22. September 2004 Man spricht nicht davon. Im Lichte der Beschwörung einer schonungslosen, aggressiven, zur Auseinandersetzung nötigenden Kunst war die altmodische Schicklichkeit, die in den Festreden an diesem einen Punkt obwaltete, beinahe anrührend. Nicht die Kriegsverbrechen Friedrich Flicks waren das Unaussprechliche auf der Eröffnungsparty der Friedrich-Christian-Flick-Collection im Hamburger Bahnhof.
Der Bundeskanzler sprach sogar das Wort "Zwangsarbeiter" aus, das Klaus-Dieter Lehmann, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in seiner verdrucksten, durch und durch defensiven Ansprache nicht über die schmalen Lippen gekommen war. Nein, im Hause des Henkers darf vom Strick längst die Rede sein. Der Wechsel im Salon des Bankiers dagegen ist immer noch eine andere Geschichte. Das Tabu am festlichen Abend war das Geld.
Schuld kann "man nicht erben, Verantwortung schon"
Der "Name Flick", erläuterte Lehmann, habe für die Stiftung ein Problem der "Glaubwürdigkeit" aufgeworfen. Man habe die "Belastung des Namens Flick" einrechnen müssen. Gerhard Schröder nahm diese Formulierung auf; die Sprachregelungen waren offenbar genau abgestimmt worden. Der "Name Flick" trägt nach Aussage des Kanzlers "die Last der Vergangenheit und der Erinnerung". Zustimmend zitierte Schröder ein Diktum des Sammlers, Schuld könne "man nicht erben, Verantwortung schon".
In Schröders Worten hat Flick "nicht abstrakt, sondern sehr konkret mit seinem Familiennamen die Pflicht zur Verantwortung vor der Geschichte geerbt". Diese Darstellung des Sachverhalts ist nun allerdings alles andere als konkret, vielmehr so abstrakt, wie es dem Wesen jenes Dings entspricht, um das die Redner ihren rhetorischen Bogen machten. Die Rede von der geerbten Verantwortung ist metaphorisch. Erben im Wortsinn kann man Vermögenswerte, Geld, übrigens mit positivem und negativem Vorzeichen.
Vermögen durch Sklavenhaltung vermehrt
Daß man Schuld nicht erben kann, ist vielleicht gar nicht so selbstverständlich, wie man immer meint. Man setze nur den Artikel davor oder bilde den Plural: Schulden vererben sich natürlich, und wer ein Erbe nicht ausschlägt, auch wenn es mit Schulden belastet ist, für den rechnet sich eben per saldo die Fortführung der Geschäfte der Väter.
Wäre Flick nur mit seinem Namen "belastet", wäre sein Großvater enteignet worden, wäre der Enkel mit der Erfindung des Internets oder einem Patent für schmerzloses Piercing aus eigener Kraft schwerreich geworden - dann wäre eine Sammlung Flick, die unter der Schirmherrschaft des Bundeskanzlers in die Obhut der mit der Pflege der Hinterlassenschaft des preußisch-deutschen Nationalstaates betrauten Stiftung überginge, zwar auch ein Anlaß für Glossen über den Lauf der Geschichte, aber nichts Anstößiges. Stein des Anstoßes ist, daß das durch Sklavenhaltung vermehrte Vermögen immer noch existiert und weiter vermehrt worden ist, so daß der Erbe des Mitglieds des Freundeskreises des Reichsführers SS Heinrich Himmler sich begründete Hoffnungen auf die Ehrenmitgliedschaft im Verein der Freunde der Nationalgalerie machen darf.
"Schlußstrich-Mentalität"
Beifall brandete im Festzelt am Dienstag abend immer dann auf, wenn Friedrich Christian Flick gegen die "Selbstgerechtigkeit" (Schröder) einer "schrillen Berichterstattung" (Lehmann) in Schutz genommen wurde. Die gutbetuchten Festteilnehmer meinten gewiß nicht Bekundungen jener "Schlußstrich-Mentalität" zu applaudieren, der Flick nach dem Urteil von Michael Fürst, Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland, "das Wort redet".
