Von Thomas Wagner
20. Februar 2005 Harald Szeemann ist nach kurzer schwerer Krankheit in der Nacht zum vergangenen Freitag in Zürich gestorben. Der Kunstbetrieb hat seinen renommiertesten Ausstellungsmacher und die Kunst einen leidenschaftlichen Vermittler verloren. Viele Künstler verlieren einen treuen Weggefährten. Er war ein knorriger, aber sensibler Kraftmensch, hervorgegangen aus einer Mischung aus elsässisch-bayerisch-ungarischer Schlitzohrigkeit, einer großen Zuneigung zum Vielvölkergemisch der ehemaligen k.u.k. Monarchie und einem Hang zum Skurrilen, wie er wohl nur unter dem Ordnungsdruck der Schweiz gedeihen kann.
Harald Szeemann, geboren am 11. Juni 1933 in Bern, machte Ausstellungen. Er jonglierte mit Hirngespinsten, fremden, aber auch eigenen. Das temporäre Beisammensein isolierter Kunstwerke allein war ihm zuwenig. Ausstellen bedeutete für ihn nichts Sekundäres, es war kein Anhängsel - der Kunst, der Künstler, des Museums oder des Kunstbetriebs, sondern ein Erkenntnismedium eigenen Rechts.
Sein Rezept: Enthusiasmus und Intensität
Dabei klingt Erkenntnis viel zu nüchtern für einen "wilden" Denker, wie Szeemann einer war, der sich, wie er selbst einmal schrieb, "am mythischen und utopischen Gehalt der Hervorbringungen menschlichen Geistes und menschlicher Tätigkeit labt". Es ging ihm vor allem darum, wie man beim Ausstellungmachen "aus Objekten wieder (künstlich) Leben machen kann". Sein Rezept: mittels Enthusiasmus und Intensität. Obgleich ein exzellenter Kenner der Kunstgeschichte - es war immer ein Vergnügen, gemeinsam mit ihm durch gleich welche Ausstellung oder Sammlung zu gehen -, agierte er in seinen eigenen Vorhaben bewußt spekulativ, anarchisch und unwissenschaftlich. Er wählte Künstler und Werke nicht um der Interpretation willen aus, sondern um eine Konstellation herzustellen, in der etwas von der Kraft des Individuellen spürbar werden kann.
Es war zuallererst Szeemann, der im mentalen Treibhausklima der späten sechziger Jahre einen folgenschweren Umschwung einleitete: die Ablösung des Kunsthistorikers oder Museumskurators als Autorität für Künstler und Publikum. Von nun an wurde der Ausstellungsmacher zum Autor und die Ausstellung zu seinem Werk. Was beileibe nicht allen schmeckte, weshalb ihm häufig vorgeworfen wurde, er stelle die Inszenierung über die Kunst und mache das Ausstellen zum Regietheater.
Live in your head
Was er auch anpackte, Szeemann blieb ein Einzelgänger, ganz gleich wie groß das Team war, mit dem er arbeitete. In seinem Kopf liefen die Fäden zusammen. Über die fünfziger Jahre, als er zuerst in einer Truppe und dann als Ein-Mann-Theater auftrat, berichtete er: "Es ging mir einfach auf die Nerven, dieses Ensemble, oder. Verstehen Sie, es ist doch in allen Sekten dasselbe. Sobald einer mehr Mitglieder will, muß er sein Niveau herunterschrauben, damit seine Botschaft verstanden wird. Dann gibt es die guten Heiler. Die bleiben für sich. Die wollen gar keine Gemeinschaft. So kam ich mir ein bißchen vor."
Er arbeitete als Bühnenbildner, Grafiker, Kunstmaler und Dichter, begann Ausstellungen zu machen, heiratete, ging nach Paris und wurde 1961 - mit achtundzwanzig - Direktor der verschlafenen Kunsthalle Bern. Sein Programm war frisch und frech; er präsentierte thematische Überblicksausstellungen und untersuchte Initialgesten, machte 1967 die weltweit erste Ausstellung über Science-fiction und ließ Christo die Kunsthalle verpacken. 1969 folgte "When Attitudes Become Form - Werke, Konzepte, Vorgänge, Situationen, Informationen".
Was unter dem Motto "Live in your head" - Lebe im Kopf - stand, machte in einer Addition von Erzählungen in Ich-Form den neuen Geist der Zeit für viele erstmals vernehmbar: die Verwendung poverer Materialien, das Verlagern des Interesses vom Resultat auf den Vorgang, das Erklären von Dingen zu Kunst, das Aufsprengen des Dreiecks aus Atelier, Galerie und Museum. Die documenta 5, die er 1972 in Kassel realisierte, zog daraus die Konsequenz. Sie ist längst Legende und gilt als Maßstab und Vorbild aller folgenden.
