15. Dezember 2004 Es gibt kein Klingelschild. Wer Peter Eisenman in seinem Studio besuchen möchte, stößt einfach die Glastür auf und betritt den schmalen Flur des kleinen Hochhauses in der 25th Street von Chelsea, läuft ein paar Schritte, vorbei am Warnschild, der letzte im Haus möge beim Verlassen bitte abschließen, und drückt auf den Fahrstuhlknopf. Elfter Stock, Eisenman Architects, das oberste Geschoß.
Um das schlichte Lagerhaus hat sich an diesem eiskalten, wolkenlosen New Yorker Morgen ein Flohmarkt ausgebreitet: alte Holzmöbel, Lampen, abgegriffene Soulplatten für ein paar Dollar. Denn links des Gebäudes, in dessen oberstem Geschoß also der Architekt arbeitet, auf dessen Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden Europas diese Woche der letzte Quader gesetzt wird, ist eine Brache und rechts ein offener Vorhof: genug Platz eben für einen Flohmarkt unter freiem Himmel. Es ist ein luftiger Ort für diesen dichtbebauten Teil Manhattans, zwischen Broadway und der Sixth Avenue, keine drei Minuten vom markanten Flatiron Building entfernt. Männer fahren ihre Pick-ups beim Flohmarkt vor, laden aus, ihr Atem steht in der Luft. Hier, rund um Eisenmans Loft, ist New York so alltäglich, wie eine berufstätige Millionenstadt in ihren einfachen Seitenstraßen es nur sein kann.
Wie aus einem Woody-Allen-Film
Der Fahrstuhl öffnet sich direkt ins Studio. Peter Eisenman sitzt allein an einem kleinen Schreibtisch hinter einem Stahlträger, mitten im hellen Raum, vor einem betagten Computer und zwischen Papieren. Er rückt den Kopf herum und ruft: Ich bin Peter Eisenman, kommen Sie herein! Es ist neun Uhr früh am Samstag. Seine Mitarbeiter werden in der nächsten Dreiviertelstunde nach und nach eintreffen, ihn kurz begrüßen und sich an ihre ebenso unspektakulären, mit Papieren überfüllten Schreibtische setzen. Noch aber sind wir unter uns, und Eisenman, in brauner Breitcordhose, schwarzem Pullover und Nickelbrille, klassisch wie eine Figur aus einem der guten Woody-Allen-Filme, beginnt, ohne eine Frage abzuwarten, das Gespräch.
Eigentlich habe er mehr als genug Berichterstattung über seine Person und sein Projekt erfahren, wird Eisenman in den folgenden anderthalb Stunden mehrmals wiederholen. Der unaufgeforderte Beginn und manche oft gedruckte Pointe, die er fallenläßt, unterstreichen das nur. Eisenman ist 72 Jahre alt, sieht aber mindestens zehn Jahre jünger aus, er ist hellwach, charmant, lehnt sich im Stuhl zurück, faltet die Hände hinter dem Kopf. Manchmal kann er sogar aufreizend lässig sein, wie beim Richtfest des Mahnmals im Juli, als er sich, umschwärmt von Kameras, plaudernd an die Stelen, seine Stelen lehnte.
Ein heikles Projekt
Das Mahnmal-Projekt hat meine Karriere in Unruhe versetzt, sagt er. Und läßt kurz darauf eine der vielzitierten Wendungen folgen: Wenn ich nach Berlin reise, verlasse ich New York als amerikanischer Architekt und kehre als Jude zurück. Doch kann man Eisenman dies Repertoire verdenken, angesichts jenes heiklen Projekts, auf das er sich eingelassen hat? Die Sprachregeln der Debatte um das Holocaust-Mahnmal (und deutscher Vergangenheitsbewältigung überhaupt) sind hochkomplex. Der Architekt des Mahnmals hat das selbst zu spüren bekommen, als er in einer Kuratoriumssitzung der Denkmalstiftung anmerkte, daß seine Zahnfüllungen von Degussa stammen - jenem Unternehmen, das beauftragt war, den Graffitischutz für die Stelen zu liefern, das aber tief in nationalsozialistische Verbrechen verstrickt gewesen ist. Die Bemerkung wurde schnell zum Eisenman-Eklat, der Architekt entschuldigte sich, der eigentliche Streitpunkt wurde nach aufgeregtem Hin und Her beigelegt: Degussa durfte den Stelenschutz liefern.
