26. Mai 2004 Es gehört zum Selbstverständnis der sogenannten "Britart"-Künstler, denen der Sammler Charles Saatchi eine internationale Platform gab, daß sie Schlagzeilen provozieren. Nicht umsonst hieß die Ausstellung, mit der sie Ende der neunziger Jahre eine breitere Öffentlichkeit erreichten, "Sensation!".
Die Aufmerksamkeit, die den ehemaligen enfants terribles der Kunstszene allerdings jetzt zuteil wird, hätten sie mit Sicherheit lieber gemieden. Das Depot einer auf die Lagerung von Kunst spezialisierten Firma ist in der Nacht zum Montag in Flammen aufgegangen. Nach zwei Tagen, in denen das loderne Feuer den Zugang zum Gebäude verhinderte, liegen Schlüsselwerke der Gegenwartskunst nun in Schutt und Asche. Am Mittwoch glimmte die Glut noch, aber Luftaufnahmen zeigen, daß nichts geblieben ist von dem Lagerhaus auf einem Industriegebiet im Osten Londons, wo die Firma Momart rund hundert Kunstwerke in Bewahrung hatte, viele davon aus dem Besitz Charles Saatchis. Er soll erschüttert sein über den Verlust.
Hoflieferant der Königin
Momart zählt neben Saatchi und Künstlern wie Damien Hirst und Rachel Whiteread auch führende Galeristen und Museen wie Tate und National Gallery zu seinen Kunden. Das angesehene Unternehmen war bei den meisten wichtigen britischen Ausstellungen der letzten zwanzig Jahren für die Beförderung der Kunstwerke zuständig und führt als "Hoflieferant Ihrer Majestät der Königin für den Transport von Schöner Kunst" das königliche Wappen stolz neben dem Firmennamen. Obwohl sich fünf bis zehn Prozent des Momart anvertrauten Bestandes in dem Lagerhaus befand, waren keine Altmeisterwerke darunter. Betroffen ist lediglich die Gegenwartskunst.
Scheinbar sind zwei Objekte aus der Saatchi-Sammlung zerstört worden, die besondere Aufmerksamkeit erregten, als sie zum ersten Mal gezeigt wurden: Das Zelt von Tracey Emin, das mit den einhundertundzwei Namen all derer bestickt war, mit denen sie geschlafen hatte, und die Installation "Hell" der Chapman-Brüder, deren apokalyptisches Nazi-Blutbad aus tausenden von handbemalten Spielzeugfiguren bis vor kurzem den Mittelpunkt einer Retrospektive in der Saatchi Gallery bildete. Der Sammler soll eine halbe Million Pfund für die Skulptur gezahlt haben. Sie wurde ausrangiert um der Ausstellung "New Blood" Platz zu machen, die noch bis zum 4. Juli Saatchis Aquisitionen der Nachfolgegeneration in Szene setzt.
Unersetzliche Stücke
Werke von Damien Hirst und Sarah Lucas, deren jüngste Installationen zur Zeit in einer pietätlosen Ausstellung zum Thema "Der Garten Eden" in Tate Britain zu besichtigen sind, sollen ebenfalls verbrannt sein, zusammen mit unersetzlichen Stücken aus dem Besitz weniger prominenter Sammler. Ihr Verlust dürfte umso schmerzlicher sein, da diese Werke nicht so gut dokumentiert sind und sie sich auch nicht so einfach neu produzieren lassen wie etwa eines der maschinell hergestellten Punktgemälde von Damien Hirst.
Es gab Stimmen die frotzelten, ein wahrer Kunstliebhaber müsse das Feuer gelegt haben. Der den Britart-Künstlern sonst nicht gerade wohlgesonnene Kunstkritiker Brian Sewell ist jedoch nicht der einzige, der in der Hitze des Augenblicks meinte, der Brand habe "alle Voraussetzungen einer entsetzlichen Tragödie für die britische Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts". Andere sprachen von einem unermeßlichen kulturellen Verlust. Und eine BBC-Reporterin versuchte, das Ausmaß der Schäden klar zu machen, indem sie die Zuschauer aufforderte sich vorzustellen, was der Nachwelt verlorengegangen wäre, wenn die Werke führender Renaissance-Künstler ihrerzeit in einem Depot verbrannt worden wären.
Aber so sehr ihre Werke Ikonen ihrer Zeit sein mögen, lassen sich die Britart-Künstler dann doch nicht in einem Atemzug nennen mit Michelangelo, Raffael oder Leonardo. Die Brüder Chapman scheinen, obwohl direkt betroffen, das rechte Maß nicht aus den Augen verloren zu haben. Als Dinos Chapman von dem Verlust von "Hell" erfuhr, soll er bemerkt haben: "Wir werden es einfach noch mal machen. Schließlich ist es bloß Kunst." Man stelle sich vor, daß Leonardo sein "Abendmahl", Raffael seine "Sixtinische Madonna" oder Michelangelo seine "Pietà" einfach wiederholen könnten.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.05.2004, Nr. 122 / Seite 39
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