Kunst

Görings Beutezug

Von Jordan Mejias, New York

In Görings Sammlung: Van Goghs “Vase mit Gladiolen und Flieder“ (1886)

In Görings Sammlung: Van Goghs "Vase mit Gladiolen und Flieder" (1886)

23. März 2009 Als „Renaissancetyp“ bezeichnete er sich, wenn es um seine Kunstsammlung ging. Damit wollte Hermann Göring nicht nur auf seine Vorliebe für Lucas Cranach hinweisen, dem er zu Anfang seiner Sammeltätigkeit fast exklusiv huldigte. Im Laufe der dreißiger Jahre nahm er sich ein sehr viel weiteres Spektrum der Kunstgeschichte vor.

Zwar sollten die Alten Meister deutscher und holländischer Herkunft das Fundament seiner Sammlung bilden, aber er machte in den Galerien seines Landsitzes Carinhall auch Platz für italienische und französische Kunst des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts. Unter den dort ausgestellten Schätzen befanden sich Werke von Grünewald und Cranach, Tiepolos „Alexander der Große und Campaspe im Atelier des Apelles“ (jetzt im J. Paul Getty Museum, Los Angeles), Jan Gossaerts „Jungfrau mit Kind (jetzt im Art Institute, Chicago) und vier Bouchers, die er von den Rothschilds erbeutete (jetzt im Kimbell Art Museum, Fort Worth).

Gemälde nach seinem Geschmack

Zeitgenössische Kunst, in deren Besitz er durch Beschlagnahme jüdischen Eigentums gelangte, tauschte er gegen Gemälde nach seinem Geschmack ein. „Pianist und Schachspieler“ von Matisse (jetzt in der National Gallery of Art, Washington) gab er für einen mythischen Akt des weit weniger bedeutenden Jan van Neck her. Auch von van Goghs Porträt des Dr. Gachet, das aus dem Frankfurter Städel entfernt wurde, und „Madame Camus“ von Degas trennte er sich gern. Sein ganzer Stolz war ein Vermeer, der allerdings aus der Werkstatt des Fälschers Han van Meegeren stammte. Göring hatte für ihn mehr als hundert Alte Meister ziehen lassen.

Der Großteil von Görings Sammlung, zustande gekommen durch Plünderungen, Ankäufe, Tauschgeschäfte und Schenkungen von Bittstellern, die er mit Wunschlisten versorgte, wurde Anfang des Jahres 1945 aus Carinhall evakuiert. In Sonderzügen gelangten die Werke über Burg Veldenstein, sein fränkisches Anwesen, nach Berchtesgaden. Dort wurden sie von amerikanischen Streitkräften sichergestellt, Göring selbst wurde auf Schloss Fischhorn in Zell am See verhaftet. Carinhall ließ er sprengen. Noch in Berchtesgaden konnte ein erstes Verzeichnis der Kollektion erstellt werden, bevor sie zum Central Collection Point, der zentrale Sammelstelle in München, verbracht und in Teilen auch fotografisch dokumentiert wurde. Auf dreizehnhundert Gemälde schätzte man damals die Sammlung, die auch umfangreiche Bestände von Skulpturen, Waffen, Möbel, Porzellan, Keramiken, Tapisserien enthielt.

Siebenjährige Forschungsarbeit

Die Provenienzforscherin Nancy Yeide, Leiterin der Abteilung „Curatorial Records“ an der National Gallery of Art in Washington, legt jetzt viel höhere Zahlen vor. In siebenjähriger Forschungsarbeit, während der sie sich ganz auf den Gemäldebesitz konzentrierte und unermüdlich Archive auf beiden Seiten des Atlantiks durchforstete, fand sie heraus, dass Göring über fünf- oder sechshundert zusätzliche Bilder verfügte. Einige von ihnen wurden aus den Zügen geplündert, einige von deutschen Behörden aufgefunden, nachdem die Alliierten 1950 den Central Collection Point geschlossen hatten, und einige waren von Göring vor Kriegsende verkauft oder eingetauscht worden (siehe: Interview: Nancy Yeide über Hermann Görings Kunstsammlung).

Weithin unbekannt ist etwa, dass er neben „Dr. Gachet“ ein kleines Blumenstillleben van Goghs besaß und eine „Heilige Barbara“ von Cranach, ein Porträt, das, wie Yeide glaubt, in diesem Zusammenhang noch nirgendwo zuvor veröffentlicht wurde. Mit „Beyond the Dreams of Avarice: The Hermann Goering Collection“, einem stattlichen Band, der Anfang April bei Laurel Publishing herauskommen wird und jedes Gemälde auch abbildet, liegt, wie die amerikanische Wissenschaftlerin es vorsichtig darstellt, erstmals eine so gut wie vollständige Dokumentation der Sammlung vor, darin eingeschlossen Bilder, die nur vorübergehend im Besitz Görings waren.

In Zukunft könnte hier und da noch ein Werk auftauchen, das von Yeide nicht berücksichtigt wurde, aber sie rechnet mit keinen großen Überraschungen mehr. Überraschungen sind aber nicht auszuschließen, wenn Besitzer eines Gemäldes es im Buch abgebildet finden und erfahren, dass es einst in Carinhall hing. Denn über den Verbleib einer Reihe von Bildern, deren Provenienz bis zur Aufnahme in Görings Sammlung nunmehr geklärt ist, vermag Yeide auch jetzt noch keine Auskunft zu geben. Sie hofft jedoch, dass gerade durch die Veröffentlichung ihres Bestandsverzeichnisses manch verbliebenes Rätsel lösen ist. Nicht nur Wissenschaftlern, die sich nun an eine Einschätzung der Sammlung als Ganzes wagen können, stellt Yeide neue Ressourcen zur Verfügung. „Beyond the Dreams of Avarice“ könnte so auch neue Restitutionsforderungen zur Folge haben.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Christie's

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