Deutsche Galerien in der Schweiz

Alle lieben Zürich

Von Brita Sachs

Mit Werken von James Turrell gab die Münchner Galerie Häusler & Contemporary ihren Einstand in Zürich

Mit Werken von James Turrell gab die Münchner Galerie Häusler & Contemporary ihren Einstand in Zürich

11. Juni 2007 Wenn die Art Basel dem nimmersatten Kunstsammlervolk das große Dreisternemenü serviert, hat Zürich zuvor schon für ein Amuse-Gueule gesorgt: Diesmal lag das „Open House Weekend“ der Zürcher Galeristen als günstiger Stop Over zwischen den Previews der Biennale in Venedig und der Basler Messe. Fünfzig Galerien arbeiten in der Stadt, die nicht viel größer ist als Bonn, und die Zahl nimmt zu; neuerdings mehren sich Zugänge von ausländischen Dependancen, vor allem aus Deutschland. Warum?

Der Kunstmarkt macht sich verstärkt zunutze, dass die Schweiz und dort vor allem Zürich günstig liegen: In Europas Mitte und verkehrstechnisch perfekt angebunden, aber schön geräumig außerhalb der Reichweite von Brüssel. Als Erste entdeckten die Berliner Arndt & Partner Zürich als Standort: „Viele wesentliche Positionen waren dort noch nicht vertreten“, erklärt Matthias Arndt, „zum Glück hat sich ja die Situation in Berlin inzwischen gut entwickelt, aber es dauerte lang, bis man unser Programm dort entdeckte. Das war teuer. Wir brauchten deswegen dringend eine internationale Ergänzung.“ Im Februar 2005 eröffnete man deshalb in der Lessingstrasse im Zürcher Galerienviertel und ist glücklich mit der Entscheidung.

Wer dabei sein will, muss präsent sein

Blick in die Zürcher Dependance der Berliner Galerie Arndt & Partner

Blick in die Zürcher Dependance der Berliner Galerie Arndt & Partner

Der globalisierte, haltlos boomende Kunstmarkt hat die Situation für alle, die größere Räder drehen wollen, verändert und ordentlich verschärft. Der Wettbewerb verlangt jetzt deutlich mehr von ihnen als jährlich acht Vernissagen plus zwei oder drei Kunstmessen. Wer erfolgreiche Künstler exklusiv an sich binden will, damit es nicht schon morgen ein anderer tut, muss an wichtigen Orten präsent sein. Darauf reagierten auch Christa und Wolfgang Häusler, die eine schöne alte Schneiderei in Bahnhofsnähe umgebaut haben, die deutlich mehr Platz bietet als die Münchner Basis: Zum Einstand lassen sie dort gläserne Lichtbilder des amerikanischen Künstlern James Turrell leuchten.

Die Zeit für die Filiale war reif, als die Kunstberater Häusler Contemporary dem ihnen schon lange verbundenen Turrell mehrere große Aufträge in der Schweiz vermitteln konnten - spektakulär geriet sein „Skyspace“ für ein Hotel in Zuoz -, was Akquise und Projektbetreuung vor Ort sinnvoll erscheinen ließ. Auch für Hamish Fulton und andere, in der Schweiz noch nicht vertretene Künstlern plant Häusler Contemporary, hier die Wege zu ebnen. Und noch etwas Neues bringt das Kunstunternehmen ins Alpenland mit: „Sehr gut aufgenommen wird unsere Beratertätigkeit, die man hier in der in Deutschland gewohnten Art nicht kennt“, sagt Wolfgang Häusler. Gerade inszeniert er als Consultant ein großes Kunstprogramm, das die Bauzeit einer neuen Anlage begleitet, die auf dem Areal einer Papierfabrik am See entsteht.

Der Trend zur Expansion

Auch Rüdiger Schöttle betrieb in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Galeristen Bob van Orsouw einen Projektraum in dessen Galerie, stellte den Versuch jedoch nach sechs Monaten ein. Im Herbst 2006 startete er an anderer Stelle, wiederum als Gast, einen zweiten Anlauf: Auch der Münchner Galerist hofft, damit die Plattform für seine Künstler auf internationales Niveau zu erweitern. Vor allem für die Jüngeren, die man in der Schweiz noch nicht sah, rechnet sich Schöttle gute Chancen aus. Den Trend zu Expansion und Galerienetzwerken forcieren die Marktführer wie etwa Gagosian: Mehrere Satelliten in Amerika betreibt die New Yorker Stargalerie mittlerweile, und in London sind es auch schon zwei. Hauser & Wirth, Großgaleristen aus Zürich, schließen auf mit drei Londoner Adressen und Präsenz in New York.

Während gleichzeitig Haunch of Venisson die Brücke von London nach Zürich schlug. Der Einsatz scheint sich zu lohnen. Aber es dreht sich alles - betrachtet man die westliche Welt - um vier Städte. Als Ingvild Goetz, die Münchner Großsammlerin, kürzlich nach den heißesten Plätzen für den Kauf zeitgenössischer Kunst gefragt wurde, nannte sie ohne Zögern London und Berlin, ausdrücklich vor New York, und Zürich kam bei ihr gar nicht vor. Kein Wunder, das Zürcher Potential ist vor allem von der Galeristen- und Kunsthändlerwarte aus interessant. Die weltweit höchste Lebensqualität ermittelte man hier an diesem internationalen Finanzzentrum. Gute Voraussetzungen also für hochgelobte, investitionsfreudige Privatsammlungen und eine landesweit brillante Museumskultur, die so manche Metropole in den Schatten stellen. Berlin muss noch viele Kunstkäufer importieren; in Zürich sind sie schon lange da. St. Moritz, wo mittlerweile auch eine ganze Reihe ausländischer Galerien auf erholte Ferienkundschaft warten, setzt auf das Saisongeschäft. Auf Basel schaut die Kunstwelt einmal im Jahr zur Messezeit, Zürich aber ist übers ganze Jahr kunstsicher.

