Getty Trust

Die schmutzigen Hände der weißen Ritter

Von Heinrich Wefing

29. September 2005 Hoch oben auf einem Hügel über Los Angeles thront das strahlend weiße Getty Center. Seit seiner Eröffnung vor acht Jahren ist der weitläufige Kunst-Campus immer wieder mit einer Festung verglichen worden. Mancher Kritiker spekulierte schon fröhlich, hinter den gewaltigen Sandsteinwänden des Museums würden sich dereinst, nach dem nächsten großen Beben oder dem nächsten Ghettoaufstand, die Reichen von L. A. verschanzen und den unvermeidlichen Untergang der brennenden Megalopolis betrachten. Noch aber ist es nicht so weit. In den Armenvierteln herrscht dieselbe angespannte Ruhe wie immer, und bei Redaktionsschluß lagen keine Meldungen über „The Big One“ vor, den verheerenden Erdstoß, mit dem hier alle ständig rechnen. Und doch gleicht das Getty dieser Tage mehr denn je einer belagerten Festung.

In einem seitenlangen Artikel hat die angesehene „Los Angeles Times“ gerade die Ankaufspolitik des immens reichen Getty Trust kritisiert und massive Vorwürfe erhoben, die Kuratoren und Direktoren der Stiftung hätten über Jahre hinweg wissentlich antike Altertümer aus Raubgrabungen in Süditalien erworben, also vorsätzlich internationales und amerikanisches Recht gebrochen. Sollten sich die Informationen bestätigen, wäre das für die exquisite Stiftung, die das Erbe des Ölmilliardärs J. Paul Getty verwaltet, ein Schlag, der verheerender sein könnte als jedes Erdbeben.

Eine Vielzahl höchst zweifelhafter Aquisitionen

In dem Text der „L. A. Times“, der Hunderte Dokumente aus den vergangenen zwanzig Jahren ausbreitet, darunter handgeschriebene Notizen führender Getty-Mitarbeiter, interne Memoranden der Stiftungs-Juristen, Polaroid-Fotos von antiken Statuen und kostbaren Vasen, an denen noch Erdklumpen hingen, weil die Kunstwerke gerade eben erst von Grabräubern ausgebuddelt worden waren, werden detailliert eine Vielzahl von höchst zweifelhaften Akquisitionen dargelegt. Es entstehe das Bild einer „jungen, aggressiven Institution“, heißt es in dem Artikel, die darauf fixiert gewesen sei, „eine erstklassige Sammlung aufzubauen, während sich gleichzeitig Regierungen in aller Welt bemühten, den illegalen Kunsthandel mit Antiken zu bekämpfen.“

So soll das Getty 1993 für weit über eine Million Dollar einen goldenen Lorbeerkranz, eine feingearbeitete Grabbeigabe griechischer Herkunft, gekauft haben, Warnungen der zuständigen Kuratorin zum Trotz, die das Objekt anfangs als „zu gefährlich“ bezeichnet hatte. Zwei Jahre später, so die „L. A. Times“, habe das Museum für insgesamt 60 Millionen Dollar die rare Antiquitäten-Sammlung des New Yorker Ehepaars Lawrence und Barbara Fleischman erworben, obwohl für die Mehrzahl der Artefakte eine dokumentierte Herkunftsgeschichte fehlte, was nach den internen Richtlinien des Getty einen Ankauf eigentlich hätte ausschließen müssen.

Italien verlangt schon 42 Objekte zurück

In vielen der beschriebenen Fälle ermitteln längst die italienischen Behörden - gegen Grabräuber, Kunsthändler, Zwischenmänner und deren Abnehmer. Insgesamt 42 Objekte verlangen die Italiener derzeit von Getty zurück, darunter antike Vasen, Urnen und eine bedeutende Marmorstatue des Gottes Apoll, die Mitte der siebziger Jahre aus einem Grab in Süditalien gestohlen worden sein soll. Darüber hinaus zitiert die „L. A. Times“ jetzt aus Papieren von Getty-Juristen, nach deren Auffassung sogar über 80 Kunstwerke, darunter einige der kostbarsten Stücke in den Sammlungen des Museums, aus Geschäften mit Händlern stammten, gegen die in Italien ermittelt werde.

