Von Heinrich Wefing
04. Oktober 2005 Der vielfach verschlungene Kunst-Krimi um den sagenhaft reichen Getty-Trust in Los Angeles hat sein erstes Opfer. Marion True, die umstrittene Kuratorin des Getty-Museums für griechische, römische und etruskische Altertümer, hat am Montag ihren Rücktritt erklärt und dürfte damit ihrer drohenden Entlassung durch die Stiftung zuvorgekommen sein.
Zum Verhängnis ist der sechsundfünfzigjährigen Kunsthistorikerin allerdings - jedenfalls vordergründig - nicht ihre mögliche Verwicklung in den Handel mit illegal ausgegrabenen Antiken geworden, derentwegen sie in Italien unter Anklage steht. Ihren hastigen Abschied hat Frau True vielmehr genommen, weil sie offenbar gegen interne Antikorruptions-Richtlinien des Getty verstoßen hat.
Freundschaftsdienst
Nach Recherchen der Los Angeles Times, die den Trust seit Wochen mit immer neuen Enthüllungen traktiert, erwarb die Kuratorin 1995 ein weitläufiges Ferienhaus auf der griechischen Insel Paros. Da sie als Ausländerin in Griechenland kein Darlehen von einer dortigen Bank erhielt, amerikanische Geldinstitute aber zögerten, eine griechische Immobilie zu beleihen, wandte sich Frau True schließlich an den Londoner Kunsthändler Christo Michailidis, der ihr über persönliche Kontakte in Athen einen Kredit über vierhunderttausend Dollar vermittelte.
Pikant ist dieser Freundschaftsdienst vor allem deshalb, weil Michailidis nach Angaben der L.A. Times gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Robin Symes überaus ertragreiche Geschäftsbeziehungen mit dem Getty-Museum unterhielt. Seit dem Amtsantritt von True verkauften Michailidis und Symes dem Haus in Los Angeles Kunstwerke im Wert von über dreißig Millionen Dollar. Daß damit augenscheinlich ein Verstoß gegen die Ethik-Regeln des Getty vorlag, die jeden Anschein von Günstlingswirtschaft untersagen, war den Vorgesetzten von Marion True allerdings schon vor mehreren Jahren bekannt geworden.
Strategiewechsel
Daß die Kuratorin, die den Kredit bereits 1996 mit Hilfe einer amerikanischen Bank zurückzahlte, jetzt neuerlich von der Stiftungsleitung mit den Vorwürfen konfrontiert wurde, läßt sich wohl nur mit dem immensen Druck erklären, unter dem der Trust seit Wochen steht. Im November soll in Rom der Prozeß gegen Marion True eröffnet werden. Bislang hatte Getty seine Mitarbeiterin entschieden verteidigt. Ob diese Linie nun weiterverfolgt wird, ist noch nicht klar. Die Tatsache allerdings, daß das Museum sich eben erst bereit erklärt hat, drei wertvolle antike Kunstwerke an Italien zurückzugeben, könnte auf einen Strategiewechsel hindeuten.
Die New York Times jedenfalls zitierte bereits einen Juristen des italienischen Kulturministeriums mit der Bemerkung, der Abgang von Marion True biete eine willkommene Gelegenheit, sich möglicherweise gütlich auf die Herausgabe weiterer umstrittener Kunstwerke aus dem Besitz des Getty zu einigen. Das könnte auch deshalb im Interesse des Trusts liegen, weil im Frühjahr nach jahrelangen Umbauarbeiten die feierliche Wiedereinweihung der historischen Getty Villa in Malibu geplant ist, die künftig als Ausstellungsort für die Antikensammlung des Museums dienen soll. Die 275 Millionen Dollar teure, immer wieder verschobene Sanierung der Villa hatte Marion True geleitet. Bei der Eröffnungszeremonie im Januar dürfte sie auf der Gästeliste fehlen.
Text: F.A.Z., 05.10.2005, Nr. 231 / Seite 44
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