Ausstellungen, die wir heute bewundern
"Agentur für geistige Gastarbeit" nannte er seine Tätigkeit, seit er Bern verlassen hatte. Von 1973 an stand sie im Dienst eines "Museums der Obsessionen". Natürlich war das eine Unmöglichkeit; und doch ließ Szeemann sie wirklich werden, ohne Rücksicht auf die Logik und mit einer nie endenden Zuneigung zu den schrägen Vögeln der Kunst, die keine Erwartung bedienen und keine steile Karriere machen. Im Sinne seines Einzelgängertums war es konsequent, daß er keine Institution mehr leiten wollte, wußte er doch nur zu gut, daß alles Administrative zur Last wird, wenn es nicht als notwendiger Teil des Abenteuers allein dessen Realisierung dient.
Vielleicht war es die selbstgewählte Freiheit, die ihn zwang, sich etwas einfallen zu lassen und Ausstellungen zu erfinden, die andere nicht machen konnten und die wir heute bewundern: "Junggesellenmaschinen", "Großvater", "Monte Verita", "Der Hang zum Gesamtkunstwerk", "Visionäre Schweiz", "Austria im Rosennetz". Selbst als er diverse Biennalen einrichtete, darunter 1999 und 2001 die venezianische, behauptete sich sein Kunsteigensinn auf diesen Rummelplätzen des Zeitgeistes.
Er war ein Widerpart der Künstler, nicht ihr willfähriger Promoter. Vielen, mit denen er gearbeitet hat, hielt er die Treue, begeisterte sich aber ebenso für junge Künstlerinnen und Künstler, wenn die Intensität stimmte. Die Schau "Visionäres Belgien", die Anfang März in Brüssel eröffnet wird, ist nun seine letzte Ausstellung geworden: eine Reise mitten ins fremde Herz des alten Kontinents.
Das Museum im Kopf
Sein "Museum der Obsessionen" konnte keine Institution sein. Es blieb eine Lebensaufgabe. Mochte er auch dann und wann Teile davon abrufen, so existierte es wahrhaft nur im Kopf. Utopisch und doch gelebt. Was er damit bezweckte, begreift man vielleicht am besten, wenn man auf seine Schau zum "Monte Verita", dem "Berg der Wahrheit", zurückblickt, der nicht weit von Tegna, seinem Wohnort seit 1978, entfernt liegt. Zur absondernden Ichverjüngung hatte er hier gleich an mehreren "Brüsten der Wahrheit" gelegen und ihre nahrhafte Milch aufgesogen, um eines Austausches zwischen Natur, Geschichte und Geist willen viele Quellen sprudeln lassen. Wodurch er, derart gestärkt, zu verstehen gab, daß mit Obsession jene Energieeinheit gemeint war, die sich keinen Deut darum schert, ob sie sich gesellschaftlich gesehen negativ oder positiv, schädlich oder nutzbringend anwenden läßt, aber trotzdem in die Gesellschaft hineinwirkt.
Ob man einen solchen Kraftstrom, der von Individuen ausgeht und sich anarchisch, skurril und libidinös zur Freiheit durchkämpft, allein Kunst nennen möchte, sei dahingestellt. Daß Paradiesvorstellungen - zumal verschrobene - nur jenseits stilgeschichtlicher Parzellierungen gedeihen können, ist hingegen sicher. Auch deshalb erscheint Szeemanns Vision der Ausstellung als des privilegierten, ja utopischen Orts, an dem eine ideale Gesellschaft aufscheint, nach wie vor verlockend. Wo sonst ließe sich die im Leben von Selbstzerfleischung, Anpassung oder Ruhmsucht dahingeraffte Mischung aus Anarchisten, Spinnern, Künstlern, Freiluftfanatikern, Gesundheitsaposteln, Weltverbesserern, Sammlern und Industriellen behandeln, als wäre ihre Utopie Wirklichkeit geworden?
Harald Szeemann hatte noch viel vor bei seiner Suche nach Anomalien im scheinbar so stabilen Magnetfeld der kleingeistigen Normalität. Einer seiner größten Wünsche war es, auf dem Monte Verita in Ascona eine Kunsthalle einzurichten. Er bleibt unerfüllt.
Text: F.A.Z., 21.02.2005, Nr. 43 / Seite 35
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