Von Ingeborg Harms, Paris
27. Februar 2006 Mona von Bismarck war eine tapfere Frau. Als ihr Schneider Cristobal de Balenciaga (Designer ABC: B wie Balenciaga) 1972 starb, schloß sie sich drei Tage lang in ihrem Zimmer ein. Doch dann kam sie wieder heraus. Wie alle treuen Balenciaga-Fans ging sie zu Hubert de Givenchy, um für den Rest ihres Lebens nicht ausschließlich in alten Kleidern herumlaufen zu müssen.
Die Tochter eines Pferdefarm-Managers aus Kentucky hatte mit neunundzwanzig das Finanzgenie Harrison Williams geehelicht, einen der reichsten Männer Amerikas. Dank ihres Stilgefühls und seiner Mittel wurde sie schnell zur bestgekleideten Frau der Vereinigten Staaten und galt dank eines 1933 unter anderem von Coco Chanel (Designer ABC: C wie Chanel) abgegebenen Votums als bestangezogene Frau der Welt. Als Balenciaga in den fünfziger Jahren zu Weltruhm gelangte, war Williams eben gestorben, und Mona trat wenige Monate darauf mit Graf Eduard von Bismarck, einem Enkel des Reichskanzlers, von neuem in den Ehestand. Inzwischen ging die 1897 Geborene auf die Sechzig zu und brauchte einen Couturier wie Balenciaga, um ihren Ruf in der Jetset-Welt zu halten.
Sie müssen nicht schön sein
Der geborene Baske schneiderte nicht einfach prächtige Roben, die alle Blicke auf sich lenkten, er entwarf Kleider, die die Trägerin transfigurierten, und das im wörtlichen Sinn. Sie müssen nicht schön sein, lautete der einzige Werbespruch, den er sich je erlaubte, meine Kleider erledigen das für Sie. Der Couturier, den die Pariser Meister einstimmig zu ihrem Gott erkoren, übte sein Metier mit der düsteren Entschlossenheit eines Visionärs und der selbstlosen Hingabe eines leidenschaftlichen Handwerkers aus. Er war der letzte Designer, der es wagen konnte, seine Kunst gegen das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit ins Feld zu führen. Er verzichtete auf Anzeigen und stellte seine Kollektionen der Presse erst einen Monat nach den Defilees für Privatkunden vor. Seine Preise waren so hoch, daß er sich diesen Luxus leisten konnte.
Aus dieser Zeit des modischen Absolutismus sind nur Yves Saint Laurent und Hubert de Givenchy noch unter uns. Ersterer hat sich so sehr in die innere Emigration begeben, daß ihm selbst Givenchy keinerlei Kommentar zu Balenciaga entlocken konnte. Dafür hat Givenchy dezidierte Meinungen zur Entwicklung seit Balenciaga: Alles, was ich sehe, ist fürchterlich. Die Mode ist schlimmer denn je. Die Mannequins sehen bedauernswert aus, sie sind nicht gepflegt, die Kleider haben keinerlei Form. Es ist schmerzlich und nicht sehr ermutigend, wir reden besser nicht davon.
Nachlaßverwalter einer Epoche
Givenchy hat sich zum Nachlaßverwalter einer Epoche gemacht, in der Hollywoods Glamour, Pariser Chic und New Yorker Scharfzüngigkeit zum Frühstück bei Tiffany zusammenkamen. Vor drei Jahren präsentierte er in Budapest die von ihm geschneiderte Garderobe Audrey Hepburns, mit der ihn eine langjährige Freundschaft verband. Nicht weniger innig war seine Beziehung zu Balenciaga. 2007 wird unter Givenchys Regie die Balenciaga-Stiftung in dessen Heimatort Guetaria eingeweiht. Und heute eröffnet in der Pariser Mona Bismarck Foundation eine von ihm kuratierte Ausstellung von gut zwei Dutzend Kreationen, die Balenciaga für Gräfin Bismarck schuf und die diese nach seinem Tod Givenchy vermachte.
