Wilhelm Busch

Hundert seiner Bilder passen auf einen Rubens

Von Andreas Platthaus

Unfassbar originell, aber ästhetisch wirkungslos: Wilhelm Buschs Gemälde - „Mondaufgang”, um 1895

Unfassbar originell, aber ästhetisch wirkungslos: Wilhelm Buschs Gemälde - „Mondaufgang”, um 1895

09. Januar 2008 Er starb kurz nach acht Uhr morgens, und bis die Nachricht aus dem Pfarrhaus von Mechtshausen am Harz in die Welt gelangt war, dauerte es einige Tage. Dann wurde er als der größte Humorist und Bild-Erzähler deutscher Zunge und Feder gepriesen, und das nicht nur in Deutschland. Von dem Maler Busch aber kein Wort. Wie auch? Sein entsprechendes Werk war unbekannt, und Wilhelm Busch wollte es genau so.

Von einer Ausstellung dieses OEuvres, wie sie jetzt in der riesigen Reithalle von Schloss Gottorf stattfindet, hätte Busch deshalb nicht einmal geträumt. Ins Träumen jedoch bringt sie andere: die Besucher, die sich ausmalen können, was geschehen wäre, wenn Busch zu Lebzeiten diese Arbeiten jemals ausgestellt hätte. Und gewiss auch das Wilhelm-Busch-Museum von Hannover. Denn dort hat man zwar den weltweit größten Bestand an Busch-Zeichnungen, -Bildern und -Manuskripten, doch man kann platzbedingt nur einen Bruchteil davon zeigen. Zum ersten des aktuellen Doppelgedenktags - zum 175. Geburtstag des Künstlers im vergangenen Jahr nämlich - hatte man deshalb in Hannover gleich zwei Ausstellungen ausgerichtet: „So viel Busch wie nie“ und „Avantgardist aus Wiedensahl“. Um beide Schauen zusammenzufassen, reichte der Platz im Wallmoden-Palais, dem Domizil des Busch-Museums, nicht. Dazu musste erst die Gottorfer Reithalle her, in der das Schleswig-Holsteinische Landesmuseum aus Anlass des hundertsten Todestags von Wilhelm Busch nun das Beste aus beiden Hannoveraner Präsentationen versammelt hat. Und diesmal trifft der gleich mit übernommene Titel auch zu - „So viel Busch wie nie“.

Die Schätze liegen normalerweise unzugänglich in Hannover

Insgesamt sind in Schleswig 178 Bilder, 86 freie Zeichnungen, elf Zeichnungen zu der 1883 erschienenen Bildergeschichte „Balduin Bählamm“ und - das Rarissimum der Schau - sämtliche Originalseiten von Buschs illustrierter Handschrift zu „Max und Moritz“ zu sehen. Letztere sind allerdings so empfindlich, dass über die Laufzeit der Ausstellung hinweg in zwei abgedeckten Tischvitrinen jeweils nur ein Kapitel gezeigt wird, beginnend natürlich mit dem bösen Streich, der die Witwe Bolte ihre Hühner kostet. Bis zum Ende der Laufzeit am 27. April werden dann nach und nach die weiteren Kapitel bis zum bösen Ende präsentiert. Diese Schätze liegen normalerweise unzugänglich in Hannover, und für die überaus großzügige Ausleihe dürfte es nicht unerheblich gewesen sein, dass der Direktor von Schloss Gottorf, Herwig Guratzsch, zu den profiliertesten Busch-Forschern gehört und früher einmal das Wilhelm-Busch-Museum geleitet hat.

Diese Erfahrung mit dem Werk des Künstlers merkt man Guratzschs Konzeption der Ausstellung an. Es orientiert sich in groben Zügen an der Chronologie - sofern das bei Busch überhaupt möglich ist, der nur einen verschwindenden Anteil seiner Werke signiert und datiert hat. Bei seinen Bildergeschichten ist die Bestimmung des Entstehungszeitraums dank der Publikationsdaten und der zumindest in Teilen erhaltenen Korrespondenzen mit den Verlegern kein Problem, aber bei vielen Gemälden und Zeichnungen ist die Zuordnung zu bestimmten Lebensphasen immer noch umstritten. Deshalb sind, mit Ausnahme des Frühwerks, alle in Jahrzehnte gegliederten Werkblöcke, die in Schleswig gezeigt werden, unter Vorbehalt zu betrachten: Manches Bild mag doch nicht mit dazugehören.

Großzügigste Motive auf Zwergenbildern

Der Knalleffekt der Ausstellung ist die große Ostwand der Reithalle. Sie ist gewiss vierzig Meter lang, und darauf sind fünfundzwanzig Bilder, überwiegend aus dem Spätwerk, verteilt. In den letzten Jahren seiner malerischen Tätigkeit hatte Busch seine ohnehin schon kleinen Formate noch einmal reduziert; sein gesammeltes malerisches Werk, das trotz einiger dokumentierter Autodafés heute immer noch aus mehr als tausend Bildern besteht, dürfte insgesamt kaum die Fläche von einem Dutzend normaler Rubens-Gemälde einnehmen. So sind also an der turmhohen Ostwand fünfundzwanzig Bildchen, kaum eines davon breiter als zwanzig Zentimeter, aufgehängt, die jedes erst aufs Zehnfache oder mehr vergrößert werden müssten, um eine normale Museumsanordnung zu erreichen. Doch gerade durch diese Isolierung der winzigen Täfelchen wird für den Betrachter deren Rang zur Diskussion gestellt.

