Von Heinrich Wefing
21. Mai 2005 Der Neubau für die Berliner Akademie der Künste, der heute im Beisein allerhöchster Zelebritäten mit einigem gesellschaftlichen Aufwand eingeweiht wird, ist eine Sensation.
Nicht mehr, nicht weniger. Ein befreiender, ein beglückender Ort, ein Haus, durch das zu schlendern, treppauf, treppab, von Brücke zu Balkon zu Empore, eine wahre Lust ist. Günter Behnisch und Werner Durth, die beiden Architekten, haben eine rechte Leistungsschau ihrer Kunst inszeniert, ein Feuerwerk von Einfällen, ein schillerndes, heiteres, vielfach ironisch gebrochenes Exempel, was Architektur alles kann, selbst auf einem derart beengten, schwierigen Grundstück wie dem der Akademie am Pariser Platz, wo das neue Haus an angestammter Stelle eingezwängt ist zwischen dem neohistoristisch biederen Hotel Adlon und Frank O. Gehrys steinschwerer DG Bank.
Leider mißratene Glasfassade
Offen ist der Bau, voller Durchblicke hinter seiner symbolisch überschätzten, leider mißratenen Glasfassade, eine transparente Schatulle für die wilhelminischen Säle der alten Akademie und zugleich eine öffentliche Passage vom Brandenburger Tor zum Holocaust-Mahnmal, mehr Weg als Ziel, eine Einladung, hereinzuspazieren, zu schauen, herumzuwandern, vielleicht einen Kaffee an der langen Bar im Foyer zu trinken und, gleichsam en passant, aufmerksam zu werden auf die Kunst, die hier in Zukunft an vornehmster Stelle der Stadt einen Sitz haben soll.
Für die Akademie, deren West-Berliner Hälfte seit 1960 in einem idyllischen Bau am Rande des Tiergartens residierte, der als Rückzugsort und Studio erhalten bleiben soll, ist das neue Haus Segen und prekärer Ansporn. Sie müßte jetzt, wollte sie ihrer Behausung gerecht werden, mindestens so ideenreich, so überraschend, so ruppig und anregend werden wie die Architektur, die sie umhüllt. Bislang freilich ist sie davon weit entfernt.
Fast ein wenig schläfrig
Suchte man nach Vokabeln, die den gegenwärtigen Zustand der Institution beschreiben, so drängen sich lauter Begriffe auf, die im schärfsten Kontrast stehen zu den Versprechungen der neuen Architektur. In sich gekehrt ist die Akademie, unauffällig, fast ein wenig schläfrig, wenig streitlustig, mehr Depot denn Labor, mit einem Wort: übersehbar. Die überregionale Bedeutung und internationale Ausstrahlung der Künstlersozietät, die im Streit um die Übernahme der Einrichtung durch die Bundesregierung immer wieder reklamiert wird, um Zweifel der Länder an der Zuständigkeit des Bundes zu zerstreuen, ist eher Behauptung denn Faktum, und sie wird auch nicht schon dadurch erreicht, daß heute abend zur Eröffnung sowohl der Bundespräsident als auch der Kanzler mit Grußworten herbeieilen.
Nun gibt es für die betrübliche Verfassung der Akademie durchaus objektive Gründe. Die diffizile Vereinigung von Ost- und West-Hälfte, unter den Präsidenten Heiner Müller und Walter Jens Mitte der neunziger Jahre ins Werk gesetzt, hat viel Kraft gekostet. Die grotesken, zeitraubenden, geldverschlingenden Schwierigkeiten der Bauarbeiten am Pariser Platz, die der Schriftsteller Rolf Hochhuth eben noch einmal in einer wüsten Polemik angeprangert hat, haben, wiewohl üblich in Berlin, die Verantwortlichen über Gebühr in Anspruch genommen; und die festangestellten Mitarbeiter in den sechs Sektionen der Akademie neigen schon seit einer Weile dazu, sich eher in ihre Themen zu verbohren, denn in die Öffentlichkeit hinein zu wirken.
Aberwitziges Mißverhältnis
Hinzu kommt, wie bei vielen öffentlich finanzierten Institutionen, ein einigermaßen aberwitziges Mißverhältnis zwischen den fixen Personalkosten und den frei disponiblen Mitteln für Projekte. Jede der Banken, die am Pariser Platz, vis-a-vis der Akademie, luxuriöse Repräsentanzen unterhalten, könne mehr Geld für die Kultur ausgeben als er, stellt Adolf Muschg, der Akademiepräsident, nüchtern fest.