Vorab gab mir der Couturier, der sein Haus 1988 verkaufte und die Schere 1995 niederlegte, eine Führung. Die Mona-Bismarck-Stiftung ist in das letzte, direkt an der Seine gelegene Stadthaus ihrer Namenspatronin eingezogen. Um den Kleidern größtmögliche Wirkung zu sichern, wurden die Louis-XV-Fenster mit Spiegeln verdeckt und das Innere durch indirekte Lichtquellen magisch beleuchtet. Der den Abendroben gewidmete Salon überwältigt den Besucher durch ein an die Lichteranzüge der Toreros erinnerndes Flimmern und Glitzern, das die Schneiderkunst unter Pailletten, Topazen, Kristall- und Jettperlenstickerei fast zum Verschwinden bringt. Unter farbenprächtigen Boleros nehmen schwere Shantung- und Duchesseseiden in glühendem Amethyst- und Korallenrot, in grüngolden schimmernden Brauntönen oder tiefem Schwarz Gestalt an.
Na, der Schnitt!
Exzentrische bodenlange Mäntel, transparent, mit flächendeckenden Pompons oder jadegrünen Straußenfedern versehen, verwirren mein Bild vom strengen spanischen Couturier. Das ist ein Deshabille, erläutert Givenchy geduldig. Viele Damen trugen es, um Gäste zu empfangen, die Herren trugen black tie. Wenn ich ein Dinner von Madame Bismarck besuchte, legte sie dazu eines ihrer phantastischen Kolliers an. Auch das ist Teil einer versunkenen Epoche.
Die Velazquez-Farben der Abendgarderobe verraten Balenciagas Faszination für das siebzehnte Jahrhundert, doch erst die Tageskleider zeigen wirklich, wie ein Spanier aus einem kleinen Fischerdorf im Baskenland die Mode revolutioniert hat, indem er seine Nostalgie überwand. Wir bleiben vor einem weißen Piquemantel mit feinem, schwarzem Punktmuster stehen. Der Stoff des Frontüberschlags ist schräg geschnitten und nur durch einen Knopf gehalten, so daß der untere Saum asymmetrisch angehoben wird: Monsieur Balenciaga hatte immer diese kippende Linie, die eine unvorhersehbare Wendung in die Kleider legte. Das war sehr intelligent, denn so machte die Haltung der Trägerin den Eindruck größerer Eleganz. Ich bemühe mich um Verständnis und frage, was genau denn das Kippen erzeugte? Na, der Schnitt! antwortet Givenchy: Sehen Sie sich den Fadenlauf an, schauen Sie, wie ausbalanciert alles ist.
Es ist immer dasselbe System
Offenbar hat die Eleganz, von der mein Führer spricht, mit einer höheren Symmetrie des scheinbar Unordentlichen, nicht Gleichmäßigen zu tun. Ich deute auf einen kleinen, abstehenden Kragen an einem Kostüm: Es ist immer dasselbe System. Ein Kragen, der sich leicht hebt, gibt den Eindruck, daß die Trägerin sich besonders gerade hält. Ich sehe ein Kleid, das über dem Knie elliptisch ausgeschnitten ist, so als würde die dazu gehörende Dame ihren Kopf in einer großen, manieristischen Bewegung zurückwerfen.
Die für Balenciaga typischen Dreiviertel-Ärmel geben den Anschein, als seien sie durch ein Recken der Arme nach oben gerutscht, und das angeschrägte Zusammentreffen zweier Stoffhälften über dem Busen ergibt als Trompe-l'oeil-Effekt den Eindruck, die Trägerin würde sich in die Brust zu werfen. Was ein Kollege wie Emilio Pucci durch wilde Op-art-Kreise suggerieren wollte, gelang Balenciaga ganz ohne psychedelische Muster, allein durch den Schnitt.
Er war der feurigste der Spanier
Wie Correggio, Cellini, Balthazar Neumann oder die Meister von Zwiefalten hob er durch optische Tricks die Statik auf und verwandelte würdevolle Damen von Welt in aufregende Kippfiguren, durch superbe Stoffe und deren meisterhafte Verarbeitung geerdet und zugleich so schwerelos und biegsam wie Spitzentänzerinnen. Genau in dieser Spannung lag Balenciagas fast schon mythische Eleganz. Eine Eleganz, die trotz gewichtiger Stoffe jede Steifheit vermied und überschäumende Lebendigkeit wie ein persönliches Geheimnis durchschimmern ließ.
