Toten-Schau

Auch Johannes Paul II. starb öffentlich

Von Andreas Rossmann, Köln

23. April 2008 Die Empörung ist allgemein. Sowohl Kunsthistoriker als auch Theologen verurteilen die Aktion, mit deren Plan der Mönchengladbacher Künstler Gregor Schneider kürzlich an die Öffentlichkeit getreten ist (Kunst: Gregor Schneider spielt wieder den Tabubruch): „Ich möchte einen Menschen ausstellen, der eines natürlichen Todes stirbt, oder jemanden, der gerade gestorben ist“, hatte der Schöpfer des Hauses „u r“ im Gespräch mit „The Art Newspaper“ angekündigt: „Mein Ziel ist es, die Schönheit des Todes zu zeigen.“

Irritiert „von der undifferenzierten und unisono vorgetragenen Ablehnung zu einer so wichtigen Frage“, hat sich nun eine Persönlichkeit zu Wort gemeldet, die in beiden Bereichen, in der Theologie wie in der Kunstvermittlung, engagiert und ausgewiesen ist, um Schneider zur Seite zu springen: Pater Friedhelm SJ Mennekes, der von 1981 bis vor wenigen Wochen die Kunststation St. Peter in Köln geleitet hat, wendet sich, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung betonte, erst einmal dagegen, Denkverbote zu verhängen: „Darüber nachzudenken halte ich nicht für tabu.“

Die Dinglichkeit des Todes

Schon vor zwei Jahren, so berichtet er, habe er mit dem Künstler eine Ausstellung, „die sich in diesem Umfeld bewegte“, gemacht und das Thema ausführlich mit ihm diskutiert. „Die Frage, einen Toten auszustellen, stand damals im Raum. Wir haben aber dann Abstand davon genommen, weil es zu nah an der Kirche dran ist und wir der Meinung waren, dass es ins Museum gehört.“ Dieses sehe er parallel zur Kirche als „einen Reflexions- und Denkraum“, und so sei es prädestiniert, „existenzielle Sinnperspektiven des Menschen“ zu erörtern. Auch könne es, so Mennekes weiter, „die Realität, die Dinglichkeit des Todes klarer vor Augen stellen“.

Für ihn als Geistlichen stecke dahinter die Perspektive, dass die Gesellschaft im Zuge der Aufklärung über grundsätzliche anthropologische Fragen neu nachdenken müsse: „Die Weise, wie wir mit dem Tod umgehen, ist nicht gesund, und Gregor Schneider ist ein Künstler, der wirklich ernsthaft an Verdrängungsrealitäten arbeitet.“ Allerdings unterscheidet Mennekes zwischen den zwei Vorhaben, die Schneider in einem Satz nannte: Dem Ausstellen eines „frisch gestorbenen Menschen“, der als bekleidete Leiche in einem Raum liegen würde und zunächst, wie alle Kunst eine Frage wäre.

Denken Sie an Castro

Anders beurteilt er das Ausstellen eines Sterbenden: „Wenn einer öffentlich gestorben ist, dann ist es Johannes Paul II.“, erinnert er an ein Medienereignis mit weltweiter Anteilnahme und ergänzt: „Oder denken Sie an Fidel Castro, der dann noch einmal zurückgekommen ist.“ Auch das Projekt, einen sterbenden Menschen zu zeigen, hält er für „bedenkenswert“, doch „möchte ich es gebremster kommentieren“: „Mir geht es darum, dass wir insgesamt ein anderes Verhältnis zum Tod lernen müssen.“

Sich für eine solche Aktion zur Verfügung zu stellen, findet Mennekes mit der Bereitschaft vergleichbar, den eigenen Leichnam der Pathologie zu überlassen. „Wie eine medizinische kann es auch eine psychologische oder anthropologische Hilfe geben, so dass ich mich im Vertrauen auf einen Künstler, den ich kenne, einem solchen Projekt zur Verfügung stelle. Es geht darum, einen Diskurs in Gang zu bringen.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche