Von Johanna Adorján
23. Oktober 2006 Ihr jüngstes Werk ist gerade auf dem Titel der Oktoberausgabe der amerikanischen Vanity Fair zu sehen, es ist, das gleich vorweg, nicht ihr bestes. Zu sehen sind Tom Cruise und Katie Holmes und deren kleine Tochter Suri, ein typisches Babyfoto, die stolzen Eltern, das süße Kind, natürlich fabelhaft in Szene gesetzt, mit perfektem Licht, makellos retuschierten Gesichtern und in seiner Gesamtkomposition harmonisch wie ein Heiligengemälde. Du meine Güte, entgegnete Annie Leibovitz vor kurzem einer amerikanischen Journalistin, als diese sie für dieses arg konventionelle Foto kritisierte, du meine Güte, es ist ein Babyfoto, und Babyfotos sind so.
Dabei weiß sie es besser. Ihren neuen Fotoband hat Annie Leibovitz sich selbst gewidmet, ihrem eigenen Leben vielmehr: A Photographer's Life heißt er, umfaßt Fotografien aus den Jahren 1990 bis 2005, und die Babyfotos, die darin zu sehen sind, sind Welten entfernt von der properen Harmlosigkeit ihres Cruise-Holmes-Covers: Ihre Tochter Sarah Cameron Leibovitz kam am 16. Oktober 2001 per Kaiserschnitt zur Welt, auf den ersten Bildern, die es von ihr gibt, ist viel Blut zu sehen, chirurgisches Besteck, ein verschmiertes Neugeborenes mit eben durchtrennter Nabelschnur. Es sind Schwarzweißfotos, aufgenommen von einer Ärztin und anderen Personen, die während der Geburt zugegen waren - die Fotos, die Annie Leibovitz während des Geburtsvorgangs selbst geschossen hatte, und sie hatte tatsächlich auch in diesem Moment eine Kamera zwischen sich und der Welt, erwiesen sich alle als verwackelt.
Von der Zerbrechlichkeit des Lebens
Ein paar Doppelseiten später werden wir die Frau tot sehen, die das Baby als erste in Armen hielt: Susan Sontag, die große amerikanische Denkerin und Schriftstellerin, seit den späten achtziger Jahren Lebensmensch von Leibovitz, um in Ermangelung eines besseren diesen Ausdruck von Thomas Bernhard zu gebrauchen. Wir sehen sie aufgebahrt im Leichenschauhaus, die Haut an den Armen an einigen Stellen schon dunkel verfärbt; etwas später sehen wir auch den Vater von Annie Leibovitz tot, der nur wenige Wochen nach Susan Sontag starb. Und nichts könnte weiter entfernt sein von den Bildern, für die Annie Leibovitz berühmt ist, als diese privaten Aufnahmen, die leise und zart, wie auf Zehenspitzen, um die Toten nicht zu stören, von der Zerbrechlichkeit des Lebens erzählen.
Sie ist die bedeutendste Ikonographin der amerikanischen Popkultur, ihre Bilder von der hochschwangeren, nackten Demi Moore, von Whoopie Goldberg in einer Badewanne voll Milch oder, das wohl berühmteste, vom nackten John Lennon, der sich im Liegen an eine ganz in Schwarz gekleidete Yoko Ono klammert (aufgenommen am Tag, bevor er erschossen wurde), sind längst Teil unserer kollektiven Erinnerung. Sie ist bekannt für ihre gründliche Vorbereitung - wenn sie einen Schriftsteller porträtiert, liest sie seine Werke, bevor sie Barischnikow fotografiert, sieht sie ihn tanzen, und dann wird alles bis ins letzte Detail inszeniert, Licht, Kulisse, Requisite, Kostüm. Für die ersten Aufnahmen von Tom Cruise' Baby lebte sie zwei Wochen mit der jungen Familie auf deren Anwesen in Colorado.
Gold, Licht und Glitter
Leibovitz zeigt Menschen in ihrer öffentlichen Rolle; ihre Bilder von Präsidenten, Musikern, Schauspielern fangen die Essenz der öffentlichen Wahrnehmung der jeweiligen Person ein - und treiben sie auf die Spitze. Eine Ikone des Glamours wie Nicole Kidman scheint sich auf dem Porträt von Leibovitz beinahe aufzulösen in Gold, Licht und Glitter; Sylvester Stallone hat sie ohne Kopf fotografiert, nur Trizeps, Bizeps, Solarplexus; die aktuellen Machthaber im Weißen Haus, während des Afghanistan-Krieges zu einem düsteren Gruppenbild versammelt, sehen durch Leibovitz' Linse aus wie eine Bande skrupelloser Mafiosi.
