Von Thomas Wagner
25. April 2006 Ach, wären die Ballkünstler der Nation doch auch so treffsicher, keiner müßte sich um ihr souveränes, weltmeisterliches Auftreten sorgen. Es ist aber nicht so. Also gilt: Vor dem Spiel ist spannender als während des Spiels - ein Prinzip, das immer häufiger auch zu einem Wesenszug der Kultur zu werden droht. Denn vorher wissen es alle besser.
Nun zeigt unter dem auf Dürers Kleines Rasenstück anspielenden Titel Das große Rasenstück die WM-Stadt Nürnberg zur Fußball-Weltmeisterschaft Kunst im öffentlichen Raum. Dazu werden auf dem Weg vom Hauptbahnhof zur Burg, wo sich Einheimische und Touristen gern tummeln, von Anfang Mai an, wie es so schön heißt, spektakuläre wie auch nachdenkliche, leisere Arbeiten gezeigt, die ungewöhnliche Kontrastbilder zur gemütlichen Mittelalterkulisse der Stadt setzen werden. Damit ermögliche die Fußball-Weltmeisterschaft erstmals seit vielen Jahren in Nürnberg wieder eine intensive Auseinandersetzung mit internationaler zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum. Das klingt nach Finale und verspricht mehr als grüne Fußmatten oder Gartenzwerge im WM-Design.
Mit Metzel nicht zu machen
Die touristische Rechnung - nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß - ist mit Olaf Metzel aber nicht zu machen. Wer den streitbaren Künstler einlädt, der bekommt, was er verlangt hat: eine intensive Beschäftigung mit den in Nürnberg gegebenen historischen und sozialen Rahmenbedingungen. Und die sind nun mal, wie sie sind. Also sieht Metzels Entwurf vor, den Schönen Brunnen mitten auf dem Marktplatz für zwei Monate mit einer aufstrebenden, aus rund tausend ausgemusterten Stühlen des Berliner Olympiastadions gebildeten Form zu umgeben. Auf Wiedersehen nennt er den bis in siebzehn Meter Höhe aufsteigenden Wirbel. Und der erfüllt seine Funktion nun schon während seiner Realisierung.
Weil hier nicht irgendein amtlich gesegnetes Stadtmöbel abgestellt wird, sondern der Künstler sein Atelier an Ort und Stelle verlegt hat, rühren sich Proteste. Nichts Ungewöhnliches, wo Kunst in die Stadt zieht und der Künstler genau hinschaut. Dabei, das findet auch Metzel, ist es doch ein gutes Zeichen, wenn rund um den Brunnen, der als einziges Bauwerk die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs überstanden hatte, diskutiert wird und die Nürnberger ihr Kleinod verteidigen. Doch wo etwas spielerisch und virtuos verdeckt wird, um etwas aufzudecken, wo Sitzschalen aus dem Warenkorb der Alltagsästhetik ans Politische rühren, da hören Sport und Spaß auf.
Denn plötzlich liegt über allem Volksfest dieser skulpturale Wirbel. Und der könnte ja von der aufgeheizten Luft sportbegeisterter und von der Politik instrumentalisierter Massen gebildet worden sein. Er könnte die Spielformen der Bildhauerei nutzen, um mit Blick aufs Historische für einen kurzen Moment ein gar kritisches Bild unserer Zeit aufzurichten - jenseits des Biergarten-Großbildleinwand-Würstelbuden-WM-Programms. Alle Ballack-Fans aufgepaßt: Keiner schlägt den tödlichen Paß in den möblierten Stadtraum wie Olaf Metzel.
Text: F.A.Z., 26.04.2006, Nr. 97 / Seite 46
Bildmaterial: dpa/dpaweb