Schätze der Völkerwanderungszeit

Nur das Entzücken ist grenzenlos

Von Kerstin Holm, Moskau

14. März 2007 Es ist paradox. Eine Ausstellung von Schätzen der Völkerwanderungszeit gemeinsam mit den großen russischen Museen auszurichten sei sein uralter Traum, sagt Günther Schauerte von den Berliner Museen. Verwirklicht wurde er, nachdem die deutsch-russischen Verhandlungen über die Beutekunst, welche die Sowjetarmee nach 1945 aus Deutschland abschleppte, faktisch zum Erliegen gekommen sind.

Bei der feierlichen Eröffnung der opulenten Schau frühmittelalterlicher Juwelen im Moskauer Puschkin-Museum, die zu mehr als der Hälfte aus erbeuteten Beständen des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte stammt, priesen die russischen Museumsleute ihre Zusammenarbeit mit den Berliner Kollegen, die das Merowinger-Projekt wissenschaftlich mit vorbereitet und ergänzende Leihgaben aus dem jetzigen Bestand des Museums für Vor- und Frühgeschichte beigesteuert hatten. Gleichwohl halte die Berliner Regierung an ihrer völkerrechtlichen Position fest, wonach die kriegsbedingt verlagerten Kulturgüter nach Deutschland zurückgegeben werden müssten, erklärte freundlich der Staatsminister für Kultur, Bernd Neumann, dessen Kataloggrußwort die Beutekunst diplomatisch als „ungelöste Frage“ bezeichnet.

Freies Geleit kann Deutschland nicht zusichern

Aus diesem Grund wird die Schau, die im Sommer noch in der Petersburger Eremitage gezeigt werden wird, Russland nicht verlassen. Freies Geleit, erläuterte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Klaus Dieter Lehmann, könne Deutschland ihr nicht zusichern. Umso jovialer gaben sich die Moskauer Realeigentümer der Goldschätze aus dunkler Zeit, denen bei der Ausrichtung des Ereignisses für eine halbe Million Euro Lehmanns Preußenstiftung mit 180.000 Euro beigesprungen war. Endlich seien die Denkmäler der Franken, Thüringer, Goten, Langobarden, die mehr als sechzig Jahre im Puschkin-Museum, im Historischen Museum und in der Eremitage versteckt waren, wieder der Öffentlichkeit zugänglich, freute sich Michail Schwydkoi, Leiter der Kulturagentur, der vor vier Jahren die Heimführung der Baldin-Zeichnungen an Bremen zugesagt und darüber seinen Kulturministerposten verloren hatte.

Dank der vernünftigen pragmatischen Haltung der Deutschen, so Schwydkoi, könne man endlich wieder die Kunst jener Zivilisationen bewundern, in denen das heutige Europa wurzelt. Hausherrin Irina Antonowa, das Urgestein der russischen Museumswelt, versicherte, das Merowingergold werde nach der Petersburger Tournee in die ständige Ausstellung integriert wie schon Schliemanns Troja-Funde aus Berlin. Die Frage einer deutschen Journalistin, ob die zu achtzig Prozent germanischen Funde für die russische kulturelle Identität wirklich so unerlässlich seien, parierte Frau Antonowa mit dem Hinweis, ihr Haus sei ein Tempel der Weltkunst mit Meisterwerken aus Ägypten, Italien, der Türkei wie andere internationale Museen auch.

Ur-Europa wie im Juweliergeschäft

Die fein gearbeiteten Kleidernadeln, Schmuckwaffen, Schnallen, Gefäße aus Gold, Silber, Bronze führen vor, wie die mobilen Wandervölker, die die antike Zivilisation zerstörten, sie sich zugleich anzueignen versuchten. Geometrische Ornamente, elegante Tierformen, die vielfarbigen Edelsteineinlagen des Cloisonée-Stils lassen verfolgen, wie skythisch anmutender Kriegergeschmack sich vom römischen Design und byzantinisch-orientalischer Delikatesse infizieren ließ. Der Titel „Europa ohne Grenzen“, unter dem die als Grabbeigaben überlieferten Kleinode präsentiert werden, möge auch für das heutige Europa zum Motto werden, wünscht sich der stellvertretende Eremitage-Direktor Georgi Wilinbachow, in dessen Haus ein Großteil der Silberfunde gelandet ist.

Das Ur-Europa wird im weißen Saal des Puschkin-Museums freilich präsentiert wie ein exquisites Juweliergeschäft. Die Kostbarkeiten, mit denen die Barbaren sich, ihre Frauen, Waffen und Pferde schmückten, liegen, nach Stammeszugehörigkeit geordnet, in edlen Glasvitrinen, beschirmt von Repliken frühchristlicher Mosaiken an der Stirnwand. Hinweise auf Fundorte, Verwendung, Kontexte fehlen. Die kleinen Etiketten geben nur auf Russisch und Englisch die Museen an, denen die Stücke gehören. Ein Sternchen vermerkt, was bis 1945 in Berliner Besitz war.

Das historische Drama liefert der Katalog nach

Die Provenienz der Beutebestände offenzulegen ist in der Eremitage seit langem Usus, im Puschkin-Museum kommt es einer Revolution gleich. Dem Besucher fällt auf, dass das Museum für Vor- und Frühgeschichte, dessen teuerste Reliquien bei Kriegsende aus dem Zoo-Flakturm nach Russland reisten, vor allem Eisenwaffen und Keramikgefäße beisteuerte. Das historische Drama, das die Museumsschau ausklammert, liefert der Katalog nach. Der sechshundert Seiten starke, fast vier Kilo schwere Prachtwälzer versammelt historische Porträts der germanischen Stämme sowie der Bewohner des Baltikums, der Waldzone, des Südens des heutigen Russlands, welche russische Forscher verfasst haben.

Hier kann man auf Deutsch, Russisch und Englisch nachlesen, wie die Germanen als Söldner und Wehrbauern des Römischen Reiches dessen Randgebiete barbarisierten, wie sich christliche Langobarden und Alemannen mit Blattgoldkreuz auf dem Haupt bestatten ließen, dass die Goten um Ravenna römische Moden imitierten und die wilden Hunnen, durch oströmische Tribute reich geworden, sich Silberspangen an ihre Schuhe hefteten.

Das im Minerva-Verlag erschienene Buch bringt auch die Ernte aus den vorbereitenden, von der DFG unterstützten deutsch-russischen Wissenschaftlerkonferenzen ein. Nur schade, dass das von der RAG-Beteiligungs-AG mitfinanzierte und dem Museum zur Vernissage ausgelieferte Opus nicht ausliegt und nicht einmal sein Preis zu erfahren ist.

Bis 13. Mai. Eine russische Broschüre kostet zwei Euro, ein Katalog ist angekündigt.



Text: F.A.Z., 14.03.2007, Nr. 62 / Seite 33
Bildmaterial: dpa

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