Graffiti-Künstler Banksy

Mit Kunst Streich werden

Von Gina Thomas, Bristol

Typisch Banksy: Venus mit Bierdose und Kippe

Typisch Banksy: Venus mit Bierdose und Kippe

17. Juni 2009 In den vergangenen Jahren hat Banksy schon manches Museum überlistet. Mit Hut, Regenmantel und falschem Bart, getarnt als normaler Besucher, war es dem Spaßvogel gelungen, eine im Stil steinzeitlicher Höhlenmalerei gehaltene Darstellung eines Jägers mit Einkaufswagen unbemerkt in der graeco-römischen Galerie des British Museum unterzubringen – und zwar mit Hinweistafel, die das Werk als Arbeit eines Künstlers auswies, welcher im Südosten Englands unter dem Namen Banksymus Maximus gewirkt habe.

Im New Yorker Museum of Modern Art persifilierte er Andy Warhol mit einer „skontierten Suppendose“, im Londoner Natural History Museum gesellte sich plötzlich eine neue Gattung der Kanalratte zu den ausgestopften Tieren: „Banksus Militus Ratus“ – ausgestattet mit Rucksack, Sonnenbrille und Sprühdose. Ein Schild erklärte, die durch Junkfood, Umweltradioaktivität und Rapmusik verursachte Entwicklung dieser Variante schreite mit beispiellosem Tempo voran.

Freipass vom Museum

Diese Ratte hat sich nun auf offiziellem Wege in eine öffentliche Sammlung eingeschlichen und blickt frech aus der Vitrine in der naturhistorischen Abteilung des städtischen Museums von Banksys Heimatstadt Bristol, das dem seine Anonymität wahrenden Graffiti-Künstler einen Freipass gewährte. Nur eine Handvoll Mitarbeiter war in die Nacht-und-Nebel-Aktion eingeweiht, mit der der gediegene eduardianische Bau binnen sechsunddreißig Stunden in ein Happening verwandelt wurde. Die städtischen Honoratioren, die einst öffentliche Mittel aufwandten, um die Straßenmalereien Bankys zu entfernen, schritten am Tag vor der Eröffnung stolz durch ihr Museum und zeigten sich beglückt – mit gutem Grund: Noch nie ist das Museum so voll gewesen.

Die Schlange erstreckt sich die Straße hinunter und windet sich durch den überdachten Innenhof, um den Gipsfiguren im Stil der Antike stehen, die sich bei näherem Hinschauen als Karikaturen des Zeitgeistes entpuppen: Michelangelos David als Selbstmordattentäter, eine spärlich bekleidete Venus mit Bierdose, Zigarette und Goldkette und eine einkaufssüchtige Hebe mit dicker Sonnenbrille und etlichen Tüten. Banksy schickt die Besucher auf eine Schnitzeljagd durch das ganze Gebäude. Er hat die Sammlung anspielungsreich unterwandert und in fast jedem Raum Spuren hinterlassen. Hier die Renaissancefigur eines pädophilen Bischofs im Ledertanga, der bunte Lutscher in der Hand hält, dort ein italienisches Madonnenbild mit iPod. In Millets „Ährenleserinnen“ hat sich eine der Bäuerinnen für eine Zigarettenpause aus dem Bild absentiert und sitzt auf dem Goldrahmen.

Sich windende Würste

In Claude Lorrains „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ wird ein Werbeplakat für Billigflüge nach Kairo in der arkadischen Szenerie errichtet, eine Alpenlandschaft enthält über dem schneebedeckten Gipfel den Vermerk „Liefermöglichkeit vorbehalten nur für eine kurze Frist“, eine Ratte übermalt verstohlen ein Punktgemälde von Damien Hirst. Zwischen die Keramik aus lokaler Produktion hat Banksy eine Haschpfeife hineingeschmuggelt, in einer Schmuckvitrine liegen seine Prinzessin-Diana-Zehnpfundnoten. In einer Zooinstallation sind sich windende Würste wie Reptilien im Tropenhaus ausgestellt, Fischstäbchen schwimmen in der Goldfischschale. Von hinten sieht man einen schlafenden Leoparden, der träge mit dem Schwanz wedelt. Von vorne sieht man, dass es eine Pelzjacke ist.

Die Artefakte tragen Banksys unverkennbar schelmische Signatur und bezeugen sein politisches Engagement. Der Überwachungsstaat, Israel, die Umweltverschandelung, die Armut in der Dritten Welt und die heuchlerischen Entwicklungshilfe werden alle mit sarkastischem Witz angeprangert. Was Banksy mit einem Atemzug für sich und seine Arbeit beansprucht, nimmt er mit dem nächsten gleich selbstironisch zurück. Durch das Spiel mit der Anonymität entgeht er geschickt der Frage, ob er mehr Spaßmacher oder Künstler ist; doch die museale Wiederherstellung seines Ateliers zeigt, wie sorgfältig seine Streiche geplant werden, und auch, dass er als Künstler ernst genommen werden will.

Banksy. Bristol Museum, bis zum 31. August. Kein Katalog.

Mehr über Banksy hier: Kunst: Wer ist Banksy?



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: SWNS, AP, dpa, Jon Mills

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