Von Heinrich Wefing
17. September 2004 Am Dienstag ist in Berlin die Ausstellung der Friedrich-Christian-Flick-Collection eröffnet worden (Schröder nimmt Flick gegen Kritiker in Schutz), von Mittwoch an steht sie dem Publikum im Hamburger Bahnhof offen.
Das ist durchaus eine Nachricht. Trotz heftiger Angriffe gegen den Kunstsammler und Millionenerben Flick, trotz scharfer Kritik an der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die mit dem Enkel des Rüstungsindustriellen Friedrich Flick einen auf sieben Jahre befristeten Leihvertrag geschlossen hat, findet die Präsentation von zunächst vierhundert Werken zeitgenössischer Kunst wie geplant statt.
Weder der Sammler noch seine Partner in der Stiftung und auch nicht die politisch Verantwortlichen in Berlin und im Bund haben je ernstlich die Absage der Schau erwogen; nicht einmal der Ruf nach einem "Moratorium" hat sonderlich viel Widerhall gefunden. Sieht man von einigen hektisch anberaumten Begleitveranstaltungen zur Ausstellung und einem eilig vergebenen Auftrag zur Erforschung der Geschichte der Familie Flick ab, wird die Kunstschau wie vorgesehen stattfinden. Mehr noch, der Kanzler selbst wird bei der Ausstellungseröffnung eine Rede halten.
Staatszeremonieller Aufwand
Die Flick-Collection in Berlin also ist möglich, und sie wird mit einigem staatszeremoniellen Aufwand in der Hauptstadt begrüßt werden. Das ist, ganz unabhängig von der Qualität der gezeigten Arbeiten, die sich erst nach einem ersten Rundgang wird beurteilen lassen, ein Ereignis. Ein kulturelles, aber auch ein geschichtspolitisches Datum, das so viel über den verführerischen Glanz der Kunst sagt wie über den Zustand der Debattenkultur in Deutschland. Die Ausstellungseröffnung im Hamburger Bahnhof, genauer: das Ausbleiben ihrer Absage, signalisiert eine Verschiebung in der Diskursstruktur, die über den Anlaß hinaus von Bedeutung ist.
Um die Tiefe des Einschnitts zu gewärtigen, muß man sich nur auszumalen versuchen, wie die Sache vor zehn, fünfzehn Jahren ausgegangen wäre: Kaum vorstellbar, daß der schwerreiche Erbe eines verurteilten Kriegsverbrechers schon damals zum Darling des Berliner Establishments hätte werden können, wenn er sich, wie Friedrich Christian Flick heute, in einer Mischung aus Bockigkeit und Naivität geweigert hätte, in den Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter einzuzahlen; schwerer noch vorzustellen, Politik und Stiftung wären bei ihrer Unterstützung für die Ausstellung geblieben, nachdem ein prominentes Mitglied der jüdischen Gemeinde dem Sammler vorgeworfen hätte, mit seiner Leihgabe die moralische Reinwaschung von "Blutgeld" zu beabsichtigen; nahezu undenkbar, daß die Ausstellung überhaupt stattgefunden hätte.
In die Arme geschlossen
Nun aber, wenige Tage vor Eröffnung, zeigt sich die Situation geradezu ins Gegenteil verkehrt. Die Kunstbürger Berlins, organisiert im Verein der Freunde der Nationalgalerie, haben Flick in die Arme geschlossen. Moralische Instanzen wie Heinz Berggruen und Michael Blumenthal, der Direktor des Jüdischen Museums, haben der Ausstellung ihren Segen erteilt.
Ausgerechnet der PDS-Kultursenator der Stadt, Thomas Flierl, ließ sich vernehmen, am Wunsch des Sammlers, der düsteren Seite seiner Familiengeschichte eine hellere hinzufügen zu wollen, sei doch nichts falsch, etwas Ähnliches sei ja letztlich Daseinsgrund und Staatsziel der Republik. Und die Bundesregierung, die in der hitzigen Phase der Debatte weithin durch Schweigen auffiel, demonstriert ihre Sympathie für das Unternehmen durch die Ankündigung fleißigen Erscheinens bei der Vernissage.
Es finden sich kaum Kritiker
In dieser großen Koalition des Wohlwollens sind die Proteste und Plakataktionen gegen Flick kaum mehr zu vernehmen. Ja, es fällt den Veranstaltern von öffentlichen Streitgesprächen, so ist zu hören, nicht ganz leicht, überhaupt Kritiker der Ausstellung zu finden. Eine Erregungsmechanik wie noch in Zürich, wo der eskalierende Bürgerprotest vor ein paar Jahren Flicks Pläne für ein Privatmuseum zu Fall gebracht hat, ist in Berlin nicht in Gang gekommen. Keine Menschenketten, nirgends.
Natürlich hat es zur Deeskalation beigetragen, daß Friedrich Christian Flick auf dem Weg nach Berlin nicht alles falsch gemacht hat. Er sammelt zeitgenössische Kunst, der man allenfalls vorwerfen kann, er wolle ihr kritisches Potential zur moralischen Entlastung mißbrauchen; er hat sich wiederholt zur Schuld seines Großvaters und seiner daraus erwachsenden eigenen Verantwortung bekannt und schließlich, unter dem Druck der Zürcher Erfahrung, eine Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit in Potsdam gegründet.
Rede von Normalität
Mehr noch als diese symbolischen Handlungen aber, denen seine Kritiker ohnehin eine bloß kosmetische Absicht unterstellen, ist es der Klimawandel in der erinnerungspolitischen Großwetterlage, der Flicks Ausstellung vor dem Scheitern bewahrt hat: Die Lebenswege der letzten Zeitzeugen, Täter wie Opfer, neigen sich dem Ende entgegen. Das Holocaust-Mahnmal ist beinahe fertig, die Zwangsarbeiter-Entschädigungen sind weithin ausgezahlt, Eichingers großer Hitler-Film "Der Untergang" hat die Kinos erreicht, und in der Normandie redet der Kanzler von Normalität.
Deutschland ist unübersehbar dabei, in eine neue, nicht weniger schwierige, aber vielleicht weniger hysterische Phase der Erinnerung einzutreten. Eine Veränderung, die Folgen für die Formen des Gedenkens, aber auch für die Machtbalance der Erinnerungspolitik haben wird. Es dürfte diese Erkenntnis gewesen sein, die Flicks Kritiker zu Härte und Heftigkeit getrieben - und zugleich die relative Folgenlosigkeit ihrer Einwände befördert hat.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2004, Nr. 218 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb