Von Dieter Bartetzko, Venedig
16. September 2004 Die Welt ist aus den Fugen. Die reale, noch mehr aber die in unseren Köpfen. Was in ihnen als diffuser Schrecken geistert, gewinnt Gestalt in populären comics und deren Akteuren, die in Erscheinung und Tun die vermeintlich oder tatsächlich drohenden Delirien unserer Epoche vorwegnehmen - Supermenschen, Mutanten und Monstren zwischen menschlichem Geist und tierischen Instinkten, Zwitter, zu deren Erscheinung die Idealmenschen Leonardos und bedenkenloser Gentechnologen, die Ungeheuer der Vorzeit und die des klonbesessenen Heute beigetragen haben. Sie sind allgegenwärtig, dominieren weltweit die Stände in Zeitungsläden ebenso wie die Tag- und Nachtprogramme zahlloser Fernsehsender.
Auch die fiktiven Architekturen, in denen diese Phantasiegeburten agieren, sind proteische Wesen. Sie aber haben längst und vollständig die Grenzen zur Wirklichkeit überschritten, denn zunehmend strebt auch die reale Architektur jenen Metamorphosen zu, die das Grundelement der Comicbauten sind. Dem entsprechen Titel und Themen der diesjährigen neunten Architekturbiennale in Venedig: "Metamorph" steht überall in der Stadt zu lesen.
Im Bann der Mutationen
Die innere Wahrheit dieses neuen, kürzlich noch "biomorph" titulierten Bauens enthüllt Japan, das Land, das in Technologie und Comicproduktion international dominiert, in seinem Länderpavillon in Venedigs Gardini. Dort wird die künftige Welt als eine dargeboten, die völlig im Bann ihrer Mutationen steht und nicht mehr zwischen ihren Phantasien und der Wahrheit unterscheiden kann.
"Mangas", deren Namen und Gestalten inzwischen jedes Kind zwischen Tokio und Castrop Rauxel kennt, bevölkern die Ausstellungshalle so dicht an dicht wie Ameisen ihre Haufen. Reale Architektur taucht nur noch in Form von Megarastern uniformer Hochhäuser und Verkehrssysteme auf. Irgendwann erregen die Pinselaffenaugen und -blicke der in Japan gezeugten Homunculi zwischen Astronaut und Heros, Lolita und Dolly Parton, Huckleberry Finn und Eminem Brechreiz.
Am Anfang: Eisenmans Riesenfisch
Das Kreisen der Gegenwartsarchitektur im Sog des Proteus kam nicht über Nacht, sondern zeichnete sich seit den achtziger Jahren ab. So erklärt es das Entrée im "Arsenale", dessen endlose Säulenhallen eine Vollversammlung der gerade gebauten oder geplanten Bauwerke bieten. Alles - so wird der Eintretende bei Rotlicht und dem dröhnenden "I Will Survive" der Gloria Gaynor belehrt - begann 1981 mit Peter Eisenmans begehbarem, aufgebäumtem Riesenfisch, den er als Pavillon einer japanischen Imbißkette entwarf.
Als weitere Propheten, die ihre Völker, versorgt mit dem Manna der Postmoderne, schließlich aus der Wüste der Betonmoderne in das gelobte Land metamorphen Bauens führten, tauchen Robert Venturi und Rem Kolhaas mit ihren Schriften "Learning from Las Vegas" und "Delirious New York" auf, denen sie entsprechende Bauten folgen ließen.
Die Nachkommen des Monsterfischs
Eisenmans Pavillon im Kopf, erkennt man in den biomorphen Gebilden der folgenden Säle - Titel: Transformationen - die mutierten Nachkommen des Monsterfischs: In Renzo Pianos "Zentrum Paul Klee", das wirkt, als habe der Fisch seine silbrig flimmernde Schuppenhaut abgestreift und in fließenden Faltenwürfen den Kämmen der Berner Berge anvertraut. In Zaha Hadids "Guggenheim Museum" für Taiwan, das vor den Hochhausriesen liegt wie ein tranchierter Wal. Im "Krematorium Beukenhof" von Asymptote, wo der Fisch als zerfließender Riesenrochen erscheint, oder, wie in Richard Rogers Arena von Barcelona und Zaha Hadids "Science Center Wolfsburg", in die Form von Quallen, Seeanemonen und Seeigeln übergegangen ist.
Im neuen Centre Pompidou Metz von Shigeru Ban dagegen erkennt man einen fast vergessenen Ahn der neuen metamorphen Baukunst - Scharouns quasi präbiomorphe Berliner Philharmonie, die in einer Theatern, Konzert- und Opernhäusern gewidmeten Halle des Italien-Pavillons Dominique Perraults Marinsky Theater in St. Petersburg prägt, Claus und Kaans Oper für Ghent, Eisenmans "Teatro de la Música" für Santiago de Compostela und Coop Himmelb(l)aus Opernhaus für die chinesische Riesenstadt Guangzhou.
Küstenlandschaften als Trümmerstätten
Gleiten, Fließen, Quellen, Schwellen - den Schaumgeburten kontrastieren andere, die sich als zersplitterte Kristalle oder erodierter Fels geben: Manuelle Gautrands "Citroën Showroom" oder Michele Saees "Publicis Drugstore", die sich wie zerkeilte Drusen aus den Steinfronten der Pariser Boulevards recken. Am Ende des langen Wegs durch das Arsenale kommt einem Frank Schätzings "Der Schwarm" als Endstufe dessen, was mit Eisenmans Fisch begann, in den Sinn - jene monströs riesige, selbstleuchtende und gelatineartige Formation intelligenter Einzeller der Tiefsee, die jegliche Form annehmen, sich teilen wie vereinigen kann und deren Verteidigungskrieg die Küstenlandschaften der Welt in Trümmerstätten wandelt.
