Atelierbesuch bei Neo Rauch

Im Sperrgebiet des Glücks

Von Werner Spies

Könner und Kenner: Neo Rauch und Werner Spies in der Leipziger Galerie Eigen + Art

Könner und Kenner: Neo Rauch und Werner Spies in der Leipziger Galerie Eigen + Art

07. November 2006 Beim Gang zu Neo Rauch stößt man auf den handfesten Beweis dafür, daß in Leipzig die Maler und ihre Hoflieferanten prosperieren: Wir stehen auf dem aufgelassenen Areal der Leipziger Baumwollspinnerei plötzlich vor den bestens sortierten Verkaufsräumen der Firma Boesner. Das Haus für Malereibedarf ist neben einem Spirituosengeschäft und der heute schon mythischen Galerie „Eigen+Art“ einer der wenigen Läden in der verfallenden, entvölkerten Industrielandschaft. Er hält seine Farbtuben, Leinwände, Pinsel und Malmesser wie Devotionalien des Wunders von Leipzig bereit.

An diesem ungenauen Ort in Plagwitz haben sich über fünfzig junge Maler niedergelassen. Wohlgemerkt Maler - von Konzeptkunst und Fotografie spricht man in Leipzig eher wie von einem Makel. Die Erinnerung an den Besuch der Dia-Foundation, dem Wallfahrtsort für alle Adepten des Minimalismus, ruft denn auch bei Neo Rauch die Vorstellung von einer Frostkammer wach. Hier, in Leipzig, präsentiert sich das Gegenteil: eine hitzige, erzählfreudige Ölmalerei.

Bilder, die sich wechselseitig bestäuben

Mit seinem Galeristen Gerd Garry Lybke vor dem Bild “Der Vorträger“ (2006)

Mit seinem Galeristen Gerd Garry Lybke vor dem Bild "Der Vorträger" (2006)

Alles zwingt einen, wenn man mit Neo Rauch zusammen ist, auf Details zu achten. Denn man spekuliert, daß nur Genauigkeit einen Schlüssel zu den Riesenbildern des Malers zu liefern vermöge. Diese wirken auf einen wie spanische Herbergen, in denen man das serviert bekommt, was man selbst mitbringt. Man muß in die Syntax des Künstlers einsteigen, die Themen und Motive erkennen, die von einer Leinwand auf die andere überspringen. Darauf angesprochen, findet Neo Rauch die einprägsame Formel von den Bildern, die sich wechselseitig bestäuben. Auf diese Weise besorgt er sich seine Einfälle: „Ich habe Leimruten ausgeworfen.“

Der Argwohn beginnt bei dem Gang ins Atelier. Der Weg führt durch verlassene, staubige, von Leere federnde Räume. Wir passieren ein Inventar an toten Winkeln, verrosteten Apparaturen und Schattenwürfen, das man von einem Kriminalfilm erwartet. Ein gigantisches Vakuum, von Hunderten gußeisernen Säulen bestanden, grenzt an das Karree, in dem sich Neo Rauch von früh bis spät verschanzt. Die riesige Säulenhalle verwandelt sich in der Vorstellung zur „Mezquita“, zur maurischen Moschee in Cordoba. Denn „Tausendundeine Nacht“ und bilderreiches Fremdsein in der Welt passen zu diesem Geschichtenerzähler. Vieles bei Neo Rauch flottiert, zieht auf der Leinwand wie im Raumschiff durch Zeiten und Räume. Stilistisch kennen wir derartige Verzerrungen aus den Kompositionen Tintorettos und der Barockmalerei, die zur Verlagerung des Fluchtpunkts greift.

Ein Bild ist nicht in Moll gemalt: das Kleinformat „Glück“

Nachdenklichkeit dominiert das Gespräch. Ein Satz fällt sofort. Seine Bilder stünden nicht auf dem „Terrain des Glücks“. Durchgehend brächte das Malen Albträume hervor: „Im glücklichen Italien fällt mir nichts ein.“ Und in der Tat, verführerisch und schön wirken diese Bilder nur für den ersten Blick. Denn schnell stocken wir vor all den Szenen und Bühnen, die am Abgrund stehen. Wie bei Goya werden Figuren und Handlung von einem Taumel erfaßt, der den Betrachter mitzureißen droht.

Die Geschichten, in die man eindringt, liegen beim Angsttraum. Vulkanausbrüche, Ausrangiertes, brutale Schlägertypen, pneumatisch aufgefüllte Damen, Schergen, Plattenbauten, Atompilze, Guillotine, Erschießungen, Fleisch, das ein bösartiger Darwinismus ummodelt, scheinen in einen Zustand der Schwerelosigkeit versetzt zu sein. Frauen tauchen selten auf und sind nicht besonders anziehend. Aktdarstellungen und Sexualität werden in dieser virtuellen Welt überflüssig. Dann und wann darf ein kleines Requisit, nach Auskunft des Malers, Lingam spielen. Wenn auf einem Bild „Lamm“ angeboten wird, dann steht dahinter das Wissen um Abraham und Isaak, die Angst vor Denunziation und fundamentalistischem Gehorsam oder Fememord. Auf die Frage, ob es auch Bilder gebe, die nicht im Moll des Desasters gemalt sind, kommt nach kurzem Zögern die Antwort: „Letztlich nur eines, das Bild ,Glück'.“ Es gehört nicht von ungefähr zu Rauchs kleinsten Formaten.

