25. November 2005 Wolfsburg ist eine beneidenswert junge Stadt - und eine erbarmenswert häßliche. 1937 als Retortenstadt für das Volkswagenwerk von den Nazis begonnen, nach 1945 so enorm gewachsen wie der Konzern, besteht sie größtenteils aus nichtssagender, zusammengewürfelter Siedlungsarchitektur der Nachkriegszeit.
Dem versuchten ehrgeizige Baudezernenten immer wieder zu begegnen. So kam Wolfsburg in den fünfziger Jahren mit seinem Kulturhaus und einer Kirche zu zwei der schönsten Bauten Alvar Aaltos und peilte in den neunziger Jahren mit dem klassisch-technoiden Kunstmuseum Peter Schwegers sowie der Autostadt von Gunter Henn erfolgreich die oberen Stufen des internationalen architektonisch-ästhetischen Anspruchsniveaus an. Mit der heutigen Eröffnung von Phæno, dem Science Center, das die Stararchitektin und Pritzker-Preisträgerin Zaha Hadid entwarf, wird dieser Spitzenplatz gefestigt.
Der Bau als Landschaft in der Landschaft
Sein Wachsen konnten Reisende der Berlinstrecken des ICE beobachten, denn der Bau breitet sich direkt neben Wolfsburgs Bahnhof aus, einem feinen kleinen Glanzstück der fünfziger Jahre, dessen gähnend leeres Umfeld mit der Wende und dem neuen Zugverkehr vom Hinterhof der Stadt zu ihrem Entrée aufstieg. Stadtlandschaft - der Begriff, mit dem einst Hans Scharoun und Alvar Aalto arbeiteten und ihre skulpturalen frei stehenden Bauten begründeten - war in dieser randzerfransten Brache zur Karikatur geworden.
Genau an diesem Punkt setzte Zaha Hadid an. Sie habe, erzählte die Architektin, anfangs gar nicht gewußt, wo das Gebäude künftig stehen werde. Als dann der Standort festgelegt war, machte sie aus der Not des Irgendwo eine Tugend, indem sie ihren Bau als eine Landschaft in der Landschaft gestaltete. Doch nicht die grünen Hügel Scharouns oder Aaltos schwebten ihr vor, sondern eine Felsformation, eine Art Urlandschaft, die Symbol sein sollte für all die naturwissenschaftlichen Phänomene, die im Haus ausgestellt werden. Zudem konnten so auch die Pilotys, die schräg-wuchtigen Stützen, legitimiert werden, auf denen der eigentliche Baukörper schwebt. Denn durch sie entsteht eine Art überdachter öffentlicher Raum, eine rüde Sala terrena, die Stadt, Bahnhof und das gegenüber gelegene VW-Werk nicht trennt, sondern mittels eines Durchgangsraums verbindet.
Ein Gleiten und Stauen, Stechen und Streicheln
In ihm steht man dann auf einem Bodenbelag, der an superrauhes Schmirgelpapier erinnert, und fühlt sich wie in einer gedrungenen Felsgrotte, deren Stalagmiten ein längst vertrocknetes Meer rundlich abgeschliffen und geneigt hat. So ist Gelegenheit, den spektakulären Eindruck zu verarbeiten, den der Anblick des Bauwerks auf seiner riesigen Freifläche auslöst: scharf geschnittene Kurven und Winkel, dynamisch rasende Wandflächen aus Sichtbeton, schnittig gefurcht von abstrakten Ornamenten und spitzwinklig zulaufenden Fensterbändern; ein Faustkeil, fallen gelassen von Zyklopen, so dröhnt Phæno in Wolfsburgs neuer Stadtlandschaft, keinen unberührt lassend, von niemandem zu übersehen. Wer wollte Bürgermeister Rolf Schnellecke widersprechen, der sagte, Wolfsburg besitze dank generöser Sponsoren, darunter VW und Thyssen, ein Stück Weltarchitektur, einen Jahrhundertbau.
Weltarchitektur? Schon, wenn man die Form beschaut. Zaha Hadid, sympathisch ironisch, erklärte lächelnd, sie habe beim Entwerfen wochenlang die Stadtlandschaft und den Betonberg massiert, ehe das zustande kam, was nun steht. Tatsächlich ist Phæno eine hinreißende Architekturplastik, ein Gleiten und Stauen, Stechen und Streicheln von Volumina, dem sich niemand entziehen kann und bei dem die Frage, ob in derselben Gestalt nicht auch ein Opernhaus, ein Parlament oder eine Konzerthalle hätten untergebracht werden können, sich erübrigt.
Wolfsburg hat damit eine Stadtlandschaft erhalten, so gleitend und freizügig, wie es die Visionen der fünfziger Jahre anstrebten, so rüde und gleichermaßen technoid wie biomorph, wie es unserer zwischen Computer und Ökologie lavierenden Ära ansteht. Die Hände aber hat dieser Massage die heilige Trias der Krisengesellschaft geführt: Dienstleistungskonkurrenz, Tourismus und Eventkultur. Alle drei wurden bei der Vorstellung des Bauwerks beschworen - als Bedingungen, in deren Rahmen Wolfsburg sich von der Produktions- zur Wissenschaftsstätte erweitern, wenn nicht wandeln werde, dadurch Unternehmen und Besuchermassen anziehend.
Niemand spektakelt so einfühlsam wie sie
Bei der Innenarchitektur schlägt sich dies nieder in insgesamt vier Restaurants, die mit Rampen, Schrägen, Keilen und fulminanten Fensterausblicken zwischen dem Kabinett des Dr. Caligari und einer Raumstation Lukulls changieren; ergänzt von einem ebenerdigen großen Laden sowie einem Vortrags- und Veranstaltungssaal, dem bedarfsweise der Freiraum unter dem Baukörper als Open-air-Gelände zugeschlagen werden kann. Auch das Hauptgeschoß, die experimental landscape, zwischen deren geschrägten, auf- und abschwingenden Nischen und Hallen, Podesten, Treppen und Rampen man umherwandern kann, um Grundphänomene der Natur und Technik zu bestaunen, feiert diese Allianz aus Wirtschaft und Kultur. Ob sie längerlebig ist als die des mit Pauken und Trompeten durchgefallenen Millennium Dome in London, werden die kommenden Monate zeigen.
Mag dieses Konzept auf unsicherem Boden stehen - die Meisterschaft der Zaha Hadid steht fest. Frank Gehry ausgenommen, spektakelt momentan im internationalen Architekturgeschehen niemand so wie sie. Und niemand so einfühlsam. Denn das ist außer der Expressivität das Beste an Phæno: daß es einer heillos zerfledderten Bauwelt wie der Wolfsburgs Halt gibt, Sinn und wenn nicht Schönheit, so doch eine zufriedenstellende Gesamtgestalt. Nach all den Verheerungen, die unser Städtebau im Namen der modernen, frei fließenden Stadtlandschaft in Hannover oder Berlin, Frankfurt, Leipzig oder Kassel anrichtete, hätte niemand mehr geglaubt, daß Aaltos oder Scharouns Träume noch einmal ihren humanen und ästhetischen Gehalt unter Beweis stellen würden. In Wolfsburg haben sie es dank Zaha Hadid vollbracht.
Text: F.A.Z., 25.11.2005, Nr. 275 / Seite 33
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