Comic und Kunst

Dem Samson des Humors

Von Andreas Platthaus

03. Dezember 2004 Über wenige Fragen der Kulturgeschichten gibt es mehr Uneinigkeit als über Geburtsstunde, Geburtsland und Geburtshelfer des Comics. Deshalb verlegt sich die Forschung auf Teilgeburten: die erste Comicserie, der erste Comicheld, das erste Comicheft. Bei letzterem hat derzeit England die Nase vorn, denn dort erschien 1884 "Ally Sloper's Half Holiday", ein achtseitiges Magazin, das aus allen möglichen Zeitungen Cartoons zusammenstahl und daraus ein reines Karikaturenheft zusammenstellte, in dem schon viele Merkmale der Comics zu finden waren.

Der Erfolg zog rasch Nachahmer an, unter anderem 1890 ein gleichfalls achtseitiges Plagiat namens "Funny Cuts", das von einem Herrn namens Gordon Philip Hood herausgegeben wurde, der sich selbst als "the Funniest Man on Earth" anpries oder als den "very Samson of Humour". Aber auch diese biblisch beglaubigte Verlegergestalt war vor allem ein Dieb, weshalb böse Zungen den Namen seines Heftes nicht als Anspielung auf die darin präsentierte Technik des Holzschnitts (wood cuts) deuteten, sondern auf Hoods steten Gebrauch der Schere, mit der er aus anderen Zeitungen die Bilder herausschnitt.

Aus dem Bilderkosmos des Comics

Wenn an diesem Freitag abend eine Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie zur Beeinflussung der Kunst durch die Comics eröffnet wird, die ebenfalls "Funny Cuts" heißt, dann ist das nur für Eingeweihte eine Hommage an diese Frühzeit. Vielmehr will die Kuratorin Kassandra Nakas den Titel als Beschreibung des Prinzips der Adaption von Comicelementen durch Künstler verstanden wissen - Ausschnitte aus dem Bilderkosmos des Comics eben.

Dafür führt der Untertitel der Schau, "Cartoons und Comics in der zeitgenössischen Kunst", etwas in die Irre. Es geht ja nicht darum, diese Disziplinen in der Kunst aufzuspüren. In der Staatsgalerie hängt auf zwei Etagen nur eine Arbeit, die man wirklich als Comic ansehen kann: die auf vier Blatt entwickelte Geschichte "Rhythm Master" von dem britischen Maler Kerry James Marshall. Nur in diesem Werk ist das erzählerische Moment, das für einen Comic ebenso wichtig ist wie die Kombination von Text und Bild, in eine Sequenz von Bildern gefaßt, die ganz den Gepflogenheiten des Genres entsprechen. Aber Marshall hat diese Grenzüberschreitung gespürt, und um sich als Künstler gegen die Verlockungen der populären Form zu behaupten, bezeichnet er seine Arbeit im Titel als bloßes "Seiten-Layout". Nicht mehr die Berührungsängste sind also groß, sondern die Sorge, das hehre Feld der Kunst leichtfertig zu verlassen.

Persönliche Reminiszenz statt bloßes Abbild

Was die Stuttgarter Ausstellung bemerkenswert macht, ist das Panorama, das sie erschließt. Natürlich ist Roy Lichtenstein mit vier Arbeiten vertretbar, aber das ist nun wirklich die kleinste Münze, wenn man sich dieses Themas annimmt. Viel spannender ist etwa die Entdeckung dreier Leinwände aus der Frühzeit des Popkünstlers Mel Ramos. In den Jahren 1961/62 malte er die Comichelden seiner Kindheit: Flash, Batman und Captain Midnight. Bemerkenswert daran ist, daß just in diesen Jahren das Konzept des Superheldencomics durch den Erfolg der seelisch verwundbaren Figuren des Marvel-Verlags vollkommen umgekrempelt wurde. Flash etwa war gerade erst neu gestaltet worden, um wieder zeitgemäß zu wirken. Ramos aber malt den Flash der vierziger Jahre; seine Absicht war eine persönliche Reminiszenz, nicht ein bloßes Abbild der gegenwärtigen Trivialkultur, wie die Pop-art es ansonsten betrieb.

