Ernst Ludwig Kirchner

Ein Bild für Christie's

Von Rose-Maria Gropp

Kirchners „Berliner Straßenszene”

Kirchners „Berliner Straßenszene”

16. August 2006 Die Rückgabe von Ernst Ludwig Kirchners „Straßenszene, Berlin“ aus dem Jahr 1913, die seit 1980 im Berliner Brücke-Museum hing, an die in England lebende Erbin des einstigen jüdischen Besitzers kam völlig unerwartet - nicht nur für die Öffentlichkeit. Vom Ausgang entsprechender Verhandlungen, die sich immerhin über zwei Jahre hingezogen haben sollen, erfuhren auch die Mitglieder des Freundes- und Förderkreises des Brücke-Museums erst aus der Presse. Sie reagierten inzwischen heftig mit einem öffentlichen Protest, in dem sie von „ungerechtfertigter Verschenkung“ sprechen.

Innerhalb weniger Tage tauchte das eminente Gemälde dann auf dem Kunstmarkt auf: Die Auktionsfirma Christie's kündigte am 7. August seine Versteigerung in New York für den 8. November an, versehen mit einem Schätzpreis von 18 bis 25 Millionen Dollar. Durch diese Verkettung von Umständen könnte der Eindruck entstehen, daß hinter dem bisher dramatischsten Restitutionsfall in Deutschland längerfristig getroffene Vereinbarungen stehen, deren Absichten es ganz entschieden nicht entsprochen haben würde, wenn Kirchners Bild für seinen bisherigen Ort hätte erhalten werden können. Tatsächlich wirft das Procedere in diesem Fall sehr grundsätzliche Fragen auf.

Besitzerreigen eines Gemäldes

Die Geschichte von Kirchners „Straßenszene, Berlin“ liest sich in aller Kürze so: Das Bild befand sich ursprünglich im Besitz des Erfurter Schuhfabrikanten Alfred Hess. Hess war ein bedeutender Kunstsammler und Förderer; zu seiner Sammlung moderner Kunst gehörten wichtige Werke des deutschen Expressionismus von Pechstein, Heckel, Schmidt-Rottluff und Kirchner. Hess starb 1931. Zwei Jahre später, 1933, brachte seine Familie die Sammlung in die Schweiz, wo sie erst in der Kunsthalle Basel und anschließend in der Ausstellung „Neue deutsche Malerei“ im Kunsthaus Zürich gezeigt wurde, wo sie dann auch blieb. Auf Anweisung der Familie gingen 1936 sieben Gemälde der Kollektion, darunter Kirchners Straßenbild, nach Köln zum Kölnischen Kunstverein. Von diesem erwarb Ende 1936 oder Anfang 1937 - das ist nicht genau zu rekonstruieren - der in Frankfurt lebende Kunstsammler Carl Hagemann die „Straßenszene, Berlin“.

Nach Carl Hagemanns Tod 1940 schenkte seine Familie Kirchners Bild aus Dankbarkeit dem damaligen Direktor des Frankfurter Städel-Museums, Ernst Holzinger. Holzinger hatte Hagemanns Sammlung - für die Nationalsozialisten enthielt sie „entartete“ Kunst - gerettet, indem er sie in Kisten lagerte und dann zusammen mit dem Bestand des Städel auslagern konnte. Das Bild hing fortan in der Schausammlung des Städel, bis es die Witwe des 1972 verstorbenen Ernst Holzinger im Jahr 1980 für 1,9 Millionen Mark an das Brücke-Museum verkaufte. Um diese Erwerbung finanzieren zu können, legten damals sämtliche Berliner Museen zusammen und verzichteten für zwei Jahre auf ihre Ankaufsetats. In all dieser Zeit gab es niemals Zweifel an der rechtmäßigen Herkunft des international enorm prominenten Bildes. Es zierte zum Beispiel den Schutzumschlag des 1993 erschienenen Buchs „Ernst Ludwig Kirchner. Die Straßenszenen 1913-1915“ von Magdalena M.Möller, der Direktorin des Brücke-Museums; noch Anfang 2005 hing es, als Kirchners Hauptstück, in der Ausstellung mit Werken aus Carl Hagemanns Sammlung im Städel und im Essener Folkwang- Museum.