Alle Figuren tragen letztlich sein eigenes Gesicht

Aus diesem Grunde wirkt die Umgebung, in die sich der Maler zurückgezogen hat, schnell wie ein unheimlicher, bilderverseuchter Sperrgürtel, in den Neo Rauch wie Tarkowskis „Stalker“ Abenteurer und Forschungsreisende mitnimmt. Der Künstler besitzt für diese Expeditionen seine Modelle, nicht zuletzt den Oberförster und seine Horden aus Ernst Jüngers „Marmorklippen“. Dem grünen Gewand begegnet man in den Bildern regelmäßig. Auch den Revieren, in denen der Oberförster, Jüngers teuflische Variante des „Freischütz“, seine „Schinderhütte“ betreibt. Wo man nachfragt, liefert der Künstler konkrete Assoziationen: An den Baracken, die im einen oder anderen Bild auftauchen, radelt er täglich vorbei. In ihnen waren KZ-Häftlinge untergebracht, die für die Junkers-Werke arbeiten mußten: „Solche Schwingungen bleiben am Ort, sie kräuseln sich durch den Raum.“

Vor seinem Gemälde “Die Lage“

Vor seinem Gemälde "Die Lage"

Nichts als harmlos und eindeutig hinzunehmen, dies gilt auch für die Intensität, mit der der Maler den Besucher an andere Plätze begleitet. Immer geht es ihm, wie er etwas emphatisch hinzusetzt, um die „Vitalisierung des Fremden“. Am Tag des Reformationsfestes stehen wir am Pfarrhaus in Röcken, betreten die kleine Kirche, in der Nietzsche getauft wurde, und es wird verständlich, daß auch die Kanzel über dem Altar, der Blick auf das Schlachtfeld bei Lützen, zu dem gehört, was wir in den Bildern wiederfinden. Doch nie führt dies zu einem Regionalismus. Die benennbaren Details gehen in der generellen Apokalypse unter. Zu dem Torkelnden, Richtungslosen der Szenen paßt Nietzsches Wort: „Stürzen wir nicht fortwährend? Nach rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und Unten?“ Das Material der Bilder paßt auch zum zerfetzten Menschen, den Green in seinen Tagebüchern präsentiert: „Man macht einen Roman aus der Sünde, so wie man einen Tisch aus Holz macht.“

Im Gespräch öffnet sich der Maler. Es verblüfft, wie er sich das, was er malt, selbst zu erklären sucht. Es sind Fragebilder, und alle Figuren, meint er, trügen letztlich sein eigenes Gesicht. Er zeigt einen Stolz, der mit der Verbindung mit der Geschichte der DDR, mit Jugendweihe und auch Erinnerungen an Demütigungen und Unfreiheiten leben kann. Man spürt, daß dieser Mann der Generation angehört, die damit begonnen hat, Verbitterung in Energie umzusetzen.

Kaum etwas in der DDR-Kunst hatte Neo Rauch angekündigt

Vor seinem Bild “Vorführung“ (2006)

Vor seinem Bild "Vorführung" (2006)

Wichtig bleibt für ihn, daß in Leipzig immer figurativ gemalt wurde. Sein Lehrer Arno Rink habe diese Tradition nach der Wende fortgesetzt. Doch als Maler hat sich Neo Rauch rasch über das erhoben, was zur belächelten Tradition des Figurativen in der DDR gezählt werden kann. Denn, abgesehen vom Irrealismus, auf den wir in einigen der besseren Bilder Mattheuers - „Hinter den sieben Bergen“ - stoßen, und abgesehen von der malerischen Freiheit Heisigs, gibt es kaum etwas in der DDR-Kunst, das einen Neo Rauch angekündigt hätte. Seine Bilder suchten trotz anachronistischer Zitate nie einen Eskapismus à la Tübke.

1989 bringt neue Vorbilder. Bei Baselitz, den „Neuen Wilden“, entdeckt er die schrille Auflehnung gegen eine akademische Bravheit. Entscheidend wurde für ihn eine Ausstellung von Immendorff; so grell und „unbotmäßig“ - eine seiner Lieblingsvokabeln - wollte man selbst sein. Die Absage an Interpretation, zu der er in den eigenen Bildern findet, erhebt sich nun gegen das Doktrinäre des sozialistischen Realismus. In jedem seiner Bilder steht Irritation gegen die entzifferbare Aussage. Irgendwie sind diese Szenen beispiellos. Am ehesten lassen sie an die Traumwelt im „Cremaster-Zyklus“ eines Matthew Barney denken. Hier kulminiert eine Tradition, die auf Goyas „Proverbios“, den Surrealismus, „La femme 100 têtes“, „L'âge d'or“ oder auf den Traum zurückgeht, den Dalí für Hitchcocks „The House of Dr. Edwardes“ entwirft.

