Fotoausstellung

Die Früchte des Zorns, wie frisch lackiert

Von Freddy Langer

Ein klassisches Motiv, ungewohnt in Farbe - fotografiert von Marion Post Wolcott 1940

Ein klassisches Motiv, ungewohnt in Farbe - fotografiert von Marion Post Wolcott 1940

06. März 2007 Roy Stryker wusste genau, was er wollte. Zwölf Fotografen arbeiteten in den dreißiger Jahren unter seiner Leitung für die Farm Security Administration (FSA), eine Regierungsbehörde in Washington, um den Alltag der ländlichen Bevölkerung zu dokumentieren. Jedem gab er ein „Shooting Script“ mit auf den Weg, eine Motivliste, die schier endlos Stichworte aneinanderreihte, sich aber keineswegs bloß auf Vorgaben konzentrierte wie „Am Abend zu Hause“, „Kirchenbesuche“, „Bierkneipen“, „Werkstätten“ und „Zigarrenläden“, sogar „Wandschmuck in den Wohnungen als Zeichen der unterschiedlichen Einkommensstufen und ihrer Reaktionen“. Vielmehr versuchte er den Blick der Fotografen auch durch Fragen zu lenken.

„Haben Frauen so viele Treffpunktmöglichkeiten wie Männer?“, hieß es etwa. Oder, weniger präzise formuliert: „Beziehung zwischen Bevölkerungsdichte und Einkommen und Dingen wie gebügelter Kleidung, geputzten Schuhe etc.“ Kurz: Roy Stryker war jeder Aspekt des Lebens bildwürdig, solange damit den Großstädtern der Ostküste ein Eindruck von den ärmlichen Verhältnissen auf dem Land vermittelt werden konnte. Denn eines vor allem bezweckte er mit den Fotografien: Sie sollten die Notwendigkeit der Reformen von Präsident Roosevelts Politik des „New Deal“ deutlich machen und die Steuerausgaben für die Bevölkerung des Südens und Mittleren Westens rechtfertigen. Sie waren Propagandamaterial.

Sie zeigten eine graue Welt

Wie wirkungsvoll sich die Bilder einsetzen ließen, zeigen jene Aufnahmen, die bis heute unser Bild dieser Epoche prägen: „Migrant Mother“ etwa von Dorothea Lange - die Frau eines Flüchtlingstrecks, unterwegs in Richtung Kalifornien, deren zwei Kinder sich verschämt von der Fotografin abwenden und an der Schulter der Mutter verstecken; die armselige, wenngleich adrette Küche einer Farmerfamilie, die Walker Evans in Alabama aufnahm und zum Symbol des Trotzes gegen die widrigen Umstände erhob; oder Arthur Rothsteins Aufnahme eines Vaters und eines Sohnes, die sich verzweifelt ihren Weg durch einen Sandsturm bahnen. Diese Aufnahmen wurden zu Ikonen der amerikanischen Depressionszeit.

Fast zweihunderttausend Negative verwaltete Roy Stryker Anfang der vierziger Jahre in seinem Archiv. Doch es war nicht nur die schiere Masse, die für Vielfalt und vorgebliche Authentizität sorgte, es waren vor allem die ganz unterschiedlichen Ansätze der Fotografen. Eines aber blieb allen Bildern gleich: Sie zeigten eine graue Welt, aufgenommen in Schwarzweiß.

Wie eine Korrektur der eigenen Erinnerung

Fast einen Schock verursachten deshalb die etwa siebenhundert Farbdias von Fotografen der FSA, die vor mittlerweile fünfundzwanzig Jahren die Fotohistorikerin Sally Stein im „Office for War Information“ entdeckte, wo man sie während des Zweiten Weltkriegs falsch abgelegt hatte. Als Wanderausstellung gingen einige davon bald durch Amerika.

Das Fotografie Forum in Frankfurt präsentiert jetzt fünfzig dieser Bilder zum ersten Mal in Deutschland - gemeinsam mit etlichen der bekannten Schwarzweißmotiven. Sie zeigen die düstere Epoche der Depression buchstäblich in einem neuen Licht. Fast meint man, die eigene Erinnerung korrigieren zu müssen, so überwältigend ist der Eindruck. Wo bisher Menschen in trister Kleidung posierten, leuchten auf den Gruppenbildern von Russell Lee jetzt Blumenmuster auf Blusen und Schürzen. Wo Walker Evans sich auf die Preisschilder in kleinen Läden konzentrierte, glänzen bei John Vanchon Berge von Grapefruits und Apfelsinen, als wären sie mit Lack überzogen. Die Strohhüte zweier angelnder Buben strahlen bei Marion Post Wolcott in einer Art Tom-Sawyer-Idyll, als wären sie selbst die Sonne. Hier scheint man den liebreizenden Illustrationen eines Norman Rockwell näher als der Wirklichkeit etwa des Steinbeck-Romans „Früchte des Zorns“.

Die ersten Erfolge der New-Deal-Politik

Es dauert einige Zeit, bevor man begreift, dass ja gerade die Sonne der größte Feind der Farmer war. „When's it gonna rain“ war deren Standardbegrüßung während der jahrelangen Dürrekatastrophe. Doch um solche Interpretationen war es Roy Stryker nicht zu tun. Dass er seine Fotografen von 1939 an ermunterte, mit dem von Kodak gerade neu auf den Markt gebrachten Material zu experimentieren, hatte wiederum politische Gründe: Er wollte - in Farbe ebenso wie in Schwarzweiß - die ersten Erfolge der New-Deal-Politik vorstellen, einen Aufschwung zeigen, auch wenn sich dieser letztlich eher dem Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg als der Sozialpolitik verdankte.

Die Illustrierten taten sich in jenen Tagen schwer, in Farbe zu drucken. Und die Behauptung von Walker Evans, Farbe im Foto sei vulgär, half dem neuen technischen Verfahren damals nicht weiter. Das Interesse ging rasch verloren. Heute erliegt man der Versuchung, die Aufnahmen als Vorhut der modernen Fotokunst zu betrachten, etwa den Bildern eines William Eggleston. Doch damit verfehlt man das Interesse der FSA-Fotografen. Nicht die Farbe war ihr Thema, sondern der Alltag. Dass die Welt bunt war, war für sie normal. Erst für uns wird die Erkenntnis zu einer Sensation.

„Bound for Glory. America in Color (1939-1943)“, Fotografie Forum International, Frankfurt; bis 29. April.



Text: F.A.Z., 06.03.2007, Nr. 55 / Seite 33
Bildmaterial: AP, Library of Congress, Washington

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