Zweifel an Restitution

Nun hieß es Ende Juli in der Pressemitteilung „Kirchner-Gemälde restituiert“ des Berliner Kultursenators, das Werk sei „als Teil einer Kunstsammlung der rassisch verfolgten Familie in die Schweiz verbracht“ und 1936 oder 1937 von Hagemann „zum Kaufpreis von 3000 RM“ erworben worden: „Ob der Kaufpreis in die Hände der Familie gelangte, konnte nicht geklärt werden.“ Darauf allerdings wäre es nach den geltenden Richtlinien für die Restitution von Kunstwerken entscheidend angekommen.

In dem von Hans Delfs, Mario-Andreas von Lüttichau und Roland Scotti 2004 herausgegebenen Band „Kirchner, Schmidt-Rottluff, Nolde, Nay... Briefe an den Sammler und Mäzen Carl Hagemann“ ist mehrfach die Rede von der Sammlung Alfred Hess und Kirchners „Straßenszene, Berlin“. Am 30.Oktober 1936 etwa kommt Kirchner auf „das Strassenbild 90 mal 120“ zurück, das Hagemann ihm gegenüber offenbar erwähnt hatte. Die Fußnote identifiziert es als eben die „Berliner Straßenszene“ von 1913. Kirchner erwähnt drei weitere Bilder und fügt in dem Brief weiter unten hinzu: „Das Strassenbild wird wohl das sein, was auch hier ausgestellt war in Zürich mit rot und blau nicht grün. Wahrscheinlich gehören die Bilder jüd. Leuten, die wegmüssen.“ Im Februar 1937 schreibt Kirchner dann an Hagemann: „Es freut mich, dass Sie das Strassenbild aus Cöln kauften.“ Endlich kommentiert der Berliner Sammler Arnold Budczies Hagemanns Kauf am 25.März 1937 wie folgt: „Zu dem neuen K.-Bild gratuliere ich sehr. Sie haben gewiß viel Freude an dieser Erwerbung, freilich ist der Preis sehr hoch.“

Nachfrage vom Auktionshaus Christie's

Die Durchsicht der Briefe an Hagemann macht einmal mehr das furchtbare Dilemma deutlich, das auch auf diesem Feld als Erbe der Nationalsozialisten lastet. Kirchner selbst erwähnt den möglichen Verfolgungshintergrund, während Budczies' Bemerkung nahelegt, daß Hagemann das Bild sogar eher teuer bezahlt habe. Zudem wies der Kunsthistoriker Wolfgang Henze, der im schweizerischen Wichtrach das Ernst-Ludwig-Kirchner-Archiv verwaltet, dieser Zeitung gegenüber darauf hin, daß das Unternehmen von Alfred Hess infolge der Weltwirtschaftskrise bereits 1929 in Konkurs gegangen sei; Henze erklärte dazu in einem Brief an den Berliner Senat: „Wie in vielen gleichgelagerten Fällen bestand danach das Familienvermögen vornehmlich in Kunstwerken, welche man verkaufte, um zu leben. Der Familie Hess gelang es glücklicherweise, ihre Sammlung rechtzeitig ins Ausland zu schaffen.“ Ebenfalls unter Hinweis auf das Kirchner-Archiv fügte Henze hinzu, daß die Familie später nach England gehen konnte, von wo aus sie - in Person von Alfred Hess' Sohn Hans - während der fünfziger Jahre „regelmäßig Kunstwerke aus der Sammlung in die Auktionen des ,Stuttgarter Kunstkabinettes' zum Verkauf gab“.

Laut Henze hat das Kirchner-Archiv vielfach in den vergangenen Jahren Provenienz-Angaben zu Werken aus der Sammlung Hess gemacht. Wegen der „Straßenszene, Berlin“ indes sei vom Land Berlin während der Verhandlungen nie eine Anfrage gekommen. Dafür allerdings datiert die jüngste Nachfrage, so Henze, vom 24.Juli 2006: Sie kam vom Auktionshaus Christie's.