Indem Balenciaga die spanische Grandezza ironisierte, stattete er eine Mona Bismarck noch in ihren Sechzigern mit der zentrifugalen Elastizität des barocken Olymps aus. Er war der feurigste der Spanier und der französischste der Couturiers, bemerkt Givenchy und bringt damit auf den Punkt, was der Meister den Frauen schenkte: Bevor der Mode die kindlichen Hänger der Mary-Quant-Epoche übergestülpt wurden, entwickelte Balenciaga aus spanischem Elitismus und französischem Air ein Vokabular, das es den Frauen erlaubte, in ihrer Garderobe nicht nur frei und uneingezwängt wie ein spielendes Kind, sondern zugleich selbstbewußt und ladylike zu sein.
Annelies, un pli, eine Falte!
Dabei handelte es sich nicht einfach um Trompe-l'oeil-Linien, die Dynamik nur vortäuschten, sondern um ein Prinzip, das sich in den Schnitt übersetzte. Berühmt ist Balenciaga auch für seine Ärmel, die aus dem Schulterstück geschnitten sind, so daß der ungehinderten Bewegung extra Volumen zur Verfügung steht. Bei gesenktem Arm übersetzen sich diese Ärmel in zwei Falten, die den Rücken als rechteckige Fläche fassen. Während wir uns von Gewand zu Gewand bewegen, verstummt Givenchy wiederholt abrupt, um an dieser Stoffpartie zu zupfen oder jene glattzustreichen.
Annelies! erklingt sein Schlachtruf, und seine langjährige Directrice, die gebürtige Deutsche Anneliese Heinzelmann, eilt in weißem Kittel herbei, um eine Falte auszubügeln, eine Schleppe höher zu drapieren oder ein Stück Tüll üppiger hervorspringen zu lassen. Geteilte Perfektion hat Givenchy die Ausstellung genannt und sich damit, seinem Naturell gemäß, dazu verpflichtet, keinen Millimeter Stoff dem Zufall zu überlassen. Annelies, un pli, eine Falte! klagt er, besonders, als wir den dritten Salon betreten, wo fünf Hochzeitsroben zu sehen sind. Neben der Königin Fabiolas von Belgien gehören auch die einer Enkelin General Francos und einer Nachfahrin von Christoph Kolumbus dazu.
Soll das hier etwa aufgehängt werden?
Balenciaga hatte seine Karriere in Spanien als Hofschneider begonnen und damit beendet, daß er die Mysterien des aristokratischen Auftritts demokratisierte - so wie er umgekehrt banale Alltagsstoffe in den Adelsstand erhob: etwa als er, lange vor Miuccia Prada, das Kautschuk-Material elastischer Skianzüge verwandte, um einen marineblauen Tagesmantel daraus zu nähen. Liebevoll läßt Givenchy, Enkel eines Gobelin- und Tapetenfabrikanten, die Namen der von Balenciaga protegierten Stoffweber und Stickereiateliers einfließen: Es geht um die Qualität, denn die gibt es heute nicht mehr. Es gibt nur noch das Vulgäre. Was Sie hier sehen, ist eine Lektion der Eleganz.
Zum Schluß betreten wir einen Raum, der ganz Mona Bismarck gewidmet ist. Zwei Porträts der verstorbenen Hausherrin liegen zum Hängen bereit. Da ist ein düsterer Dali, auf dem die Gräfin erst in paradiesischer Blöße zu sehen war, ehe sie ihr Konterfei bis zum Hals tintenblau übermalen ließ. Ein Bildnis Leonor Finis zeigt sie mit Schoßhund. Soll das hier etwa aufgehängt werden? erkundigt sich Givenchy: Es hat ihr gar nicht gefallen! Ich finde den Hund besser getroffen als sie. Wo Balenciaga einzog, hatten Maler keine Chance mehr; ihr Metier der Idealisierung mußte kümmerlich erscheinen angesichts eines Künstlers, der über die Schwerkraft triumphierte.
Ausstellung: Perfection Partagee. Bis 20. Mai in der Mona Bismarck Foundation, 34, avenue de New York, Paris.
Text: F.A.Z., 28.02.2006, Nr. 50 / Seite 37
Bildmaterial: AP, Hersteller, Mona Bismarck Foundation, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa/epa