„Flick-Collection“

Überall nur noch Privatsammlungen

Von Thomas Wagner

Haus der Sammler: der Hamburger Bahnhof

Haus der Sammler: der Hamburger Bahnhof

17. September 2004 Schon vor der Eröffnung der "Friedrich Christian Flick-Collection" ist eines klar: Museumspolitisch wird in Berlin künftig nichts mehr sein wie zuvor.

Im langen Schatten der gesellschaftspolitisch notwendigen und richtigen Debatte über Absichten und Moral eines Sammlers, der einen Namen trägt, dessen Nennung genügt, um die dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte in Erinnerung zu rufen, sind die Konsequenzen für das Sammeln und Präsentieren von Kunst in den Berliner Museen übersehen worden. Dabei ist die Flick-Collection längst als Katalysator wirksam, der eine Entwicklung beschleunigt und dauerhafte Veränderungen zementiert, die spätestens mit dem Erwerb der Sammlung Marx für den Hamburger Bahnhof eingeleitet worden waren.

So markiert die Entscheidung, die Sammlung Flick - zunächst für sieben Jahre - als Dauerleihgabe an die Bestände nicht irgendeines Museums, sondern der Nationalgalerie zu binden, den Höhepunkt einer fatalen Tendenz, die nirgendwo so mit Händen zu greifen ist wie in Berlin. Dabei geht es um nicht weniger als um die Selbstentmachtung der Museen und die Apotheose der privaten Sammler.

Nicht über die Kunst wurde gestritten

Nicht die Person Friedrich Christian Flick hat die Bedeutung der Kunst verändert. Das wäre zuviel der Ehre. Die Diskussion über den Sammler und dessen noch abwesende Kollektion aber hat den Fokus der Aufmerksamkeit abermals verschoben. Neben der moralpolitischen Diskussion über "Blutgeld" und "Steuerflucht" sind es die Motive und Absichten des Sammlers, über die gestritten wird, nicht die Kunst.

Übersehen wurde die Kehrseite: Niemals zuvor hat es so viele Vorschußlorbeeren für eine Sammlung gegeben, die noch keiner gesehen hat; und nie wurde die kunstpolitische Macht eines Sammlers so offensichtlich. Insofern hat Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Berliner Museen recht, wenn er davon spricht, der Sammler Flick sei "ein Porträt unserer Zeit". Er vergaß hinzuzufügen: eines der Schuster-Zeit.

Stil der neuen Kurzatmigkeit

Ob sich die biblische Prophezeiung, auf sieben fette Jahre folgten sieben magere, auch einmal auf die Beziehung der Nationalgalerie zu Friedrich Christian Flick und seine neudeutsche "Collection" wird anwenden lassen, weiß heute niemand - nicht einmal Flick selbst.

Daß in Berlin aber ganz im Stil der neuen Kurzatmigkeit nur noch Sammlungen gesammelt werden, ist mehr als offensichtlich: Sammlung Marx, Sammlung Berggruen, Sammlung Marzona, Sammlung Newton, Sammlung Welle, Sammlung Scharf/Gerstenberg - die nach oben offene Liste ergibt alles mögliche, nur keine ins Zeitgenössische ausgreifende Kollektion der Nationalgalerie. Statt hier ein eigenes Profil zu entwickeln, schöpft der alles kontrollierende Generaldirektor lieber mit großer Kelle aus den Töpfen der Sammler. Am Geld kann das nicht liegen, denn auch hier ist selten etwas umsonst.

Es fehlt ein unabhängiger Kopf

Dem Museum für Gegenwart mangelt es überdies noch immer an einem tatkräftigen Direktor und unabhängigen Kopf. Denn wo Flick schon bald seine eigene Halle bespielt und mit Eugen Blume einen Kurator des Hauses an die Seite gestellt bekommen hat, agiert Heiner Bastian als Impresario der Sammlung Marx noch immer im Hintergrund. Er wird den Verlust an Strahlkraft, den die Sammlung Marx durch Flick erleidet, kaum ohne ausgleichende Maßnahmen hinnehmen.

Auch der Neuen Nationalgalerie fehlt eine eigenständige Persönlichkeit an der Spitze. Daß der Generaldirektor - neben seinen nicht eben marginalen Aufgaben bei der Sanierung und Neukonzeption der Museumsinsel und des Kulturforums - auch als Direktor der Alten und Neuen Nationalgalerie, des Hamburger Bahnhofs und der Sammlung Berggruen amtiert, hat zu einem Verlust an intellektueller wie sammlungspolitischer Substanz geführt.

Es ist eine Illusion, zu glauben, die wichtigen Sammlungen der Zukunft ließen sich allein aus fremden Köpfen und Portemonnaies füllen. Daß, zumal nach dem Publikumsrenner "MoMA in Berlin", auch Peter Raue, der einflußreiche Vorsitzende der "Freude der Nationalgalerie", gern bei Ankäufen und Programmgestaltung mitmischt, macht die Sache nicht besser.

Showroom mit angeschlossenen Kabinetten

Vor Flick erschien das Museum der Gegenwart im Hamburger Bahnhof als ein von Heiner Bastian kuratierter Showroom der Marx-Collection mit angeschlossenen Kabinetten für die wenigen Werke der Nationalgalerie. Mit Flick und den nach der Eröffnungsschau parallel in der Rieck-Halle gezeigten Werkblöcken wird das Haus ein Museum privater Sammlungen sein, in dem sich unterschiedlichste Interessen mischen werden. Sollte es aber eine Zeit nach Flick geben, so wird der museumspolitische Katzenjammer groß sein. Das gibt dem Sammler mehr Macht als nötig.

Der Baustellen aber sind viele, von Dahlem, das einfach aufgegeben werden soll, ohne daß ein Museum der Weltkulturen in einem noch imaginären Stadtschloß auch nur in Sicht wäre, bis zum Kulturforum und der Frage, wo die Bestände der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts präsentiert werden, wenn Teile der Gemäldegalerie 2006 in das dann wiedereröffnete Bode-Museum auf der Museumsinsel wandern werden. Die Dominanz der Sammler in Berlin wird trotz alledem anhalten. Von einer Nationalgalerie darf man aber auch in Zeiten, in denen es keine Ismen mehr gibt, Vorschläge zur Ordnung einer notwendig unübersichtlichen Gegenwart erwarten.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2004, Nr. 218 / Seite 35
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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