Die Büste aus der Rhône

Locken auf Caesars Glatze

Von Wolfgang Will

Schnell wurde die Büste mit dem prominentesten aller infrage kommenden Namen belegt: Caesar

Schnell wurde die Büste mit dem prominentesten aller infrage kommenden Namen belegt: Caesar

27. Mai 2008 Wenn nicht an ihren Gegnern, so scheiterten sie doch an der „langen und zahllosen Zeit“, die nach einem Wort des Dramatikers Sophokles alles, was sie offenbar macht, auch wieder ins Verborgene versenkt. Könige, Potentaten und Diktatoren ließen wenig unversucht, der Zeit entgegen zu arbeiten und ihr Andenken zu wahren. Sie bestallten eigene Historiker, errichteten Triumphbögen, stifteten Kulte und Tempel, ließen Ehreninschriften verfassen oder Münzen prägen. Mit den Bildnissen Alexanders des Großen begann der Siegeszug des Herrscherporträts. Das Interesse der Regenten am Nachleben traf sich mit dem Wunsch des Publikums, vergangener Größe oder vergangenem Schrecken aus zeitlich sicherer Distanz „ins Auge zu sehen“.

Auch Caesar dachte an die Nachwelt. Eine Statue des Diktators stand im Quirinus-Tempel, eine andere auf dem Capitol, eine dritte auf der Rednerbühne, eine vierte aus Elfenbein wurde beim Festzug während der Zirkusspiele auf einem Wagen in die Prozession der Götterbilder eingereiht. Einer Statue im Victoria-Tempel des kleinasiatischen Ortes Tralles rühmte er sich selbst in seinen Schriften. Und auf dem Forum Iulium in Rom präsentierte er sich als neuer Alexander, indem er den Kopf eines dort aufgestellten Reiterbildnisses des makedonischen Königs durch sein eigenes Porträt ersetzen ließ.

Eingeschmolzen, umgearbeitet, entsorgt

Er will ihn sofort erkannt haben: Luc Long mit der Büste aus der Rhône

Er will ihn sofort erkannt haben: Luc Long mit der Büste aus der Rhône

Wichtiger als Inschrift und Bild aber war Caesar die historiographische Überlieferung seiner Taten. Anders als Alexander wollte er deren Schilderung nicht den Berufshistorikern überlassen. Zehn Bücher Commentarii stammen aus seiner Feder, sieben über den Krieg gegen die Gallier, drei über denjenigen gegen Pompeius und die eigenen Bürger. Der Nachruhm währte freilich nur kurz. Schon in der Catilina-Monographie Sallusts, dem einstigen Günstling Caesars, gewinnt der große Gegenspieler Cato an Boden; Augustus distanzierte sich versteckt von seinem Adoptivvater und in der Dichtung Lucans wird Caesar bereits in Neronischer Zeit zum Schlächter an den Mitbürgern.

Caesars Bildnisse wurden eingeschmolzen, umgearbeitet oder in Abfallgruben, Brunnen und Gewässern entsorgt. Es blieb kein einziges erhalten, das sich durch einen Namenszug ihm mit Sicherheit zuweisen ließe. Sein schriftliches Werk verschwand, bereits im fünften Jahrhundert hielt der Historiker Orosius den „Gallischen Krieg“ für ein Werk des Biographen Sueton. Erst in der Renaissance wurden die Commentarii wiederentdeckt, 1469 zum ersten Mal gedruckt und im neunzehnten Jahrhundert auch allgemeine Schullektüre. Wer das Gymnasium besuchte, kam seitdem nicht mehr an Caesar vorbei. Doch die Commentarii vermitteln kein Bild vom Staatsmann Caesar. Der Autor versteht es, von allen seinen Zielen zu schweigen. Der Leser begegnet im „Bellum Gallicum“ einem Feldherrn, der von Sieg zu Sieg eilt und nicht einmal in den Pausen die Maske des überlegenen Strategen ablegt.

Das zwanzigste Jahrhundert wollte seinen Kopf

So entstand Neugier auf den Mann hinter den Zeilen, doch der „authentische“ Porträtkopf, der sie hätte befriedigen können, fehlte. Im letzten Jahr des Diktators, 44 vor Christus, prägten die beiden berühmten Münzmeister Buca und Mettius qualitätsvolle Denare, aber alle Münzen zeigen Caesar nur im Profil. Wie im sechzehnten Jahrhundert nach Scipio-Köpfen, im achtzehnten nach denen Catos gesucht wurde, so wollte das zwanzigste den seinen Vorstellungen entsprechenden Caesar-Kopf. Der durch Münzvergleich als gesichert geltende Caesar-Typus Pisa-Chiaramonti, ein etwas heroisierter Kopf mit festem Lockenschema, den die Vielzahl der Repliken als berühmten Mann ausweist, war offenbar augusteisch. So genügte er den Ansprüchen auf „Authentizität“ nicht, zumal ihm die vom Biographen Sueton bezeugte Stirnglatze fehlte, die Caesar angeblich kaschierte, indem er das spärlich gewordene Haar über den Scheitel von hinten nach vorn kämmte oder den Lorbeerkranz trug, den ihm Senat und Volk als Auszeichnung verliehen hatten.