Das ist ein Geniestreich von Guratzsch; denn präsentiert wie große Meisterwerke, erweisen sie sich als genau diese. Busch wählte für seine Zwergenbilder die großzügigsten Motive: meist weite Landschaften aus der Umgebung von Wiedensahl, in denen sich kaum noch mit bloßem Auge erkennbar einzelne Menschen in bunten Jacken oder eben ein paar Kühe verlieren. Man sieht aber in Schleswig aus früheren Jahren auch etwas größere Porträts und Genrebilder. An der Motivwahl ist also noch alles Konvention, ganz anders aber an der Ausführung.

Busch hatte er kein Gespür für die eigene Avanciertheit

Denn der Maler Busch, zu dessen größten Bewunderern Paul Klee zählte, beherrschte auch einen Pinselduktus und wählte eine Farbenpalette, die den Expressionismus der Brücke-Künstler um mehrere Jahrzehnte vorwegnahmen, malte in der Manier von van Gogh, als noch niemand diese Manier kennen konnte, fand in einer „Hügeligen Wiesenlandschaft“ verfrüht zur Ausdruckskraft des Blauen Reiters, als er unter einem höllisch verfärbten Himmel zwei Kühe grasen ließ, die man in der Weite des winzigen Formats nur an den zwei hingetupften Lichtreflexen auf ihren Risten erkennen kann.

Er wusste jedoch nicht, was er da tat, und vor allem hatte er kein Gespür für die eigene Avanciertheit. Sein Ideal waren die Niederländer des „Goldenen Zeitalters“, und in manchen Motiven, vor allem den Porträts, nähert er sich in naiver Apologetik. Doch dann ist da plötzlich das 1869 datierte Selbstbildnis in Grau, eines der bedeutenden deutschen Porträtbildnisse nicht nur des neunzehnten Jahrhunderts, sondern bereits der Moderne. Und die Landschaften erreichen in der Übereinanderschichtung von kräftigen Farbflächen und Pinselschwüngen nachgerade abstrakte Effekte - was der Hannoveraner Katalog gezeigt hat, als er eine Landschaft auch kopfstehend abdruckte und das Bild dadurch nicht an Wirkung verlor.

Er verbarg seine Bilder, selbst vor den engsten Bekannten

Ehe Wilhelm Busch 1895 das Malen aufgab - seine letzte Bildergeschichte war schon 1884 erschienen -, hatte er jahrelang die Umgebung seines Heimatdorfs Wiedensahl durchstreift. „Und wär's nur ein Maulwurfshaufen - Fernsicht“, hatte er als Ideal auf einem Zettel notiert. Dass er allerdings jemals Pleinair-Malerei in der Art der Schule von Barbizon betrieben hat, ist unwahrscheinlich: Es gibt Aussagen von Freunden aus der Münchner Zeit in den fünfziger und sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die berichten, dass, wenn sie selbst mit Staffeleien und großen Zeichenmappen ausgerüstet auf Motivsuche gingen, Busch immer nur sein Skizzenbuch dabeihatte.

Er verbarg seine Bilder, selbst vor den engsten Bekannten. Überraschten sie ihn im Atelier beim Malen, ließ er die winzigen Pappen oder Holzflächen schnell in der Schublade verschwinden. Gemalt wurde auf billigsten Bildträgern. Keine seiner meist in Bleistift, bisweilen auch in Sepia angelegten Zeichnungen lässt sich als direkte Vorlage für einzelne Gemälde deuten, und doch arbeitete Busch akribisch an seinen Darstellungen, wie eines seiner „Sammelbilder“ zeigt: Hatte er größere Bildformate zur Verfügung, bemalte er sie gleich mit mehreren Motiven, so dass wieder kleine Darstellungen entstanden, und einmal findet sich darunter auch eine Ölskizze von zwei Kindern auf einer Kopfweide, die bis ins Detail einem Bild desselben Motivs entspricht. Nur: Was war zuerst da?

Bis heute hat er seinen Platz in der Kunstgeschichte nicht gefunden

Gegenüber zeitgenössischen Kunstströmungen schottete Busch sich ab, und diese Isoliertheit des eigenen Schaffens in der niedersächsischen Provinz mag die völlige Freiheit begründet haben, mit der er schließlich zu Werke ging: unfassbar originell, aber ästhetisch wirkungslos. Mehrfach wurde in den vergangenen hundert Jahren, nachdem sein malerisches Werk überhaupt erst bekannt geworden war, versucht, ihm einen Platz in der Kunstgeschichte zuzuweisen - vergebens.

In Schloss Gottorf zeigt man einfach seine Bilder, und man sieht in ihnen einen Meister am Werk, der sich absichtlich klein gehalten hat. Manche Liebhaber der Bildergeschichten tun sich mit dem Maler bis heute schwer. Für sie öffnet das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover am kommenden Samstag seine dritte Ausstellung binnen eines Jahrs: „Erotisch, komisch, gnadenlos“ heißt sie. Die reichen Bestände des Hauses werden noch genug Berühmtes wie Unbekanntes bereithalten, um die Schau in Gottorf prachtvoll zu ergänzen.

„So viel Busch wie nie“. Schloss Gottorf, Schleswig, bis 27. April. Neben dem Hannoveraner Katalogbuch „Pessimist mit Schmetterling“ (52,90 Euro) ist zur Ausstellung ein schöner kleinformatiger Band mit Analysen einzelner Werke und Zeugnissen zur Kunst von Busch erhältlich ( 10 Euro).



Text: F.A.Z., 09.01.2008, Nr. 7 / Seite 32
Bildmaterial: Wilhelm-Busch-Museum Hannover

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