Damit ist ein Problem markiert, das allerdings über das Pekuniäre weit hinausreicht. Die Akademie, die nach ihrer Gründung 1696 bis ins späte Kaiserreich hinein nicht nur einen privilegierten Zugang zur Macht besaß, sondern auch so etwas wie ein Monopol auf das erlesene, erleuchtete Gespräch über die Kunst, hat diese Position längst verloren. In Berlin, einer Stadt, die ja fast nichts anderes hat als die Kultur, steht die Akademie heute in permanenter Konkurrenz zu anderen Akteuren, gefangen in einem immerwährenden Diskurs, der ständig und überall über die Rolle der Künste geführt wird, in den Universitäten, den Museen, all den Kulturstiftungen der Banken und Unternehmen, den Botschaften, Galerien und dem Gewusel der privaten Initiativen und Netzwerkereien.
Ewiges Geplauder und Gebrabbel
Was immer die Akademie von sich gibt, wenn sie sich, was selten genug vorkommt, doch einmal aufrafft, Stellung zu nehmen zu einem öffentlichen Anliegen, droht sogleich im allgemeinen Hintergrundrauschen, im ewigen Geplauder und Gebrabbel der offenen Gesellschaft unterzugehen. Daß es unter diesen Marktbedingungen des Geredes das klügste wäre, zu schweigen oder allenfalls zu flüstern, wie Adolf Muschg gelegentlich bemerkt, ist richtig beobachtet, aber gerade das: Stille, Kontemplation, ist in dem neuen Haus, an dem prominenten Platz im Herzen der Hauptstadt geradezu kategorisch ausgeschlossen. Und eine schweigende, absichtsvoll stumme Akademie entspräche gewiß nicht den Intentionen der Politik, die den funkelnden Bau finanziert hat, freilich auch ihrerseits ohne jede Vorstellung, was sie denn eigentlich außer Schick und Glanz erwartet von dieser Institution.
Allerdings sind es nicht externe Faktoren allein, die zur Erstarrung der Akademie geführt haben. Im Gegenteil, ihr größtes Problem besteht darin, daß sie kein klares Bild von sich selbst besitzt, daß sie aus ihren reichen Traditionen längst nicht mehr selbstverständlich leben kann. Was sie einst besaß, die bisweilen segensreiche, bisweilen verführerische Hintertür zur Macht, ist unter den Bedingungen der pluralen Demokratie ähnlich bedeutungslos geworden wie das andere Charakteristikum, das die Ost-Akademie in der DDR wenigstens zeitweise auszeichnete, einen Schutzraum zu schaffen für das Denken und Sprechen in der Diktatur.
Ein überreiches Archiv
Heute ist die Akademie, zugespitzt formuliert, nur mehr ein überreiches Archiv mit angeschlossenem Ausstellungs- und Publikationsbetrieb. Welche Rolle noch die gewählten Mitglieder spielen könnten, deren Zusammenschluß ja recht eigentlich die Akademie konstituiert, ist eine offene Frage. Und es steht nicht zu erwarten, daß heute abend in den Eröffnungsreden eine Antwort formuliert werden wird.
Die rund dreihundertsiebzig Mitglieder, die in den sechs Sektionen der Akademie sitzen, sind fast ausnahmslos, wenn sie in den Kreis der Erwählten kooptiert werden, in fortgeschrittenem Alter, arriviert und besitzen idealerweise reichlich eigene Autorität. Sie brauchen die Kollegen nicht, wenn sie sich Gehör verschaffen wollen, sie sind es gewohnt, wie Kleinunternehmer ihrer eigenen Bedeutsamkeit zu agieren, und wenn sie zweimal im Jahr aus dem In- und Ausland zu ihren Tagungen anreisen, ist von gemeinsamen Interessen, von einem kreativen Austausch, gar von einem verbindenden politischen Projekt wenig zu spüren. Von ihrer Berufung in die Akademie versprechen sie sich neben der Ehre wohl vor allem Präsenz, Auftrittsmöglichkeiten in der Kapitale, Podien, kurzum: eine Bühne.
Potentielle Bühnen überall
Durth und Behnisch, selbst Akademiemitglieder, wissen das natürlich sehr genau und haben denn auch jede Treppe, jeden Absatz, jede Galerie als potentielle Bühne ausgelegt und den Plenarsaal gleich so verkabelt, daß er auch als Fernsehstudio taugt. Ein Schauhaus für viele Einfälle und Eitelkeiten.
Aber was es denn sein könnte, das die Akademie über die individuellen Beiträge der Mitglieder hinaus bedeutsam machen würde; was die Akademie mehr sein will als nur ein sporadisch tagender Künstlerbund, davon vermittelt die Architektur sowenig eine Ahnung wie die Akademiker selbst. Immerhin aber könnte das Haus, vielleicht, einen Funken entzünden und die Mitglieder verführen, es als ein Instrument zu entdecken, das sie zum Klingen bringen könnten.
Text: F.A.Z., 21.05.2005, Nr. 116 / Seite 29
Bildmaterial: AP, ddp, dpa/dpaweb