Paparazzi-Fotoausstellung

Ruhm ist ein ganz besonderer Saft

Von Andreas Kilb

30. Juni 2008 In William Wylers „Ein Herz und eine Krone“, 1953, fahren Audrey Hepburn und Gregory Peck, die entsprungene Prinzessin und der junge Agenturreporter, auf einer Vespa durch Rom. Pecks Freund Eddie Albert folgt ihnen im Wagen, den Finger am Auslöser seiner Leica. Als die Fotos fertig sind, lässt er sich von Peck überreden, die Prinzessin zu schonen. Die beiden Profis überreichen ihrem Opfer die Aufnahmen bei einer Audienz im Palast - so einfach ist das im Film.

Auch der Name Paparazzo kommt aus dem Kino. Walter Santesso heißt so, einer der Fotografen auf der Via Veneto, mit denen Marcello Mastroianni in Fellinis „La dolce vita“ das römische Nachtleben unsicher macht. Fellini hatte den Namen in einem Reiseführer gelesen und suchte nach einer Figur, auf die er passte. Ihr Vorbild in der Wirklichkeit war der Bildreporter Tazio Secchiaroli, der sich Ende der fünfziger Jahre auf Prominentenfotos spezialisierte. Secchiaroli hatte mit Sozialreportagen angefangen und übertrug deren Formprinzip auf die High Society. Er erfand die Überfallfotografie, die Rache des Mediums an denen, die es für sich arbeiten ließen. Bald hatte er mehr Feinde als Abnehmer. Nachdem ihn „La dolce vita“ unsterblich gemacht hatte, gab er die Jagd auf und arbeitete lieber für Fellini. 1963 machte ihn Sophia Loren zu ihrem Leibfotografen. Den Rest seines Arbeitslebens verbrachte er damit, ihre Schönheit zu feiern.

Paparazzophilie als Pose

Es geht, wie man sieht, um Geld, Gelegenheit, Knochenarbeit und Moral in diesem Metier; um Freundschaft vielleicht am allerwenigsten. Ein Gruppengefühl, wie es die Helmut Newton Stiftung in Berlin mit ihrer Ausstellung „Pigozzi and the Paparazzi“ suggeriert, ist dem Paparazzo fremd. Wer den Fotografenhaufen auf der Tribüne vor dem Festivalpalast von Cannes jemals aus der Nähe betrachtet hat, der ahnt, dass menschliche Beziehungen in dieser Branche noch kurzlebiger sind als der Ruhm der Stars und Sternchen, die man gemeinsam bewirtschaftet.

Von Paparazzi-Bündnissen hat die Ausstellung dementsprechend wenig zu berichten. Nur Helmut Newton selbst hat sich seit den siebziger Jahren für die einsamen Wölfe mit ihren Teleobjektiven interessiert; in gewisser Weise sind sie das männliche Äquivalent zu den hochhackigen Göttinnen und Lederdominas seiner Aktfotografien. Aber Newton war längst selbst ein Star, als er sein Herz für die Paparazzi entdeckte. Er musste der Illustriertenprominenz nicht mehr auflauern, sie kam zu ihm. Auf den Bildern, die seine Frau Alice Springs und sein Freund Jean Pigozzi von ihm aufgenommen haben, sieht man, dass Newtons Paparazzophilie nur eine Pose ist, fast eine Parodie. Umgekehrt ließ er die Paparazzi auf seinen Fotoserien aus Cannes vor seiner Kamera posieren. Sie bilden den authentischen Rahmen für Newtons gefälschte, von Models verkörperte Stars.

Prominentenfotografie als Menschenjagd

Es ist die letzte illusionistische Wendung eines Spiels, das mit den Aufnahmen Erich Salomons in den frühen dreißiger Jahren begonnen hat. Salomon, der 1944 in Auschwitz ermordet wurde, war ein Spion im Dienst der Öffentlichkeit. Er schlich sich mit lichtstarken Kleinkameras, ohne Stativ und Blitzlicht, in Gerichts- und Konferenzgebäude ein und hielt fest, was niemand sehen sollte: Politiker, die ihre Köpfe zusammenstecken, Zeugenvernehmungen, englische Richter in ihren Roben und Perücken. Wenige Jahre später entwickelte Salomons amerikanischer Kollege Weegee (1899 bis 1968) im Wettlauf mit der New Yorker Polizei einen eigenen dokumentarischen Stil: Fotografie als Tatortprotokoll. Die Frauen, Pärchen und Kinder, die Weegee nebenbei aufnimmt, bleiben namenlos, sie sind Gestalten der großen Nacht New Yorks, die über allen und jedem liegt.

In den sechziger Jahren, bei Ron Galella und Daniel Angeli, wird die Prominentenfotografie zur Menschenjagd. Galellas berühmtestes Opfer ist Jackie Kennedy; Angelis Teleobjektiv erwischt die nackte Romy Schneider auf ihrer Yacht, die barbusige Brigitte Bardot am Strand von Saint-Tropez und den einkaufenden Kirk Douglas, der auch in Badehose eine eindrucksvolle Figur macht. Bei Edward Quinn, der in den späten fünfziger Jahren Winston Churchill, Maria Callas, Grace Kelly und Sophia Loren fotografiert, verströmen die auf Festivals und Flughäfen erbeuteten Bilder noch eine scheue Eleganz, eine Zurückhaltung, die man nicht mit Respekt verwechseln darf. Aber die Reißzähne der Profis schnappten noch nicht in jedem Augenblick zu. Heute ist jeder ein Paparazzo, der ein Fotohandy besitzt und zufällig am richtigen Ort steht. Die weißen Haie der Branche sterben aus, von den Piranhas des digitalen Alltags verdrängt.

Mit Jean Pigozzi, der als Geschäftsmann ein Vermögen gemacht hat, von dem er ohne Fotoaufträge leben kann, wird das Paparazzitum zum Triumph des Adabei. Statt den Stars nachzustellen, stellt er sich neben sie und besiegelt die Zweisamkeit mit einem Foto. Sein Risiko, sich dabei blaue Flecke zu holen, ist gleich null: Wer sich nicht mit Pigozzi knipsen lässt, gerät leicht in den Verdacht der Nichtprominenz. Ron Galellas Kollege Vinnie Zuffante hat sich von dem schauspielenden Rabauken Sean Penn vor zwanzig Jahren mit einem rechten Haken niederstrecken lassen. Pigozzi dagegen schmust mit Mel Brooks im Mittelmeer und mit Divine in der Disko. Wenn man die Bilder in Berlin nebeneinander betrachtet, weiß man nicht genau, was mehr weh tut.

Pigozzi and the Paparazzi. Helmut Newton Stiftung Berlin, bis 16. November. Der Katalog kostet 7 Euro.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Angeli, courtesy Agence Angeli, Edward Quinn, Archive, Elio Sorci, © Davide Secchiaroli, Erich Salomon, Paris, August 1931, Helmut Newton Estate, Jean Pigozzi, Paul Schmulbach, courtesy Galerie Wouter von Leeuwen, Amsterdam, Weegee/International Center of Photography/Getty Images

 
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