Unser Gespräch sollte die Episode gar nicht berühren, doch Eisenman erklärt - abwinkend, das sei doch gar kein Problem, nein, nein, stört mich gar nicht - unaufgefordert noch einmal, wie es dazu kam. Warum er erwähnte, daß sein New Yorker Zahnarzt ihn auf seine Degussa-Füllungen hingewiesen hatte? Er war genervt und wollte die langwierige Kuratoriumsdiskussion um die Beteiligung des Unternehmens entkrampfen - und nicht etwa einen Witz erzählen.
Reflexhafte Debatte
Eisenman hätte vielleicht geschwiegen, wäre ihm klar gewesen, daß er sich zum Gegenstand der reflexartig ausbrechenden Debatte darüber machte, was man über den Nationalsozialismus sagen darf und, vor allem, wie man es sagen darf. Vielleicht hätte er aber auch nicht geschwiegen. Zum einen, weil er gern sagt, was er denkt. Zum anderen, weil es Eisenman an den Deutschen besonders aufregt, daß sie sich stets neu und immer wieder heftig darüber in die Haare kriegen, wer was und wie sagen darf über die Nazis und die Juden. Am meisten aber, das gesteht er freimütig, hat ihn die Jüdische Gemeinde aufgeregt.
Ich wäre wirklich froh, wenn das Mahnmal-Projekt endlich zu Ende wäre, sagt er denn auch. Ich werde ständig über jüdische Architektur befragt, über Gedächtnis und Identität. Er sei aber ein amerikanischer Architekt. Ein Dekonstruktivist. Ein Jude zwar, aber einer, in dessen Elternhaus zu Weihnachten ein geschmückter Tannenbaum gestanden hätte. Für mich geht es in der Architektur darum, dem Menschen eine körperliche Erfahrung zu geben, sagt er. Das Stelenfeld solle für eben diese ursprüngliche körperliche Erfahrung sorgen, Präsenz schaffen, ein Gefühl wie bei einem Besuch in Auschwitz. Um das Mahnmal zu begreifen, müsse der Besucher nichts wissen. Auf dem Stelenfeld herrscht eine Aura, ein Gefühl der Sprachlosigkeit. Also erwartet einen dort keine Geschichtsstunde, keine Vergangenheitsbewältigung? Dafür fühlt sich Eisenman nicht zuständig. Das Mahnmal ist eine deutsche Angelegenheit. Ich bin kein Deutscher. Ich erteile keine Lektionen.
Gewaltige Geste
Und doch liegt das Stelenfeld mitten im politischen Berlin: Wer vom Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor fährt, kommt daran vorbei, wer vom Plateau des Reichstages hinabschaut, sieht es auch. Eisenman nickt. Es gibt da aber keinen Widerspruch. Die politische Geste ist gewaltig. Dafür haben wir gestritten, darauf lag ein Teil des Gewichts.
Der Fahrstuhl öffnet sich, ein junger Assistent kommt ins Loft, spricht Eisenman kurz auf neue Entwürfe an - das Büro arbeitet derzeit unter anderem an einem Stadionprojekt in Arizona, zudem eröffnet Eisenman am Dienstag eine Ausstellung im Wiener Museum für angewandte Kunst. Dann verschwindet der Assistent in den Bücherregalen, die an der Fensterfront hin zur Straße aufgestellt sind. Zwischen diesen randvollen Regalen nehmen alle Assistenten Platz. Gerahmte Plakate, Zeichnungen stapeln sich auf vergilbten Auszeichnungen: Eisenman hat mehr geplant als gebaut. Sehen Sie sich um, wird Eisenman später sagen. Wir arbeiten gerade an Projekten für insgesamt 800 Millionen Euro, in diesem kleinen Loft.