Solche Überraschungen hält die Ausstellung dutzendfach bereit. Sigmar Polke zum Beispiel fertigte in den frühen siebziger Jahren eine Schablone von Lucky Luke an und gestaltete damit ein Dyptichon, das die Bildstruktur der Comicvorlage auf intelligente Art variiert. Martin Kippenberger wiederum schuf 1993 zu einem beinahe abstrakten Polke-Siebdruck ein Passepartout, für das er eine Sequenz aus einem "Werner"-Band des deutschen Comiczeichners Brösel abmalte. Dieser dreifache Kontrast von Künstlerpersönlichkeiten ergibt ein verblüffend schlüssiges Konzept, in dem die Bröselschen Kalauer die Polke-Graphik ebenso passend kommentieren, wie Kippenbergers Rahmengestaltung es ästhetisch leistet.

Nicht nur der unvermeidliche Murakami

Die größten Stärken hat die Schau indes bei den jungen Künstlern: bei dem Polen Wilhelm Sasnal etwa, der einzelne Bilder aus Art Spiegelmans berühmtem Holocaust-Comic "Maus" herausgelöst und um die Figuren bereinigt hat. Die Etagenbetten aus den KZ-Baracken oder die Tür einer Gaskammer wird so in einer zusätzlichen Kälte inszeniert, die ganz aus der Comicvorlage stammt und doch verfremdet wirkt, weil Sasnal überdies die für Spiegelman typischen groben, aus der Hand gezogenen Raster durch akribisch dünne Linien und Kreuzschraffuren ersetzt, die die großformatigen Bildern noch distanzierter erscheinen lassen. Daß er seinen "Maus"-Zyklus ausgerechnet 2001 anfertigte, als in Polen die Debatte über den Mord an den Juden von Jedwabne tobte, macht die Arbeit noch interessanter.

Aus Japan kommt nicht nur der unvermeidliche Takashi Murakami, dessen Werke mittlerweile schon selbst Gegenstand anderer Künstler werden, wie Tim Eitels erstaunliches Bild "Murakami" (2001) beweist, das eine damalige Raumgestaltung in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst zum Thema hat. Mit Yoshitomo Nara und Yoshitaka Amano sind auch unbekanntere Künstler vertreten, die den Stil der japanischen Manga in ihre Arbeiten übernommen haben.

Vielfalt und Entdeckermut

Trotzdem dürfte die Hoffnung der Staatsgalerie etwas vermessen sein, mit der Ausstellung junge Besucher ins Haus zu bekommen - sofern nicht ein gutes museumspädagogisches Programm geboten wird, denn nur die wenigsten Werke erschließen sich auf Anhieb, und die allerwenigsten haben Figuren zum Gegenstand, die heute noch jugendliche Leser haben. Vielmehr ist immer wieder erstaunlich, wie sehr die Klassiker des Comics - seien es nun "Alley Oop" oder die Erotikgeschichten eines Guido Crepax, Hergé oder "Batman" - auch jüngste Künstler neu zu Auseinandersetzungen reizen.

Der Gattungsbegriff wird in Stuttgart nicht erweitert, und das Konzept macht es sich bisweilen leicht. Aber die Schau beeindruckt durch ihre stilistische Vielfalt und ihren Entdeckermut auf einem schon bislang nicht wenig beackerten Feld. Das macht sie zu einem der bemerkenswerten Kunstereignisse dieses Jahres in Deutschland.

Bis zum 17. April. Der exzellente Katalog, erschienen beim Kerber Verlag, kostet 24 Euro.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2004, Nr. 283 / Seite 33
Bildmaterial: Courtesy Jablonka Galerie, Köln 2004, Fredericks Freiser Gallery, New York 2004, Galerie Zink & Gegner, München 2004, Herrera 2004, Inka Essenhigh/Victoria Miro Gallery, London, 2004, Katalog, VG Bild-Kunst, Bonn 2004

 
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