Im Buch sind die opulent gestylten, pompös farbigen Hochglanz-Starporträts gegengeschnitten mit den auf 35-Millimeter-Schwarzweißfilm festgehaltenen persönlichen Momenten ihres Lebens, es wirkt wie der Gegensatz zwischen einem Big-Band-Konzert und einem Streichquartett. Zärtlich blickt sie auf die vielen Mitglieder ihrer Familie, vor allem ihre Mutter erscheint in liebevollem Licht: Eine offensichtlich sehr temperamentvolle, untersetzte ältere Dame, die tanzend, schwimmend, auf allen vieren, oft mit einem Enkelkind huckepack durch die Bilder tobt. Es gibt, das ist neu im Schaffen von Annie Leibovitz, Landschaftsaufnahmen. Schwarzweiß, fast verwischt, seltsam vorläufig wirkende Ansichten von Steinwüsten, Flüssen, dem Vesuv.
Wir halfen uns durchs Leben
Und immer wieder Bilder von Susan Sontag. In einem Interview mit dem Guardian hat Leibovitz neulich über ihre Verbindung gesprochen. Wörter wie Begleiterin oder Partnerin seien nicht in ihrem Vokabular gewesen, sagte sie: Wir waren zwei Menschen, die sich gegenseitig durchs Leben halfen. Das Wort, das es am ehesten trifft, ist wohl ,Freundin'.
Sie reisten zusammen - nach Venedig, Berlin oder Mexiko, nach Ägypten und Sarajevo, wo Leibovitz eine Reportage über den Krieg machte. In Manhattan wohnten sie in zwei Apartments, die einander gegenüber lagen. Sontag habe sie angespornt, besser zu sein, schreibt Leibovitz im Vorwort. Und die jüngere half der älteren schließlich in den Tod, begleitete sie durch eine erste Krebserkrankung, die geheilt werden konnte, und durch die zweite, dokumentierte die Folgen der Krankheit mit der Kamera, den Verlust der berühmten schwarzweißen Haare, den ganzen schmerzhaften Prozeß, wie ein vertrauter Mensch sich aufzulösen beginnt und zuletzt unter einer Steinplatte auf dem Friedhof von Paris-Montparnasse liegt, derselbe Mensch, der eben noch, vor wenigen Jahren, ein paar Seiten weiter vorne, durch Long Island radelte, in Hotelzimmern las, schrieb, in einem Bärenkostüm auf das Jahr 2002 anstieß.
Susan Sontag starb, 71jährig, am 28. Dezember 2004. Fünf Monate später, im Mai 2005, wurde Annie Leibovitz erneut Mutter. Mit Hilfe einer Leihmutter kamen die Zwillinge Susan Anna und Samuelle Edith zur Welt, da ist Annie Leibovitz 55 Jahre alt. Und so erzählt dieses Buch von einem ungewöhnlichen Leben, von Leben und Tod überhaupt, und - auf den gelackten Hochglanzbildern der Schönen und Mächtigen - vom rührenden und hoffnungslosen Versuch, das Leben an- und den Tod aufzuhalten. Denn nichts anderes ist ja Fotografie. Jede Fotografie ist eine Art memento mori, schrieb Susan Sontag in ihrem berühmten Essay Über Fotografie (1977): Fotografieren bedeutet Teilnehmen an der Sterblichkeit, Verletzlichkeit und Wandelbarkeit anderer Menschen (oder Dinge). Eben dadurch, daß sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit. Annie Leibovitz ist mit ihrem neuen Bildband eine besonders schöne Erinnerung daran geglückt.
Annie Leibovitz: A Photographer's Life. Verlag Schirmer/Mosel. 472 Seiten, davon 343 Tafeln in Farbe und Duotone, 78 Euro. Erscheint am 27. Oktober.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.10.2006, Nr. 42 / Seite 28
Bildmaterial: AFP, AP, AP/Ann Taylor, Annie Leibovitz, AP/Annie Leibovitz, AP/Vanity Fair, dpa/Annie Leibovitz mit freundlicher Genehmigung des Brooklyn Museum, Schirmer/Mosel