Schon 1985 sollen die damals bei Getty Verantwortlichen gewußt haben, daß drei ihrer wichtigsten Zulieferer, die Antiquitätenhändler Giacomo Medici, Robin Symes und Robert E. Hecht, mit Kunstobjekten handelten, die mutmaßlich aus Raubgrabungen stammten. Gleichwohl, heißt es in dem Artikel, habe das Getty die Geschäftsbeziehungen nicht abgebrochen. Nicht alle Werke, die ein zweifelhafter Händler anbiete, müßten notwendig zweifelhafter Provenienz sein, sucht sich die Stiftung jetzt in einer Pressemitteilung zu verteidigen, und beteuert, niemals wissentlich geraubte Objekte erworben zu haben. Aber es klingt reichlich lahm. Immerhin ist Medici mittlerweile in Italien zu zehn Jahren Haft verurteilt worden und befindet sich nur deshalb noch auf freiem Fuß, weil sein Berufungsverfahren läuft. Alle drei Händler bestreiten jeden Gesetzesverstoß.

Eine frisch ausgegrabene Aphrodite

Marion True, die Getty-Kuratorin für griechische, römische und etruskische Altertümer, gegen die ebenfalls in Rom Anklage erhoben worden ist, kommt durch die Veröffentlichung in eine außerordentlich prekäre juristische Situation. Zwar hat sie auf Anraten ihrer Anwälte auf die Vorwürfe nur mit der knappen Mitteilung reagiert, auch sie habe nie wissentlich geraubte Kunstwerke für das Getty erworben und wolle weiteres mit Rücksicht auf den anstehenden Prozeß nicht sagen. Aber wenn auch nur ein Teil der jetzt publizierten Unterlagen vor Gericht in Italien gegen sie verwendet würde, dürfte eine Verurteilung unvermeidlich sein. Gerade Marion True nämlich soll nach Darstellung der „L. A. Times“ eine ausgesprochen aggressive Ankaufspolitik verfolgt haben.

Geschildert wird der Erwerb einer Aphrodite aus einem griechischen Tempel in Morgantina auf Sizilien, die True 1986 von Symes in London angeboten bekommen haben soll. Ihren Vorgesetzten habe die Kuratorin vorgeschwärmt, die wunderbare Skulptur könne zum zentralen Stück der Getty-Sammlung werden, obwohl das Werk unter Fachleuten völlig unbekannt war und beinahe sicher kurz zuvor ausgegraben und illegal aus Italien geschafft worden sein mußte. Getty bezahlte laut „L. A. Times“ schließlich 18 Millionen Dollar für die Aphrodite. Heute steht sie obenan auf der Liste der italienischen Herausgabewünsche.

Es geht um Egos und um Geld

Der Streit um die kalifornische Beutekunst könnte die Karriere von Marion True ruinieren, den bislang sorgsam gepflegten Ruf der märchenhaft reichen Getty-Stiftung, die auch in Deutschland zahllose Kulturprojekte mit Millionen unterstützt, auf Jahre verdunkeln und den internationalen Kunstmarkt schwer treffen. Und doch ist der Vorgang augenscheinlich nur ein Seitenstrang in einer anderen Schlacht, im zusehends dramatischen Kampf um die Macht bei Getty (F.A.Z. vom 17. August). Es geht dabei, natürlich, um riesengroße Egos und verletzte Eitelkeiten, um Einfluß, Posten und Prestige. Und um Geld. Im Kern aber wird um die Zukunft der Stiftung gerungen, um die Frage vor allem, ob der Getty-Trust auch weiterhin vor allem ein Museum sein soll, umgeben von einem Kranz von untergeordneten Institutionen wie dem Research Institute, dem Conservation Institute oder dem Grant Program, die den Interessen des Museums zuarbeiten.