„Moralische Erwägungen“

Der Anwalt des Berliner Senats, Jost von Trott zu Solz, stand auf Anfrage für ein Gespräch zur Rückgabe des Kirchners nicht zur Verfügung. In seinem Rechtsgutachten zum Rückgabeverlangen der Erbin aber, das dieser Zeitung vorliegt, führt von Trott aus, daß zwar kein Rechtsanspruch auf Rückgabe des Gemäldes bestehe, daß allerdings die Grundsätze der „Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und zur Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem Besitz“ vom Dezember 1999 angewendet werden sollten. Danach, so legt von Trott dar, habe das Land Berlin sowohl zu beweisen, daß der von Hagemann entrichtete Kaufpreis angemessen war - die oben erwähnte briefliche Äußerung Arnold Budczies' (“freilich ist der Preis sehr hoch“) gilt da nur als Indiz -, als auch, daß die Familie Hess frei über den Kaufpreis verfügen konnte, will heißen: daß er überhaupt jemals bezahlt wurde.

Die Berliner Staatssekretärin für Kultur Barbara Kisseler entschied sich, so sagte sie dieser Zeitung, aufgrund der vorgetragenen „diktaturbedingten Beeinträchtigung der Familie Hess“ für die Rückgabe des Bildes, wobei auch „moralische Erwägungen“ eine maßgebliche Rolle spielten. Doch auch jenseits dieser - gewiß in jedem Einzelfall sorgfältig neu zu erörternden - rechtlichen und moralischen Implikationen werfen die Umstände dieser Restitution vor allem Fragen über eine mögliche neue Praxis auf, Wege zu erschließen, um den boomenden internationalen Kunstmarkt mit Werken singulärer Qualität füttern zu können, für die zweistellige Millionenpreise gezahlt werden.

Zu teuer für Berlin

Direkt nach der erfolgten Rückgabe kündigte die Auktionsfirma Christie's die Versteigerung von Kirchners „Straßenszene, Berlin“ als „Ikone des deutschen Expressionismus“ an. Das Tempo des Auktionshauses läßt sich leicht erklären. Andreas Rumbler, Geschäftsführer von Christie's Deutschland, bestätigte im Gespräch mit dieser Zeitung die Vermutung, daß Christie's den Prozeß der Rückgabe begleitet habe. Zwar, so Rumbler, habe man „bei der Auffindung dieses Bildes bestimmt nicht proaktiv gearbeitet“, aber „was wir machen, ist Provenienzforschung“, die zu dem Ergebnis führen kann, das „könnte ein Bild für uns sein“. Rumbler erklärte weiter, zunächst könnten Anwälte tätig werden, auch wegen der Kommission; man verlasse sich dann auf das von ihnen erzielte Ergebnis bei der Zusammenarbeit. Zur Erläuterung der Geschwindigkeit, mit der Kirchners „Straßenszene“ in das Auktionshaus gelangte, meinte Rumbler, es habe „über viele Monate“ Erwerbungsverhandlungen gegeben, in deren Verlauf allerdings auch für Berlin die Möglichkeit bestanden habe, „das Bild zu behalten - zu einem international fairen Preis“.

Nach Auskunft des Berliner Anwalts und ehemaligen Kulturstaatssekretärs Ludwig von Pufendorf, der Mitglied des Freundeskreises des Brücke-Museums ist, soll dieser Preis, den die Erbin von Alfred Hess, Anita Halpin, verlangte, fünfzehn Millionen Euro betragen haben - eine Summe, die Berlin nach Auskunft von Staatssekretärin Kisseler aufzubringen außerstande gewesen sei. Mittlerweile hat Christie's die 1,9 Millionen Mark (oder 950.000 Euro), die die Berliner Museen 1980 für den Kirchner bezahlt hatten, dem Land Berlin zurückerstattet. Nun ist es tatsächlich eine Erwägung wert, ob das Auktionshaus der Erbin eine Garantiesumme zugesagt hat, um das kapitale Werk direkt an sich zu binden. Das hieße, Anita Halpin erhielte, unabhängig vom Ausgang der Auktion im November, eine festgesetzte Summe; ein Umstand, der möglicherweise bei den Verhandlungen mit dem Berliner Senat über dessen - mutmaßlich niedrigere - Offerten eine Rolle gespielt haben könnte.

Derzeit laufen, wie zu hören ist, im Brücke-Museum und in anderen Museen bereits weitere Rückgabeverlangen für Bilder, die der Sammler und Mäzen Alfred Hess einst besaß. Es ist diese Mechanik, die keine guten Gefühle weckt.

Text: F.A.Z., 16.08.2006, Nr. 189 / Seite 31
Bildmaterial: Reuters

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche