Kunst

So ist sie nicht, die Jugend von heute

Anuschka Blommers/Niels Schumm: Michelle Hicks@Select Models, 1998

Anuschka Blommers/Niels Schumm: Michelle Hicks@Select Models, 1998

07. April 2006 Schnell fertig, so wissen wir seit mehr als zweihundert Jahren, ist die Jugend mit dem Wort. Wäre sie es doch auch mit dem Bild! Dann hätten wir in der an diesem Freitag öffnenden Ausstellung „Die Jugend von heute“ in der Frankfurter Schirn wohl tatsächlich aussagekräftige Arbeiten über das Selbstverständnis „der Jugend“.

Denn was sich in Frankfurt als jugendlich geriert, ist in Wahrheit Kunst über Jugendliche, die von Sechundzwanzig- bis Fünfundfünfzigjährigen stammt. Und diese fünfzig Künstler eint vor allem eines: Sie sehen Jugendliche als permanent an Selbstinszenierung arbeitende Hedonisten - sei es Mode, wie in den Leuchtkastenbildern von Daniele Buetti, sei es Tanz wie in den Fotoarrangements von Janine Gordon, sei es Masturbation wie im Video von Kiki Seror.

Ohne Telefone und Videos

Man muß nur die Debatte der vergangenen Woche Revue passieren lassen, um zu sehen, was alles in der Ausstellung an einem Jugendporträt fehlt: Mobiltelefone spielen ebenso keine Rolle wie Gewaltvideos - wenn man die ästhetisierte zeitweise Verschlingung in Alejandro Vidals „Conflict“-Video nicht als Schlägerei gelten lassen möchte. Es gibt keine Arbeitslosigkeit und kein soziales Elend - wenn man Hannah Starkeys großformatige Fotografie „Butterfly Catchers“, die zwei Mädchen mit Schmetterlingsnetz auf einem Abbruchgelände zeigt, nicht als Kommentar auf die Zukunftsunsicherheit oder wahlweise Umweltverschmutzung ansehen sollte. Es gibt keine schlechte Ausbildung und keine Bandenbildung - wenn man Collier Schorrs als „Hooded Figures B.C.“ betitelte Aufnahme einer Sportlergruppe nicht als Ironisierung von Kriminellen verstehen muß. Aber man möchte, sollte und muß es ganz anders sehen.

Man möchte, sollte und muß in „Die Jugend von heute“ samt dem dazugehörigen schön gestalteten, aber inhaltsleeren Katalog, der an Text nicht mehr versammelt als fünf redundante Essays über die Schwierigkeit, jung zu sein und sich als jung zu beschreiben, vielmehr ein Indiz dafür sehen, daß Jugend nicht mehr ist als eine Projektion. Wer ihr zugehört, will sie loswerden; wer sie verloren hat, trauert ihr nach (ähnlich steht es fünffach im Katalog). Statt aber jetzt die Auswege zu studieren, die Kunst aus diesem Paradox bietet, nimmt die Schau die gezeigten Arbeiten als Kommentare. Leider aber ist Kunst dazu zu langsam. Aus gutem Grund.

Erst draußen lernt man, was Jugend ist

Die Aufgabe von Kunst soll ja nicht die Funktionen einer Nachrichtensendung oder eines Politmagazins ersetzen. Sie soll uns Dinge zeigen, für die wir sonst blind wären. Aber erst wenn man aus der Schirn tritt, gehen einem in der Stadt die Augen über. Dort lernt man, was Jugend ist, nicht auf Wänden, Bildschirmen, Sockeln oder in Videokabinen.

Was allerdings „Die Jugend von heute“ ermöglicht, das sind spannende Begegnungen mit einzelnen Kunstwerken. Mit „Double“ von Iris van Dongen etwa, die vor einem Filmplakat des 1922 gedrehten Vampirfilms „Nosferatu“ eine junge Frau zeichnet, die spiegelverkehrt die Haltung des Opfers hinter ihr einnimmt. Wie überhaupt die Zeichnung eine wesentliche Rolle in der Ausstellung einnimmt - seien es die bewußt kindlich gehaltenen Totenbilder von Rachel Horn, die subtil über Konturen und Schatten monochrom aquarellierten Gesichtslosen von Alex McQuilkin - der jüngsten Teilnehmerin - oder der Höhepunkt des Ganzen, wenn Amie Dicke aus vergrößerten Fotos von Frauen bis auf Haare, Hände und einzelne Papierstege, die sich dann wie ein Aderngeflecht über die Körper ziehen, alles ausschneidet, so daß Bilder entstehen, die Horrorfilmen entnommen sein könnten. Das ist jugendfrische Kunst, aber keine Kunst über Jugend.

Schirn Kunsthalle, Frankfurt, bis 25. Juni. Der Katalog, erschienen im Verlag der Buchhandlung Walther König, kostet 29,80 Euro.



Text: F.A.Z. vom 7. April 2006
Bildmaterial: AP, Schirn

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