02. Februar 2007 Ein Denkmal für Hugo Chávez, den mächtigen Caudillo von Venezuela, der selbst seine Sympathisanten zuletzt durch seine Nähe zu Israelfeinden und Holocaust-Leugnern verschreckte: Muss das sein? Diese Frage musste sich Oscar Niemeyer, der Architekt der berühmten Retortenstadt Brasília, gefallen lassen, als gemeldet wurde, er habe Chávez zugesichert, ihm in Caracas ein hundert Meter hohes Monument zu errichten. Warum macht er das?
Nun will der greise Niemeyer, der in diesem Jahr einhundert Jahre alt wird, auf dem Berg immerhin nicht den dicken Chávez selbst nach Imperatorenstandbildart überlebensgroß in Beton gießen, sondern ein abstraktes, Richtung Vereinigte Staaten weisendes, dynamisches Dreieck in den Fels rammen, das nicht Chávez, sondern dem aus Caracas stammenden Freiheitskämpfer Simón Bolívar gewidmet ist. Werkimmanent hat diese Geste eine gewisse Logik. Niemeyer war sein Leben lang überzeugter Sozialist; als wir ihn vor ein paar Jahren in seinem Büro an der Avenida Atlantica in Rio de Janeiro trafen, stand er dort, die Hose bis unter die Brust gezogen, mit einem Cafesinho in der Hand und einem Zigarillo in der anderen, und dozierte lebhaft über Beton, Körperbau und Baukörper; richtig leidenschaftlich wurde er aber erst, als das Gespräch auf globale Verteilungsungerechtigkeiten kam.
Skandalöse Ausbeutung
Noch im hohen Alter hat Niemeyer, der (wie er gern erzählt) sogar Che Guevara bei sich beherbergte, sich für die brasilianische Bewegung der Landlosen eingesetzt - und man muss kein linksradikaler Dependenztheoretiker sein, um mit ihm zu der Ansicht zu kommen, dass die Ausbeutung Lateinamerikas als billiger Produktionsstandort und Absatzmarkt für Konsumschrott aus den Vereinigten Staaten nach wie vor skandalös ist. Aus diesem tiefsitzenden Ungerechtigkeitsgefühl rührt wohl auch Niemeyers Sympathie für Chávez' Alternativa Bolivariana para las Américas, die den wirtschaftlichen Zusammenschluss Lateinamerikas gegen die Interessen der Vereinigten Staaten zum Ziel hat.
Architektur, sagte Niemeyer uns damals, könne nur den Rahmen für eine Gesellschaft bieten, die politisch definiert und gestaltet werden muss, am Ende zähle überhaupt nicht die Architektur, sondern die Politik - und offenbar will er jetzt, nach seinem pathetischen Memorial da América Latina in São Paulo, noch einmal mit einem großen politästhetischen Vermächtnis nachlegen und ein identitätsstiftendes Symbol für ein gerechteres Lateinamerika schaffen. Dass solche Symbolwerke vor allem in Staaten gefragt sind, deren Máximo Líder es mit dem Glück ihrer vom Joch Nordamerikas zwangsbefreiten Untertanen dann nicht mehr ganz so genau nehmen, gehört zu den Grundproblemen, mit denen sich die linke politische Ikonographie seit jeher herumschlagen muss.
Text: nma / F.A.Z., 02.02.2007, Nr. 28 / Seite 33
Bildmaterial: dpa/PA/LEONARDO AVERSA, picture-alliance / dpa, REUTERS
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