Bei der Einweihung des Holocaust-Mahnmals werden sich dieselben Gäste die Ehre geben; der Anfälligkeit für einen nationalpolitischen Revisionismus des Bauches sind die Spitzen unserer Gesellschaft nicht mehr verdächtig. Gleichwohl gehört zu ihrem Geisteshaushalt die Alltäglichkeit des Schlußstrichziehens. Kein Wohlstand ohne regelmäßige Bilanzen. Es gehört nun einmal zum Wesen des Geldes, daß es gegen seine Herkunft neutral, daß es vergeßlich ist. Man kann Flick doch nicht vorwerfen, daß er Geld geerbt hat und nun etwas Nützliches damit anstellen will: In diese Worte wird man die Grundstimmung der Solidarität unter den sogenannten Eliten der Hauptstadt fassen dürfen, die dazu geführt hat, daß das Museumsprojekt - die Rede von einer Ausstellung ist angesichts der zeitlichen und räumlichen Dimensionen verharmlosend - gegen allen Widerspruch durchgesetzt worden ist.
Postchristliche Ethik
Nicht Schuld, sondern Verantwortung: Flick hat eine Formel nachgesprochen, die seit Gründung der Bundesrepublik in Festreden kanonisch ist. Indem der Kanzler ihrer Aneignung durch Flick seinen Segen gab, komplettierte sich der rituelle Zirkel. Die Formel diente zunächst der Abwehr der Kollektivschuldthese und nahm in Kauf, daß eine Vielzahl von Schuldigen sich hinter ihr verstecken konnte und daß ausgedehnte Schuldzusammenhänge, vor allem die Verflechtungen von Kriegführung, Kriegswirtschaft und Massenmord, weitgehend unsichtbar blieben.
Das Prinzip Verantwortung macht den Umgang mit dem "Erbe" des Nationalsozialismus zum Fall einer allgemeinen, individualistischen, postchristlichen, erbaulichen Ethik. Verantwortung für die NS-Verbrechen kann dann auch durch Kritik am israelischen Mauerbau ausgeübt werden oder eben durch Gründung einer Stiftung zur Umerziehung von Rechtsradikalen in Brandenburg. Und wer will nach den Wahlen vom Sonntag behaupten, daß die Bekämpfung des Rechtsradikalismus dort überflüssig sei!
Schröder entlarvt sich selbst
Die Existenz des Zwangsarbeiterfonds, in den Flick nicht eingezahlt hat, ist das Ergebnis einer Krise des nationalen Gedächtnisses. Nach Jahrzehnten verantwortlichen Wirtschaftens entdeckte man, daß trotz Aussterben der Schuldigen die Schuld nicht abgegolten war. Nun wird auf die Freiwilligkeit der Beteiligung an den Entschädigungen verwiesen; Flicks Nichtbeteiligung könne ihm nicht vorgeworfen werden. Freilich war es gar keine Option, die Unternehmen zur Zahlung zu zwingen.
Es war vor Augen getreten, wie sehr die Gesellschaft von den Staatsverbrechen profitiert hatte; nur gesellschaftliche Selbstverpflichtung konnte diese Schulden symbolisch tilgen beziehungsweise mindern. Schröder weist den Versuch zurück, die "Lauterkeit der Motive" Flicks in Zweifel zu ziehen; unisono wünscht sich Lehmann "eine offene Debattenkultur ohne Verdächtigungen". Aber wo es um symbolisches Handeln geht, können Motive dahinstehen. Schröder entlarvt seinen Trick selbst, wenn er die von ihm inkriminierte Motivunterstellung im selben Atemzug seinerseits vornimmt und die Kritiker der Unaufrichtigkeit zeiht.
Frommer Spruch wird zur diffusen Provokation
Wer waren eigentlich diese Nörgler und Neider, die sich, folgte man Lehmann, in so skandalös geringer Zahl und so unverschämt spät gemeldet hatten? Von der in der gestrigen Ausgabe der "Welt" dokumentierten schriftlichen Fassung der Kanzlerrede wich das gesprochene Wort an einer Stelle ab. Die öffentliche Debatte sei "produktiv" und "lehrreich" gewesen, heißt es im Text. Schröder übersetzte den Satz in den Schröder-Originalton, indem er den für sein Denken charakteristischen Vorbehalt einfügte, gleich doppelt, damit auch jeder es merkte.