Bessere Rahmenbedingungen

Wer behauptet, beim Stichwort „Schweiz“ nur an Berge und Skifahren, an Heidi oder Sprüngli zu denken, der flunkert wohl oder er ist Schweizer. Bei allen anderen dürften sich auch Gedanken an harte Fränkli einstellen, an Steuervorteile, Nummernkonten und nette Banker, die berühmt sind für ihre Diskretion. Tatsächlich bietet die Schweiz bessere Rahmenbedingungen. Doch die Einzigen, die sich sogar auf ihrer Website dazu bekennen, Deutschland aus steuerlichen Gründen verlassen zu haben, sind Henze & Ketterer. Bereits 1962 empfand Roman Norbert Ketterer, der deutsche Auktionatorenstar der Nachkriegszeit, dass die damalige steuerliche Situation zu Hause „die zur Reinvestition notwendigen Gewinne unerträglich reduzierte“, und ging ins Tessin. Heute betreibt die Galerie zwei Standorte in Wichtrach bei Bern und in Riehen bei Basel.

Nach vierzig Jahren in Köln brach auch die Galerie Gmurzynska vor zwei Jahren alle Zelte in der alten Heimat ab. Mit einer Filiale in Zug und einer weiteren in St. Moritz hatten die Spezialisten für russische Avantgarde das Terrain sondiert, bevor sie endgültig alle Kräfte auf die Schweiz konzentrierten und als dritten Standort den neuen Hauptsitz im Herzen Zürichs eröffneten. „Es ist schade, aber für eine Galerie unserer Größe war Köln einfach nicht mehr interessant“, bedauert Mathias Rastorfer, Geschäftspartner von Krystyna Gmurzynska, um sogleich von den vielen Besuchern zu schwärmen, die täglich in die Prachträume kämen, von der „Sammlerdichte“ und davon, welch hohen Kenntnisstand etwa zum Konstruktivismus man hier antreffe.

Nicht zu unterschätzen sei die phantastische Infrastruktur, mit der die Schweiz ihre nationalen Qualitäten im Täglichen unter Beweis stelle: Man nehme nur mal das Transportwesen oder die Fertigkeit der Restauratoren. „Finanzielle Aspekte standen beim Standortwechsel nicht im Vordergrund“, sagt Rastorfer, „aber zusammengerechnet ergibt sich eine positive Bilanz.“ Ohne Frage, denn sein Terrain ist der Secondary Market, und die sprichwörtliche Liberalität Helvetiens behindert den Kunsthandel weder mit Ausfuhrbeschränkungen noch mit dem Folgerecht, das beim Weiterverkauf von Werken eine Gewinnbeteiligung des Künstlers oder seiner Erben verlangt und mittlerweile in ganz Europa eingesetzt ist.

Freihäfen und Steuerbegünstigungen

Wer Geschäfte mit Amerika machen will, das gleichfalls kein Folgerecht kennt, ist in der Schweiz also deutlich vorteilhafter positioniert. Und dann sind da noch die berühmten Freihäfen, in denen manch einer, der die Kunst lieber als reine Anlage denn an der Wand betrachtet, legendäre Stücke horten soll. Mehrwertsteuer und Zollgebühren greifen hier nicht, weshalb viele Schätze einen Standortwechsel allenfalls innerhalb der Freihandelshallen erleben, wenn sie den Besitzer wechseln. Wer in der Schweiz tätig ist, darf sich hier zwar nicht einmieten, aber die Zonen, in denen solch günstige Rechte gelten, stützen die Schweiz als Drehscheibe des internationalen Kunsthandels beträchtlich.

Der Kanton Zürich ist jedoch kein Niedrigsteuerland, auch hier fließt die Hälfte der Einnahmen in die Steuerkasse. Zwar liegt der Mehrwertsteuersatz nur bei 7,6 Prozent, aber es gibt keine Steuerbegünstigung wie in Deutschland, wo für bildende Kunst nur sieben Prozent anfallen. Allenfalls mit Fotografie, die in Deutschland steuerlich noch immer nicht als Kunst gewertet wird, steht man deshalb am Kunsthandelsplatz Schweiz besser da. Gut für alle, die mit lebenden Künstlern arbeiten, wirkt sich das Fehlen einer Künstlersozialversicherung aus, an die in Deutschland 5,5 Prozent vom Verkauf eines Werks gehen.

Aktive junge Szene

„Allerdings“, so Christa Häusler, und die Kollegen stimmen da sämtlich zu, „sollte man nicht vergessen, wie enorm hoch die Kosten in der Schweiz sind, eventuelle Vorteile können da schnell wieder zusammenschmelzen.“ Zwei Jahre Probezeit haben sich Häuslers in Zürich gegeben. Falls sie sich wieder zurückzögen, läge das nicht an den Schweizer Kollegen, die mit offenen Armen alle begrüßten, die den Kunsthandelsplatz Zürich positiv verstärken. Und auch nicht an der Stadt, in der eine aktive junge Szene von sich reden macht und die, wie Mathias Rastorfer lobt, aktiv auf ihre Galeristen zugeht, um gemeinsame Projekte vorzuschlagen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Arndt & Partner, Häusler & Contemporary

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Besuchen Sie die Sagrada Familia in Barcelona, sehen Sie den Eifelturm in Paris oder das Kolosseum in Rom. Buchen Sie Ihre nächste Städtereise unter reiseclub.faz.net

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche