Die teuersten Bilder

Niemals nach dem Käufer fragen

Von Rose-Maria Gropp

Platz 1 für Picassos “Dora Maar au chat“: Am 3. Mai für 85 Millionen Dollar bei Sotheby's versteigert

Platz 1 für Picassos "Dora Maar au chat": Am 3. Mai für 85 Millionen Dollar bei Sotheby's versteigert

29. Dezember 2006 Das Kunstmarktjahr 2006 war nicht mehr ganz so ausschließlich von den prestigeträchtigen Frühjahrs- und Herbstauktionen bestimmt, wie es das Publikum mittlerweile schon gewohnt ist. Zwar sahen die Versteigerungen exorbitante Ergebnisse - 2005 hatte der höchste Zuschlag des Jahres bei gut 29 Millionen Dollar gelegen für eine Venedig-Ansicht des Canaletto; eine solche Summe reicht bei den aktuellen Top ten gerade einmal für die Ränge 9 oder 10.

Doch noch - jedenfalls angeblich - wesentlich höhere Preise sollen bei Privatgeschäften unter amerikanischen Spielkameraden bezahlt worden sein und wurden dann fröhlich verbreitet. Die Hauptdarsteller auf dieser Bühne sind Finanzgenies wie Steve Wynn, Steven Cohen oder David Geffen, die mit ihrem Pollock, De Kooning oder Jasper Johns bis an die 150-Millionen-Dollar-Grenze herumfuchteln: Wer die Verträge zwischen den Herren über derartige Abschlüsse nicht selbst gesehen hat, ist bestimmt nicht schlecht beraten, solche Margen bis auf weiteres für Entertainment zu halten.

Gebrochener Hundert-Millionen-Damm

Den Anfang dabei machte allerdings Ronald Lauder, der Kosmetik-Erbe und Museumsbesitzer, als er im Juni undementiert durchsickern ließ, daß er Gustav Klimts „Goldene Adele (Bloch-Bauer I)“, die zusammen mit vier weiteren Klimt-Bildern vom österreichischen Staat erst im Januar an die rechtmäßige Erbin in Kalifornien zurückgegeben worden war, in einer privaten Transaktion mit 135 Millionen Dollar bezahlt habe. Damit war der Hundert-Millionen-Damm gebrochen; die „Goldene Adele“ hängt nun königlich in Lauders „Neuer Galerie“ in Manhattan.

Zurück zum Auktionsmarkt; denn allein fünf der höchstbezahlten Werke hier verbindet ihre Vorgeschichte: Sie wurden als von den Nationalsozialisten enteignetes Gut an die Erben ihrer einstigen Besitzer restituiert und direkt nach der Rückgabe in den Markt eingespeist. Diese beiden Komponenten, nämlich Rückgabe und sofortiger Verkauf, haben in ihrem Zusammenwirken die Szene 2006 maßgeblich beeinflußt. Es geht dabei um die vier Klimts, die mit der „Goldenen Adele“ restituiert wurden und dann auf die Auktionsbühne kamen, und um Kirchners „Berliner Straßenszene“ aus dem Brücke-Museum in Berlin.

Verzahnung von Rückgabe- und Vermarktungspraxis

Auch den Kirchner (Rang 5) erwarb Lauder für sein Museum, so daß er sich tatsächlich die beiden höchstrangigen und spektakulärsten unter den restituierten Werken des Jahres gesichert hat. Ob das relative Novum dieser Verzahnung von Rückgabe- und Vermarktungspraxis nun Schule macht oder ob dieser Mechanismus nicht weiter greift, muß sich erst noch zeigen. Es ist jedenfalls ein internationales gesellschaftliches Thema, das weit über die Belange des Markts hinaus die Politik vital zu interessieren hat.

Auf der einen Seite verteilen also Unternehmer, Hedge-Fonds-Manager und Medienmagnaten ihre Kunstbeute an amerikanischen Modernen medienwirksam in Privatverkäufen um, und eine staunende Öffentlichkeit wird mit immerhin neunstelligen Summen gefüttert, denen man von Transaktion zu Transaktion weniger trauen möchte. Auf der anderen Seite sind die Käufer in den Auktionen immer mehr auf Diskretion bedacht. Entsprechend ist - außer Ronald Lauder im Fall des kapitalen Kirchners - kein einziger Käufer eines der Top-ten-Bilder offiziell bekannt.

Den zweifelsohne stärksten Auftritt freilich hatte ein Unbekannter im Mai bei Sotheby's im Saal, als er für Picassos Bildnis der Dora Maar mit Katze 85 Millionen bot (Rang 1) - und dann sofort verschwand. Seitdem rätselt die andächtige Gemeinde über einen geheimnisvollen Russen. So bleibt als Fazit insgesamt die Erfahrung einer noch gesteigerten, enormen Beschleunigung auf dem Kunstmarkt, die aber (noch) niemanden krank zu machen scheint. Und keine Anzeichen gibt es für das Platzen der berüchtigten „Blase“ - zuviel Geld füllt sie weiter aus relativ neuen Quellen, aus Rußland oder Asien.

Text: F.A.Z., 23.12.2006, Nr. 299 / Seite 47
Bildmaterial: AP, Christie's, dpa, Sotheby's

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