Aus dem frommen Spruch wurde eine diffuse Provokation: Die Debatte war "produktiv - gelegentlich, und lehrreich - nicht immer". Wer mag da unproduktiv belehrt haben? Salomon Korn vielleicht mit dem Bild vom Blutgeld? Flicks Bitte, man möge "tolerant und aufgeschlossen in die Zukunft schauen", gab Schröder als "klare Worte" an die Kritiker weiter. Man fühlte sich in die fünfziger Jahre versetzt, als die Überlebenden der Konzentrationslager zur öffentlichen Zurückhaltung aufgefordert wurden, um den Wiederaufbau nicht zu gefährden. Die Schuldfrage aufzuwerfen war unverantwortlich.
Schröder als Flicks ranghöchster Advokat
"Herr Flick hat die Verantwortung ernst genommen", bescheinigte ihm der Kanzler, und zwar die Verantwortung, "die der Besitz dieser einmaligen Sammlung mit sich bringt". Schröder war nicht nur der ranghöchste Advokat, den Flick finden konnte, sondern auch der beste. Die doppelte Verwendung des Wortes "Verantwortung" war sein Meisterstreich. Entgrenzung ist die Logik der Verantwortungsethik: Flick muß auch an die Künstler denken! Denn, so Schröder, "Künstler schaffen ihre Werke nicht für die Depots - sie wollen sie zeigen". Natürlich wurde nicht gesagt, daß die Künstler ihre Werke an Flick verkauft haben. Sie haben sie ihm "anvertraut".
Dieser Fiktion vom Treuhänder, auf dem die Ausstellungspflicht lastet, fügte Lehmann gemäß einer Art von ästhetischem Nothilferecht die Verpflichtung der öffentlichen Hand hinzu, dem Sammler unter die Arme zu greifen. Demgegenüber sei gefordert worden, "die Kunst wegzuschließen". Das stellte nun die Debatte auf den Kopf. Als Privatmann mag Flick zeigen oder für sich behalten, was er will. Die Frage war, ob seine Sammlung - zunächst auf Zeit, aber nach dem Wunsch aller Beteiligten für immer - einen Flügel jenes imaginären Weltmuseums bilden soll, das die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin unterhält, um das Selbstverständnis unseres Staates anschaulich zu machen.
Flick hat sich dem Markt gebeugt
Die Gründe, die von den Patronen des Prestigeprojekts namhaft gemacht werden, halten der Prüfung nicht stand. Geht man dann aber durch die endlosen Fluchten der Rieck-Hallen, begreift man sofort, warum Berlin um keinen Preis auf diese Spolien verzichten wollte. Daß Flick vor allem arrivierte Künstler sammelt, die auch anderswo zu sehen sind, widerlegt zwar die Dringlichkeit der vom Kanzler beschworenen Zeigepflicht, ist aber aus Berliner Sicht kein Einwand. Das zusammengebrochene Modell der West-Berliner Wirtschaft ist hier konserviert: jede Investition eine bombensichere Anlage.
Auch den Kanzler muß die Objektivität der Kräfte trösten, deren Wirken kuratorisches Bemühen verewigt: Flick hat sich dem Markt gebeugt und sich gerade dadurch als starker Mann erwiesen. Das Berliner Bürgertum, das sich empört, weil Flick das Erben zum Vorwurf gemacht wird, sah in jüngster Zeit die Substanz des eigenen Vermögens schmelzen. So wird den Kanzler der Verdacht nicht loslassen, daß alle seine Ausgaben fürs Fördern und Fordern spurlos verlorengehen.
Während aus einem Arbeitslosen durch keine Umschreibung und keine Zuzahlung ein Arbeitender werden kann, wenn keine Arbeit da ist, wird in der Gegenwartskunst aus dem Zivilisationsmüll ein Wertstoff - durch bloße Zuschreibung, die keineswegs willkürlich ist, sondern die höhere Rationalität des Marktes vollzieht. Agent dieser Vernunft ist der Sammler, der Midas unserer Zeit. Der Name des reichen Mannes gehört wirklich zur Sache. Nur als Flick Collection zeigt die Sammlung, was man für Geld doch alles kaufen kann.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.09.2004, Nr. 222 / Seite 33
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