Deborah Gribbon, die Direktorin des Getty-Museums, die im Oktober mit einigem Getöse ihren unfriedlichen Abschied genommen hat, ist eine entschiedene Verfechterin dieses museumszentrierten Konzepts, unterlag in einem hausinternen Machtkampf aber zunächst Barry Munitz, dem Chef des Getty Trust. Der erklärte wiederholt, das Museum sei ein herausragender Teil des Trust, aber eben nicht der einzige. Er verfolgt offenbar die Strategie, aus dem prallen kalifornischen Geldbeutel eine Kultureinrichtung neuen Typs zu machen, die Kunst nicht mehr nur sammelt und ausstellt, sondern gleichermaßen forscht, ausbildet, weltweit Projekte finanziert und die Reflexion der Kulturpolitiker über ihre Ziele fördert - think tank, Stipendienprogramm und globale Kunstagentur in einem.

Eine Kampagne von Gegnern des Stiftungschefs?

Selbstredend ist das nicht nur eine theoretische Auseinandersetzung, sondern auch ein Streit um die Geldströme innerhalb der Stiftung. Letzter Auslöser für Deborah Gribbons dröhnenden Abgang beispielsweise soll eine Umschichtung des Getty-Haushalts zu Lasten ihres Museums gewesen sein. Seither ist die vornehme Stiftung nicht mehr zur Ruhe gekommen.

In Munitz' Lager wird deshalb zusehends von einer Kampagne gemunkelt, gesteuert von Gegnern des Stiftungschefs, die die einflußreiche „Los AngelesTimes“ fortwährend mit heiklen Getty-Interna versorgten. Tatsächlich erscheinen in der größten Tageszeitung Südkaliforniens schon seit Monaten mit einer gewissen Regelmäßigkeit Enthüllungsgeschichten über sensible Vorgänge innerhalb des Trusts, die nur auf Hinweisen von vergrätzten - ehemaligen oder gegenwärtigen - Mitarbeitern beruhen können. Zuerst war es ein seitenlanger Bericht über das üppige Spesenbudget des Getty-Chefs und seine Vorliebe für schnelle Autos, Fünfsternehotels und luxuriöse Reisen auf Kosten der Stiftung. Ein paar Wochen später folgte ein Artikel, in dem haarklein dargelegt wurde, mit welchen Summen und Strategien das Getty seine Verteidigung gegen alle Vorwürfe zu organisieren suchte, bis hin zu den Stundensätzen der beauftragten PR-Agenturen. Und nun die Details aus den vertraulichen juristischen Schriftsätzen der Getty-Anwälte und den Gesprächsnotizen der Kuratoren.

Ein Maulwurf im Innern des Trusts

Irgendwo tief im Innern des Getty Trust, muß ein „Maulwurf“ sitzen, um einmal die Terminologie des Spionage-Thrillers zu borgen, ein Informant mit offenbar schier unbegrenztem Zugang zu Dateien und Aktenschränken. Und wie in jedem Agentenroman dürften die Getreuen von Barry Munitz gerade fieberhaft daran arbeiten, dieses Loch zu stopfen oder wenigstens das nächste Informationsleck vorauszuahnen. Munitz' Position nämlich ist zusehends bedrängt, die Zeit für ihn wird knapp, selbst Eingeweihte und enge Verbündete beschrieben ihn zuletzt als nervös.

Schon vor dem jüngsten Scoop der „Times“ liefen in Los Angeles Gerüchte um, einen weiteren Schlag könne der machtbewußte und gut vernetzte CEO nicht überstehen. Ob sich diese Spekulationen bewahrheiten, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Spätestens eine Verurteilung von Marion True im November in Rom aber dürfte die Ära Munitz auf dem schönen Hügel oberhalb von Santa Monica beenden. Ob damit den Künsten in Los Angeles und dem Rest der Welt gedient wäre, steht freilich dahin.



Text: F.A.Z., 29.09.2005, Nr. 227 / Seite 42
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa

 
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