Der „gewünschte“ Kopf musste dann aber erst gar nicht ausgegraben werden. Er war bereits 1825 in Tusculum gefunden worden und lag mehr als hundert Jahre in einem Turiner Museum, bis ihn der Archäologe M. Borda 1943 „zweifelsfrei“ als zeitgenössischen Caesar erkannte. Er besitzt die von Sueton beschriebene Stirnglatze, die Haare sind von hinten nach vorn gestrichen, mit den Münzbildern stimmen der lange, faltige Hals überein und der gestreckte Schädel mit dem ausladenden Hinterkopf. Aber vor allem ist es natürlich ein Caesar, wie er in seinen letzten Lebensjahren, in denen das Porträt entstanden sein soll (das inzwischen auch wieder zur Kopie eines Originals herabgestuft wurde), ausgesehen haben kann: ein gealterter Mann, gezeichnet von den Anstrengungen eines vierzehnjährigen permanenten Kriegszustandes mit Feldzügen in drei Erdteilen, ratlos angesichts seines politischen Scheiterns. Es ist der Caesar, den wir heute sehen wollen, und so wird er sich auch gegen den „grünen“ Kopf aus ägyptischem Hartgestein in Berlin (Fälschung?) oder die Neufunde des einundzwanzigsten Jahrhunderts behaupten. Paul Zanker hat sich an diesem Montag in der „Süddeutschen Zeitung“ schon in diesem Sinne geäußert.

Gefürchtet und gefeiert wie noch kein Mensch vor ihm

Weder der Caesar, der 2003 aus einer Zisterne der sizilianischen Vulkaninsel Pantelleria geborgen wurde, noch derjenige, der im Oktober des Vorjahres aus der Rhône bei Arles gefischt wurde, werden sich in absehbarer Zeit als gesichert erweisen. Es ist der Wille des Archäologen, der die Büste zu(m) Caesar macht. Er habe ihn sofort erkannt, soll der französische Altertumsforscher Luc Long über den Fund in der Rhone geäußert haben, ohne allerdings zu sagen, woran. Die Ähnlichkeit mit dem Turiner Kopf ist nur gering, und die dominierenden Naso-Labialfalten sind in dieser zangenförmigen Ausprägung von anderen Caesar-Köpfen her nicht bekannt. Die veristischen Züge könnten auf ein republikanisches Porträt verweisen. Und für Caesar spricht, dass er im Fundort Arles im Jahre 46 eine Veteranenkolonie gründete oder gründen ließ (durch Ti. Claudius Nero, den Vater des Kaisers Tiberius), denn persönlich kann Caesar erst im Sommer 45 in Arles gewesen sein, als er sich nach der letzten Schlacht des Bürgerkrieges auf dem Rückweg aus Spanien in der Gallia Narbonensis aufhielt.

Es wären Veteranen der dort angesiedelten 6. Legion gewesen, die die Büste aufgestellt hätten, aber wohl nicht in den Jahren 49 bis 46, wie die französischen Archäologen meinen, sondern erst 45, als Caesar nach dem erwähnten spanischen Sieg über die Söhne des Pompeius in Spanien, „gefürchtet und gefeiert wie noch kein Mensch vor ihm“ (so der Historiker Appian), allerorten Standbilder erhielt. Dass die Büste unmittelbar nach der Ermordung Caesars an den Iden den März in die Rhône geworfen wurde, wie ebenfalls behauptet, entbehrt jeder Wahrscheinlichkeit. Dazu bestand keinerlei Anlass.

Es wird nicht der letzte Caesar gewesen sein

Glauben wir den in den letzten Wochen verbreiteten Nachrichten, besitzen wir nun einen Caesar, wie wir ihn noch nicht kannten. Das ist insofern richtig, als die Büste ein Einzelstück ist. Sicherlich wird es auch nicht der letzte Caesar sein, der das Licht des einundzwanzigsten Jahrhunderts erblickt. Ausgräber geben ihren Funden verständlicherweise den prominentesten Namen, der den Umständen entsprechend möglich ist. Aber selbst wenn sich die so eilig propagierte Identifizierung als richtig erwiese, bedeutet der Fund in der Rhône für unser Caesar-Bild wenig. Es entsteht aus den literarischen Zeugnissen namentlich der Zeitgenossen und konstituiert sich in kurzen Abständen regelmäßig neu.

Wenn denn jemand Caesars wahres Gesicht zumindest ahnen will, muss er Ciceros Brief an seinen Freund Atticus vom 19. Dezember des Jahres 45 vor Christus lesen. So nah ist niemand dem Diktator gekommen. Caesar-Büsten illustrieren nur dieses von Cicero entworfene Bild. Vielleicht auch die aus der Rhône, vielleicht aber auch nicht.

Wolfgang Will lehrt Alte Geschichte an der Universität Bonn. Vor wenigen Wochen erschien sein Buch „Veni, vidi, vici - Caesar und die Kunst der Selbstdarstellung“.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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