Ausstellung

Und es entstanden Bilder am laufenden Band

Von Catrin Lorch

Video in voller Größe

30. März 2006 Dreiunddreißig Millionen Menschen, sagte der Künstler, haben seine Arbeit gesehen, eine Rekordzahl, die nicht einmal die erfolgreichsten Museen zu bieten haben - aber das Kunstwerk, von dem Nam June Paik sprach, war auch nicht in einem Museum gezeigt worden.

„Good Morning, Mr. Orwell“ war eine Medien-Performance, eine weltumspannende Live-Schaltung zum Neujahr: Das Jahr 1984 wurde im Show-Format gefeiert, mit Laurie Anderson, Peter Gabriel und Live-Diskussionen zwischen Paris und New York im Split-Screen. Moderatoren diskutierten da Theorien der Medienintimität, bis, im Schatten einer zusammengebrochenen Verbindung („Paris, can You hear me“), die Moderatoren plötzlich vertraulicher wurden; offensichtlich ging enttäuschte Liebe auf Sendung, aber dann kam plötzlich ein Schnitt ins Studio Cage; der Meister befingerte Mikrophone mit Federchen. Umschalten zu Beuys, drei geschichtete Einstellungen zerlegen dessen Performance in vollkommen verflachte Bilder; ein Schwenk aus Paris schließt sich an, dort ist Nacht, der Tinguely-Brunnen plätschert.

Zeitrechnung beginnt mit erstem Videorekorder

Nam June Paiks „Good Morning, Mr. Orwell“ war ein Werk wie sein Medium: in die Technik verliebt, aber mißtrauisch gegenüber den Anwendern im Alltag, im Rücken die Kunst mit Blick auf die Welt, unaufhörlich kommunizierend und verbindend, unterhaltend wie Pop, dann quälend langatmig - ein Medium, das von Anfang an den Betrachter im Blick hatte, und nicht zufällig bedienten sich Videokünstler der gleichen Werkzeuge wie Dokumentarfilmer und Überwachungstechniker.

Gleich in fünf Städten werden seit dem vergangenen Wochenende vierzig Jahre Videokunst gefeiert; der Kunsthistoriker Christoph Blase vom „Studio für antiquierte Videosysteme“ beginnt die Zeitrechnung mit dem September 1965, dem Monat, in dem Videorekorder in den deutschen Handel kamen. Im ZKM zeigt er stolz ein Originalgerät, das nur einen Knopf für „Aufnahme“ hat. Es blieb bekanntlich nicht dabei. Bald folgten Modelle, die mit mehr Tasten ausgestattet waren, „Play“ zum Beispiel, Vor- und Rücklauf. Auch das kuratorische Gemeinschaftsausstellungsprojekt spult wild vor und zurück in der Geschichte des Videos: Ein Symposion galt den Möglichkeiten der Restaurierung, die Erhaltung der Gattung soll außerdem eine Edition sichern: 59 Schlüsselwerke hat eine gemeinsame Jury ausgewählt - die Präsentation dieser „Anthologie“, wie Doris Krystof aus Düsseldorf die Kollektion auf zwölf DVDs nennt, findet gleichzeitig statt, wobei jedes Haus das Programm mit einem eigenen Ausstellungsvorhaben verknüpft. In Leipzig ist das beispielsweise eine Schau zur Schmalfilmszene eines Volkes, das keine Videotechnik in die Hände bekam. Die gute Nachricht zum Jubiläum ist, daß das elektronische Bild lebt - wenn auch nicht auf Video sondern, derzeit, auf DVD. „Update 06“ im Lenbachhaus führt mit Arbeiten wie Christian Jankowskis „16mm Mystery“, ein Selbstporträt als Hochhaus-Sprenger, die Wucht dieser digital erzeugten Bildermacht vor, die größer ist als die Leinwände der Maler.

Sammlung Doktor Video

Die Gattung ist da, die Frühzeit jedoch halbtot. Die Kassetten schützen nicht vor dem Verfall - die zarten Magnetbänder sind empfindlich, außerdem ändern sich laufend die technischen Anforderungen, auf archaische Frühzeit, die in Zoll gemessen und auf offene Spulen gewickelt, folgten von Kassetten ummantelte Formate wie U-Matic, Beta, S-VHS, CD und DVD. Ungespielt, zu feucht, zu heiß gelagert, eingestaubt, hüllt die Zeit die überholte Technik in einen Nebel, der sich nicht abwaschen läßt wie der Kerzenruß von Kirchendecken; was einmal im weißen Rauschen verschwunden ist, bleibt verloren.

Mit diesen drastisch formulierten Befürchtungen stieß Wulf Herzogenrath, der Direktor der Bremer Kunsthalle, ein Initiativprojekt der Bundeskulturstiftung an. Herzogenrath, den sein Düsseldorfer Kollege Julian Heynen mit „Doktor Video“ tituliert, hat deutsche Videokunst schon als Retrospektive kuratiert, als sich seine Kollegen noch nicht sicher waren, ob es sich dabei überhaupt um Kunst handelt. Er hat Programme für die documenta zusammengeschnitten und einem skeptischen Kunstpublikum in Kassel angepriesen, Videokunst vor höhnenden Studiotechnikern im WDR anmoderiert und später Nam June Paiks Video-Synthesizer aus einem amerikanischen Labor ausgelöst, um ihn der Sammlung der Bremer Kunsthalle einzuverleiben. Nicht ohne stillen Triumph hat er nun den Impressionisten-Saal im Zentrum des Kunsthalle für vier Computer-Screens abgedunkelt, auf den Wänden reihen sich Namen wie Valie Export, Ingo Günther, Jean-Francois Guiton und Harun Farocki.

Malen mit Elektrowellen

Bremen ist die anspruchsvollste Station des Großprojektes mit Installationen aus den sechziger Jahren und Raritäten wie dem aufgesockelten Fernsehmöbel in Edelholzfurnier, das als einziges Überbleibsel der „Exposition of Music - Electronic Television“ farbbekleckst und mit geöffnetem Rücken an Paiks Aktion im März 1963 in der Wuppertaler Galerie Parnaß erinnert, bei der es ums Malen mit Elektrowellen ging.

Am Zentrum für Kunst und Medientechnologie stellt man unter dem Titel „revision.zkm“ neben einem imposanten Fuhrpark historischer Kameras, Rekorder und Monitore die Leistungen des Hauses in Hinsicht auf Archivierung und Aufbereitung aus. Julian Heynen räumt ein, man habe „mit dem groben Rechen durchgekämmt“; offensichtlich läßt sich in Absprache nicht pointiert kuratieren. Sollte der geplante zweite Teil der Gruppenausstellung das nicht korrigieren, wird von dem etwa 900.000 Euro teueren Initiativprojekt der Bundeskulturstiftung nicht mehr überdauern als ein Kessel Buntes.

Die Ausstellung „40 Jahre Videokunst“ wird bis zum 21. Mai an fünf Orten gezeigt: in der Kunsthalle Bremen („Die 60er“), im Düsseldorfer K21 („Die 80er“), im Münchner Lenbachhaus (sechs Positionen zeitgenössischer Kunst), im Museum der Bildenden Künste in Leipzig („Eevision.DDR“) und im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Der Katalog kostet 35 Euro.



Text: F.A.Z., 28.03.2006, Nr. 74 / Seite 39
Bildmaterial: Nam June Paik Studios Inc.

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