21. Juli 2006 Am Anfang des dem Glauben gewidmeten Abschnitts der an diesem Donnerstag eröffneten Jameel Galerie für islamische Kunst im Londoner Victoria and Albert Museum sind drei Kompässe aus dem neunzehnten Jahrhundert ausgestellt. Sie dienten den Muslimen zur Ermittlung der Qibla, der vom Koran vorgeschriebenen Gebetsrichtung zur Kaaba, dem höchsten Heiligtum des Islam in Mekka.
Als eine Art Kompaß durch die islamische Kunst vom Kalifat der Omaijaden im siebten Jahrhundert bis zum Untergang des Osmanischen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges dient die glanzvoll renovierte und neugeordnete Galerie. Mit vorbildlicher Klarheit hat der Kurator Tim Stanley anhand von rund vierhundert Objekten aus der umfangreichen Sammlung einen Überblick über die Artefakte der Parallelwelten von Staat und Religion, von Hof und Moschee geliefert.
Dank einer Spende des saudiarabischen Geschäftsmannes Mohammed Jameel in Höhe von 5,4 Millionen Pfund konnte das Museum in dreijähriger Arbeit den alten Saal mit seinen düsteren Vitrinen in einen lichten Raum verwandeln, der trotz der Fülle des Materials nicht vollgestellt wirkt. Besonders hervorgehoben wird dabei, wie sich die islamische Kunst aus der Fusion der byzantinischen und der sassanidischen Tradition entwickelte und durch andere Fremdeinflüsse angereichert wurde. Immer wieder macht die Präsentation deutlich, wie sich die islamische, die christliche und die ostasiatische Welt gegenseitig befruchtet haben. Die Querverbindungen lassen sich durch die aufschlußreiche Nebeneinanderstellung von Objekten wie einer Serie von osmanischen und niederländischen Krügen oder von blauweißem chinesischen Porzellan mit iranischen Imitationen nachvollziehen.
Schon im 19. Jahrhundert mochten die Briten islamische Kunst
Die Galerie steht zugleich für ein Stück Rezeptionsgeschichte. Im Jahr 1852 gegründet, um den Geschmack der Öffentlichkeit zu bilden und das britische Industriedesign durch das Beispiel der angewandten und dekorativen Künste zu fördern, verdankt das Kunstgewerbemuseum seinen reichen Bestand an islamischen Objekten der Wertschätzung, welche die Briten im neunzehnten Jahrhundert der islamischen Kunst entgegenbrachten.
Maßgebliche Anstöße gab der Architekt und Kritiker Owen Jones, der mit seiner Publikation über die Alhambra einen wichtigen Beitrag zur Polychromiedebatte leistete. Später wurde er mit der Innenaustattung des Kristallpalastes für die große Weltausstellung von 1851 betraut, aus der das Victoria and Albert Museum hervorging. Auf dem von Jones gelegten Grundstein bauend, hat das Museum in der zweiten Jahrhunderthälfte hier ausgestellte Schlüsselwerke erworben, etwa das aufwendig verzierte Minbar (Kanzel) des Sultan Kaid Bay aus dem fünfzehnten Jahrhundert, der wunderbare persische Bergkristallkrug des zehnten Jahrhunderts oder die um 1600 datierte Pluviale aus Isfahan, an der die Verschmelzung von christlicher Ikonographie mit islamischer Kunstfertigkeit besonders anschaulich wird.
Zeitgemäße Demonstration des Reichtums islamischer Kultur
Den Mittelpunkt des Raums bildet der fast sechzig Quadratmeter große Ardabil-Perserteppich, der im sechzehnten Jahrhundert wohl für Schah Tahmasp geknüpft wurde. Fünfzig Jahre lang hing das Prachtstück hinter einer grünlichen, den Blick trübenden Glaswand. Jetzt haben die Architekten Softroom eine raffinierte Glasstruktur entworfen. An Drahtseilen hängt die Haube von der Decke über den am Boden ausgebreiteten Teppich, der durch die im Deckel untergebrachte Technik derart subtil beleuchtet wird, daß der Betrachter sich vorsehen muß, den Kopf nicht an der spiegelfreien Glaswand zu stoßen.
Um diesen Teppich herum sind in Schaukästen und entlang den Wänden Regionen und Themenkomplexe anschaulich geordnet, angefangen mit Ägypten unter den Mamelucken über den Iran der Saffawiden und Kadjaren bis hin zur osmanischen Türkei mit ihrer spektakulären Iszik-Keramik. Einzelne Vitrinen beleuchten die der islamischen Kunst zugrunde liegenden Elemente wie Kalligraphie, Geometrie und Pflanzenmotiven, und interaktive Bildschirme vertiefen die Informationen. Eine zeitgemäßere Demonstration des Reichtums und der Verfeinerung der islamischen Kultur als die Jameel Gallery läßt sich kaum denken.
Text: F.A.Z., 21.07.2006, Nr. 167 / Seite 33
Bildmaterial: V&A Images, V&A Images/Victoria & Albert Museum, V&A Images/Victoria and Albert Museum