bedrohlich zusammen.
Im ironischen Zwischenraum
Die meisten Arbeiten der Moskauer Konzeptualisten bewegen sich in solch einem ironischen Zwischenraum. Andrei Monastyrski beispielsweise organisierte kollektive Aktionen, die kaum hätten lustiger sein können, deren Teilnehmer aber ganz ernst dreinblicken: In Pelzmützen stehen sie auf einer verschneiten Waldlichtung, unter ihnen auch der Künstler Ilja Kabakow und der Theoretiker (und Kurator dieser Ausstellung) Boris Groys, und kleben farbige Briefumschläge zusammen. Insbesondere Umschlag Nr. 10 klingt interessant, in ihm verbirgt sich die Bedeutung einer Geste (Aktion)“, doch er bleibt unwiederbringlich im Werk verarbeitet. Am Ende halten die frierenden Aktivisten ihre konstruktivistisch anmutenden Farbcollagen in die Kamera.
Ob die Fotografien ein merkwürdiges Ritual oder eine irgendwie systemkritische Kunstperformance dokumentieren, bleibt offen. Danach kam alles ins Archiv des Künstlers und wird erst heute wieder der breiten Öffentlichkeit präsentiert. Dass diese Aktionen im Privaten stattfanden, lag nicht zuletzt daran, dass sie zur inoffiziellen Kunst gehörten und keinen Einlass in die staatlichen Institutionen hatten, weder in Ausstellungshäuser noch in Verlage oder Akademien. So schufen sich die Konzeptualisten ihr eigenes Produktions- und Distributionssystem, legten Sammlungen an, veröffentlichten im Eigenverlag, stellten in Parks und Küchen aus, was sie nicht nur ästhetisch vom sozialistischen Realismus befreite. Vor allem, so betont Boris Groys, führte diese Selbstorganisation zu einer künstlerischen Strategie, die statt auf Wettbewerb auf der Kollaboration zwischen den Künstlern beruhte und damit etwas schaffte, was auch für die heutige Kunst Vorbildcharakter haben könnte: ein eigenes, vom offiziellen Kunstmarkt unabhängiges System.
Raum zum Schmunzeln
Selbst bei traurigen Themen bleibt für den heutigen Betrachter noch Raum zum Schmunzeln, wie in Viktor Piwowarows Serie Projekte für einen einsamen Menschen“. Auf hellem Grund sind filigrane Objekte angeordnet, die Gegenstände des täglichen Gebrauchs; eine weitere Tafel zeigt in pastellfarben gehaltenen Blasen die Träume des einsamen Menschen. Offensichtlich fehlte es ihm weder an wichtigen Dingen, noch hatte er einen schlechten Schlaf. Auf seinem Tisch lag ein Apfel, der sich sowohl für die Ästhetik, zum Stillen des Hungers oder als Geschenk für einen anderen einsamen Menschen eignete. So war der einsame Mensch nicht einmal allein – und im Entwurf einer Biographie für einen einsamen Menschen“ stellt der Künstler klar: Jeder kann ein einsamer Mensch werden.“
Viele der konzeptualistischen Arbeiten werden geradezu labyrinthisch, sobald man versucht, ihren Sprach- und Denkspielen eine eindeutige Erklärung abzugewinnen. Diese Eigenschaft greift die Ausstellung architektonisch mit einem kleinen Irrgarten auf, dessen Trennwände gerade so hoch sind, dass man meint, den Überblick behalten zu können. Begibt man sich aber in den Irrgarten hinein, nimmt die Vielfalt der Objekte kein Ende: Alben, Mappen, CDs, Schälchen, getrocknete Pflanzen, Schachteln, Skulpturen, Filme und Dosen – die Dose der Prophezeiungen, die Dose des einen Wortes und die Dose der Texte.
Bei alledem hatte der Künstler Dmitri Prigow natürlich nicht im Sinn, die Dose zum Kunstwerk zu erklären. Eher verweist die Dose auf den Ausgangspunkt dieser Arbeit, auf die Frage nach dem Wert der Worte oder auch auf den Zusammenhang von Text und Ding. Die Arbeiten der Konzeptualisten lassen sich nicht von ihrem Endprodukt her fassen, weil es ihnen nicht um Werke im üblichen Sinne des individuellen Ausdrucks eines Künstlers ging. Vielmehr praktizierten sie Kunst als Auseinandersetzung mit ihrer alltäglichen Umwelt, mit Politik, Konsum, Religion, Sprache, Einsamkeit – mit Dingen also, die alle Menschen und zu jeder Zeit angehen. Das Ergebnis ist eine Kunst, bei der man sich gar nicht erst fragen muss, ob sie Sinn macht. Man muss nur wie die Konzeptualisten Kunst als ein Gespräch verstehen, dann lässt sich in der Frankfurter Schirn noch bis Mitte September eine ziemlich gute Unterhaltung führen.
Die Totale Aufklärung. Bis zum 14. September in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Der sehr lesenswerte Katalog kostet in der Ausstellung 29,80 Euro.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hermann Feldhaus, Courtesy Ronald Feldman Fine Arts, New York, Schirn