Halt im pausenlosen Formenwandel des Arsenale, der beim Besucher im Vorgriff auf das künftige Stadtleben das Gefühl unaufhaltsamen freien Falls erzeugt, bieten einige vertraute Strukturen - Siedlungsbau, Umbau oder Erweiterung vorhandener Stadtanlagen wie Mario Bellinis "Cittanova 2000", die, Futurismus und Rationalismus adaptierend, bei Modena als Trabantenstadt wächst, oder auch der filigrane Techno-Riesenfisch von Acconci Studio, der sich als Theater und Kulturtreff in der Mur schlängelt, ein übermütiges Dementi der vor Jahren ergangenen Mahnung Vittorio Magnago Lampugnanis, neue Architektur müsse in der Sturmflut des telematischen Zeitalters "Inseln im Strom der Zeit" bieten, und doch so freundlich wie unnachgiebig im Zaum gehalten von der historischen Uferbebauung der alten Stadt Graz.
Der Stadt den Garaus gemacht
Trotzdem läßt sich der beklemmende Eindruck nicht abschütteln, daß die faszinierenden, im Einzelfall oft hinreißenden Bauwerke, die im Arsenale ein Panorama der städtebaulichen Zukunft entfalten, der Stadt, wie wir sie bisher kannten, den Garaus machen werden, und mit ihr, deren Konturen sie mit endlosem Quellen und Gleiten wegschieben würden, so viel zu tun haben wie der sprichwörtliche Fisch mit dem Fahrrad. Ist dieses Zurückschrecken nur die uralte banale Angst vor Neuem? Oder der Vorschein einer Haltlosigkeit, die zum Grundgefühl des Stadtlebens werden wird?
Auch die Gardini mit dem althergebrachten Schema der Länderpavillons wollen Sicherheit verweigern, verheddern sich aber meist in tölpelhaften Übernahmen des uralten Las-Vegas-Rezepts "Mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern": Achselzucken in den "darkrooms" oder neonweißen Labors (Rumänien, Ägypten, Tschechien/Slowakei, Schweiz, Ungarn), die unter wabernden elektronischen Schicksalsklängen giftfarbene Abstraktionen von Verkehrsnetzen und Stadtgrundrissen zu beunruhigenden Menetekeln stilisieren wollen.
Lächerliches Griechenland
"Und weiter?" fragt man, wenn im Amerika-Pavillon ein atemberaubend schnittig-elastischer Highway sich als High-Tech-Liane im Nichts windet. Und Peggy Lees "If That's All There Is" müßte erklingen angesichts eines "vertical urbanism" genannten Steilschafts, der als Megawolkenkratzer außer einer vagen Ähnlichkeit mit der Nike von Samothrake nichts aufbietet.
Griechenland macht sich lächerlich mit bunten, schon jetzt verblichenen und gewellten Fotokopien, Israel erquickt fußmüde Besucher mit einer winzigen Open-air-Simulation aus Strand-Sand-Liegestuhl samt Beachmusik, die unwillentlich die drinnen gezeigte Vision künftiger Betontürme im Meer vor Tel Aviv verharmlost. Polen immerhin bietet mit einem mannshohen selbstleuchtenden "cosmic bubble" das Emblem der momentanen Metamorphosenschwemme.
Hinter dem Fegefeuer die Erlösung
Aber hinter dem Fegefeuer des Japan-Pavillons wartet eine kleine unvermutete Erlösung - der deutsche Pavillon mit seiner "Deutschlandschaft". Die Peripherie, das zerfledderte, wirr wuchernde Gemenge aus Industrieanlagen, Gewerbeparks und Einfamilienghettos, das unsere Städte stranguliert, wird hier in den Blick genommen: Idealistisch und mutig, als gebe es das Phänomen "Schrumpfende Stadt" nicht, stellen neun Architekten, geladen von der diesjährigen Kuratorin Francesca Ferguson, Projekte vor, mit denen sie Markanz, Kontur, Urbanität und Stringenz in diese Niemandsländer bringen.
Alles neu, alles frisch, alles ungewohnt und doch vertraut: Einfamilienhäuser, die Spitzdach und Gaube so originell umformen, als seien sie eben erst erfunden, Werkstätten, die Sant' Elias' und Archigrams architektonische Technik-Ekstasen fieberfrei machen, auch biomorphe Gebilde, die auf kleinem Raum die barocke Formenkaskaden der Großbauten im Arsenale versprühen, Füllarchitekturen für Baulücken, so vital, daß man aufatmet.
Kleine Eingriffe, die sich auf einer collagierten raumfüllenden Fototapete im Hauptsaal zu einem Panorama vereinen, das die Peripherie nicht zum deutschen Glück im Winkel wandelt, statt dessen aber Hoffnung weckt, daß die Bauwelt, in der wir leben, nicht am Ende, sondern erst am Anfang steht. Noch findet die totale Unterwerfung der realen durch die metamorphe Welt nur auf dem Papier statt.
Bis 7. November. Der dreibändige Katalog kostet 45 Euro.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2004, Nr. 216 / Seite 31
Bildmaterial: Deutscher Pavillon, Katalog, La Biennale di Venezia