Demontiertes Kunstwerk
Eines dieser Projekte, das nicht in die Tat umgesetzt wird, ist Eisenmans mit Richard Meier, Steven Holl und Charles Gwathmey eingebrachter Entwurf für Ground Zero in Manhattan. Daniel Libeskind erhielt den Zuschlag, nur um zu erleben, wie sein überspanntes Gesamtkunstwerk aus Ultrawolkenkratzer, Mahnmal und Lichtspiel nach und nach vom Pächter Larry Silverstein demontiert wird.
Eisenman möchte sich nicht über diesen Entwurf äußern. Er bedauere aber, was nun mit Libeskind, den er Danny nennt, passiere. Vor allem, weil es zeige, wie sich private Kräfte des öffentlichen Raumes bemächtigten, ihn vereinnahmten - während Eisenman mit seinen Freunden doch gefährdeten öffentlichen Raum habe zurückgewinnen wollen: Wir trafen uns an meinem 70. Geburtstag im Restaurant des Four Seasons Hotel, wo wir immer mit Philip Johnson gegessen haben, erzählt Eisenman, und wir sagten: Wir müssen uns an diesem Wettbewerb beteiligen, weil wir das architektonische Establishment New Yorks repräsentieren, weil wir das hometeam sind. Also vier der New York Five.
Ich bin kein Mahnmal-Spezialist
Der Entwurf sah fünf minimalistische Türme vor, zum Gitter verstrebt, eine Hommage an den Schachbrettgrundriß Manhattans. Ein Memorial Shadow Park sollte entstehen, Schatten eine Brücken zum Hudson schlagen, um das vernachlässigte Westufer für die New Yorker zu erschließen, als Konzertbühne zum Beispiel. Heute sagt Eisenman, für ein Denkmal am Ground Zero sei es zu früh. Ich bin kein Mahnmal-Spezialist. Unser Projekt wurde nicht als ein Mahnmal eingereicht, sondern als eine Chance, Manhattan neu zu denken. Der Entwurf landete weit vorn, wird jedoch nicht gebaut. Der von Libeskind aber auch nicht.
Unser Gespräch ist beendet, da beginnt es noch einmal, weil wir auf Berlin zu sprechen kommen, das Eisenman auch gern neu denken würde, mit Hochhäusern, die wie am New Yorker Central Park den Tiergarten einrahmen, um die Stadt dichter, urbaner zu machen. Er könne sich vorstellen, hier zu leben, sagt Eisenman. Er hat hier sein Lieblingslokal, die Paris Bar in der Kantstraße, und seinen Italiener, den er sich mit Michael Naumann teilt. Er kennt die Konfliktlinien der öffentlichen Meinung (und es macht ihm Spaß, sie zu übertreten), kennt Schlagwörter wie Vertreibung auch auf deutsch, er liest Grass, hat Walser getroffen, ist seit langem eng mit Albert Speer, dem Frankfurter Architekten und Sohn des Rüstungsministers und Architekten Hitlers, befreundet, von dessen Familie er oft spricht.
Er lobt Joachim Fest in höchsten Tönen und auch den Untergang, weil der Film ein Zeichen dafür sei, daß sich der historische Diskurs allmählich verändere, daß die Deutschen unbefangener würden, was er ihnen sehr wünsche. Möglich, daß der lange, bittere Streit um das Holocaust-Denkmal für diesen Wandel mehr getan hat, als Eisenmans sprachloses Stelenfeld, so ergreifend es auch sei, es jemals vermag.
Wir sehen uns dann in der Paris Bar, sagt Peter Eisenman zum Abschied, und wir bestellen Pommes frites. Stimmt doch, oder, ruft er einem seiner Assistenten zu, der eine große schwarze Brille trägt: Man bestellt immer Pommes frites in der ,Paris Bar'. Natürlich, antwortet der Assistent. Man bestellt immer Pommes frites in der Paris Bar.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.12.2004, Nr. 50 / Seite 29
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb