12. Juni 2006 Parastou Forouhar ist Künstlerin und lebt in Offenbach. Ihre Eltern, die iranischen Oppositionspolitiker Dariusch und Parvaneh Forouhar, wurden 1998 vom iranischen Geheimdienst ermordet. In der F.A.Z. schrieb sie vor zwei Monaten über die aktuelle Lage der jungen Künstler in Iran. Nun ist sie gerade von einer Reise in ihre Heimat zurückgekehrt.
Ist die Opposition machtlos gegen die wachsende Popularität von Präsident Ahmadineschad?
Ich war erstaunt, wie radikal die Regimekritik ist. Viele Oppositionelle, vor allem unter den Studenten, sympathisierten während der Reformbewegung unter Präsident Chatami mit den Reformern. Dadurch wurde ihre eigene Position unscharf. Jetzt, nach dem Scheitern der Reformbewegung, sind sie dabei, sich neu zu positionieren. Sie ziehen jetzt eine klare Linie zwischen sich und dem Regime, einschließlich der Reformer. Interessanterweise erleben dabei linke, marxistische Ideologien eine Renaissance.
Heißt das, daß die Opposition auf der Suche nach einem Modell ist, das zugleich säkular und nicht-westlich wäre?
Genau. Der Antiamerikanismus ist in Iran sehr viel stärker geworden. Das hängt mit der militärischen Präsenz Amerikas in der Region, aber vor allem mit der Konfrontation im Atomstreit zusammen. Ich war geradezu schockiert. Auch unter Künstlern, die zuvor immer Brücken zwischen Iran und dem Westen bauen wollten, spürt man jetzt eine antiwestliche Haltung. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, daß man mir vorwirft, daß ich im Westen lebe. Es gibt auch so gut wie keinen Unterschied zwischen antiamerikanischer und antiwestlicher Haltung, weil niemand zwischen den Vereinigten Staaten und Europa unterscheidet.
Stellt man sich, wenn man den Westen kritisiert, ungewollt auf die Seite des Regimes?
Ja, das führt dazu, daß die Liberalen stimmlos bleiben. Sie wissen nicht, wie sie sich positionieren sollen, ohne von der einen oder der anderen Seite mißbraucht zu werden. Egal, was sie sagen, sie sind immer auf der falschen Seite.
Vor einigen Wochen wurde der Intellektuelle Ramin Jahanbegloo verhaftet. Haben Sie etwas über die Hintergründe der Verhaftung erfahren?
Die offiziellen Aussagen sind widersprüchlich. Aber mir scheint, daß er verhaftet wurde, weil er zu jenen Intellektuellen gehört, die in der Reformzeit an Bedeutung gewonnen haben, obwohl sie nicht religiös sind. Dschahanbeglu ist säkular, gut vernetzt unter iranischen Intellektuellen, er hat Kontakte ins Ausland und gehört zu denen, die sich nicht den Mund verbieten lassen. Jetzt, wo die Opposition sich radikalisiert, wird das brisanter. Die Islamische Republik will den Einfluß solcher Leute zurückdrängen, sie einschüchtern und schikanieren.
Haben Sie den Eindruck, daß die Zensur seit dem Amtsantritt von Ahmadineschad verschärft wurde?
Man versucht, die Kunst wieder stärker zu kontrollieren. Vor kurzem lud das Kulturministerium alle Galeriebesitzer ein und verlangte von ihnen, künftig wieder vor Ausstellungseröffnungen jedes einzelne Bild von der Zensur absegnen zu lassen. Das bedeutet eine Rückkehr zu den Zuständen der Zeit vor Chatami. Auch Berufsverbände von Malern, Bildhauern und Fotografen wurden mit neuen Richtlinien konfrontiert. Zugleich hält man den Künstlern lange Vorträge darüber, daß Kunst die Werte der Islamischen Republik befördern soll. Es ist sehr deutlich, daß das kulturelle Leben eingeschränkt werden soll.
Die Opposition hofft, daß die Popularität Ahmadineschads nachlassen wird, wenn er sein Versprechen, die sozialen Schwierigkeiten zu lösen, nicht wahrmachen kann. Ist davon etwas zu spüren?
Der Populismus Ahmadineschads zieht nach wie vor. Er macht viel, sagen die einfachen Leute, die ihn gewählt haben: Erst das Atomprogramm und dann der Brief an Bush.
Angeblich soll es zu sozialen Protesten gekommen sein.
Das Regime geht sehr geschickt gegen die Organisatoren vor und versucht, sie einzuschüchtern. Protestaktionen, ob es nun Studenten oder Busfahrer sind, bleiben isoliert. Dadurch bekommen die meisten Iraner nicht viel davon mit. Der Schauspieler Ahmadineschad beherrscht die Szene.
Die Fragen stellte Christiane Hoffmann.
Text: F.A.Z., 12.06.2006, Nr. 134 / Seite 43
Bildmaterial: AP, F.A.Z. - Cornelia Sick