Von der „Fülle, der etwas fehlen soll“

Vor seinem Bild “Das Blaue“ (2006)

Vor seinem Bild "Das Blaue" (2006)

Eine Erinnerung läßt einen nicht los, die an Roy Rowlands Spielfilm „The Five Thousand Fingers Of Doctor T.“, in dem die Zwillinge Uncle Whitney und Uncle Judson, durch einen langen siamesischen Vollbart verbunden, und Dr. Terwilliker den kleinen Bartholomew Collins terrorisieren. Bilder wie „Konspiration“ oder „Nexus“ führen in diese groteske Welt. Man denkt an den manifesten Trauminhalt, den Freud beschreibt und der alles in unverbundene Bilder zerfallen läßt. Und wie im manifesten Trauminhalt die zentrifugalen Kräfte an der Kausalität des Geschehens zerren, zerrt es in Neo Rauchs Bildern. Dazu trägt nicht zuletzt das Spiel mit den „false perspectives“ bei. Hogarth spielt in seinem berühmten Stich für Brook Taylors „Method of Perspective Made Easy“ auf durchtriebene Weise mit falschen Nachbarschaften.

Neo Rauch bejaht diese Nähe. Er erwähnt den Text, den Lichtenberg Hogarth gewidmet hat. Nicht nur Räume und Inhalte kämpfen gegeneinander, auch die Farbgebung desorientiert. Manche aufgeheizten Effekte lassen an Kubricks entzündete Visionen der „Space Odyssey“ denken. Eine Welt von Astralleibern tritt neben die Realität. Die Wirkung liegt nicht in der Phantasmagorie von Farben, sondern in der Fähigkeit, Buntheit so einzusetzen, daß sie als ein Ausfall von Farbe erscheint. Dies gilt für all die Bilder, die mit dünnem Farbauftrag gemalt werden und die eher zur flächigen Reklamesprache als zum Museum greifen. Der Vereinfachung des Kolorits entspricht der klare Umriß der Figuren, die in einem Teil der Bilder eine Art Synthese aus Goyas Kartons für die Tapisserien und den Illustrationen zu „Struwwelpeter“ zustande bringen. Es gibt Arbeiten, bei denen der Ausfall einer Primärfarbe sichtbar wird. Die Wirkung läßt an vierfarbige Probedrucke denken, in denen abwechselnd Platten für Gelb, Blau oder Rot fehlen. Der Maler spricht im Hinblick darauf von der „Fülle, der etwas fehlen soll“.

Nichts in seinem Atelier deutet auf seine Bilder hin

Der Aufenthalt im Atelier verlockt dazu, nach Spuren und Indizien Ausschau zu halten, die etwas über den Entstehungsprozeß der Bilder verraten. Ich muß gestehen, noch nie wurde eine solche Erwartung stärker enttäuscht. Denn diese Bilder, die so offensichtlich Heteroklites zusammenführen, fordern auf, nach greifbaren Quellen zu suchen. Die wie eine Collage zusammengestückelte Welt lebt, und das bejaht der Maler, von Implantaten; könnte man dann nicht den Produktionsprozeß rekonstruieren?

Doch es gibt keine erkennbaren Quellen. Er verwende kein visuelles Fremdmaterial. Und er schwört, daß er nichts versteckt halte. Es gebe nicht einmal Vorzeichnungen, alles entstehe auf der Leinwand. Sein Material lieferten weitgehend Träume. Sie führten zu dem, was er ungeplante Bilder nennen wolle. Ganze Szenen - „Das Bad“, das in einem Kurort spielt, durch dessen Häuser Äste von Bäumen wachsen - habe er im Traum vor sich gesehen. Er male in der Erinnerung abgespeicherte Bilder.

Auf diese Weise gelingt es ihm, könnte man folgern, die Nahtstellen des Realen zu verbergen und aus seiner Malerei das künstlerische Äquivalent des perfekten Verbrechens zu machen. Der Entstehungsprozeß hinterläßt keine Indizien. Traum, Automatismus, visionäre Überwucherung: Es ist Neo Rauch gelungen, bei der Tradition eines surrealistischen Verismus anzuknüpfen. Doch bei dem nicht ungefährlichen Balanceakt gilt es, weiterhin dem tödlichen Schatten des späten Dalí zu entkommen.

Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Neo Rauch in einer großen Retrospektive vom 11. November 2006 bis zum 11. März 2007.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.11.2006, Nr. 44 / Seite 27
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.-Foto Frank Röth

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