Der Maler Neo Rauch

Komm her, Betrachter, geh weg!

Von Rose-Maria Gropp

14. November 2007 Diese Bilder lassen sich nicht von der Sprache holen und aufbrechen. Sie sind so unnahbar wie die rosafarbige Chimäre, die auf ihrem Amboss hockt und einen ohnehin schon sehr handlungsunfähig aussehenden, über Kopf gestellten Hammer vor sich paralysiert. Über dem giftgrünen Flügel des komischen Vogels erscheint (was zugleich der Titel des vier Meter breiten Gemäldes ist), die Silbe „para“.

Vor dem unzeitgemäßen Drachen steht, tief gebeugt, eine männliche Gestalt im roten Frack mit einem Jagdhorn in der Hand. Ödipus vor der Sphinx hatte immerhin eine Chance, bei Neo Rauch gibt es nur Verlierer vorm Welträtsel. Er hat die Kategorie des Double-bind in die Malerei eingeführt. Komm her, Betrachter, geh weg! Sag mir, Betrachter, was du gern sehen willst, und ich, Maler, sage dir, dass du dich getäuscht, schon wieder die falsche Wahl getroffen hast.

Keine Frage des Platzes

Die vierzehn neuen Bilder hat Neo Rauch für eine Ausstellung im Metropolitan Museum geschaffen, für einen Raum, der nur drei Meter hoch ist (siehe auch: Rundgang mit Neo Rauch durch seine Ausstellung „para“ im Metropolitan Museum). Aber es trägt nichts zur Enträtselung bei, dass er die Formate diesen Verhältnissen angepasst hat. Dreizehn dieser Werke (eines blieb bereits verkauft in den Vereinigten Staaten) hängen jetzt in Brühl im Max Ernst Museum, der einzigen Station dieser Schau außer New York. Jedes von ihnen hat genügend Platz, aber das macht sie nicht gesprächiger. Auf dem zwei Meter hohen „Vater“ hält jemand einen älteren, kleinen Mann in seinen Armen, gleich einer Mutter, einer Madonna, einer Pietà. Der jüngere, größere Mann hat seinen Kopf geneigt, in der Geste der Melancholie. Sein Gesicht trägt ein wenig die Züge des Malers selbst; seine Attitüde, die sich in der Kleidungswahl zeigt, entspringt dem neunzehnten Jahrhundert, es wäre ein perfektes Freundschaftsporträt der Zeit.

Der ältere Herr, den er wiegt, ohne ihn zu betrachten, lässt einen an Friedrich Nietzsche denken und daran, wie der Philosoph des Exaltierten am Ende seiner Tage umnachtet in die mütterlichen Arme zurückkehrte. Die Hände des jüngeren Mannes sind flossenartig und gelb, Donald Duck amalgamiert sich in diesen Extremitäten mit den Papierschnitten des späten Matisse. Vor dem Paar ist eine Art Altar aufgebaut; da gibt es ein kitschiges Kästchen, ein Vasenobjekt der fünfziger Jahre und bunte Teelichte, notorische Dekoration unserer Gegenwart. Ein weiteres, offenstehendes Kästchen präsentiert seine Leere. Dahinter, über einem zweiten Tischtuch, züngeln flammend wieder die Buchstaben p, a, r, a. Rechts am Bildrand steht ein weiterer Mann - in seinen Dimensionen zwischen der Über-Vater-Mutter und dem Vater-Kind - und hält einen Fotoapparat, viel zu tief. Über dem dummen Fotografen wuchern rote Formen empor, als wollten sie Salvador Dalí grüßen; hinter ihnen öffnen sich, als einzige Tiefendimension des Bilds und einem stützenden Gerüst gleich, Querverstrebungen.

Magister Ludi im Glasperlenspiel

Nennen wir dieses phantasmatische Verwirrkommando, für einmal, nicht mehr Geheimnis aus tiefen Traumwelten, sondern - Kalkül. Eine Glanzleistung, eine genialische Düpierung mittels aller Versatzstücke, die der Bildervorrat des Abendlands bereithält. Die neuen Gemälde sind von starker Farbigkeit durchtränkt, wie die Viktorianer und Präraffaeliten sie gepflegt haben oder wie sie aus den Illuminationen alter Bücher dringt. Erratische Fels- und Gesteinsformationen rufen Gustave Courbet oder Balthus auf, in unheimeligen Stuben spielen sich absurde Genreszenen ab, das Draußen ist eine böse Melange aus entgleister Natur und gescheiterter Kultivierung. Neo Rauch, der sich begabt und beredt selbst kommentiert, hat einmal erklärt, dass er allergrößten Wert darauf lege, dass neben den „konzeptuellen Bastelanteilen, denen die Bilder entspringen“, „im rechten Moment“ die Malerei Raum bekommen müsse. Die Bricolagen seines wilden Malens bilden eine verrückte Wirklichkeit ab, der ein atemloser Stillstand oktroyiert ist und die jede Sinnhaftigkeit boykottiert.

Wenn, mit André Breton gesprochen, Erklärungen wie verdaute Geheimnisse sind, dann läßt Rauchs obstinate Kunst den Betrachter sich gründlich den Magen verrenken. Seine Entstellung der Realität gehorcht dem künstlerischen Impuls der Romantik, im Bekanntem, Vertrauten das Unbekannte, Fremde zu finden, nicht etwa umgekehrt. Der Surrealismus, auf den er sich immer wieder bezieht, um sich von ihm im selben Zug abzusetzen, wollte den Traum als aus einem kollektiven Unbewussten aufsteigende Kraft inszenieren. Neo Rauch besteht auf der Individualität des Traums, auf der Singularität seines Traums. Dieser gebiert nurmehr Fragmente des Humanum, die menschlichen Figuren sind wie Stückwerk gebliebene Versuche eines gleichgültigen Schöpfers, Mängelwesen ohne Liebe, Charme und Glauben.

Neo Rauch ist der wahre Historienmaler unserer Zeit. Neo Rauch ist der Magister Ludi im Glasperlenspiel. Er gibt unserer bildergefluteten Gegenwart im Stil der Figürlichkeit - die sich obendrein der reinen Farbmalerei und der Ungegenständlichkeit bedient oder jedenfalls nicht mehr entzifferbaren Gegenständlichkeit -, was der Moderne womöglich zuletzt die Abstraktion bot. Die Offenheit der Deutung ist absolut, beschnitten freilich um die Utopie, die Glücksverheißung. Deshalb explodieren seine Gemälde nicht, sondern sie implodieren, sie saugen in schwarze Löcher hinein - lockend, kalt, ungeheuer dichte Materie. Rauch macht Ernst mit Freuds „Nabel des Traums“, in dem sich, dem Mycellium der Pilze gleich, das Geflecht alles Erkennens verknotet. Die neuen Bilder in Brühl sind das Menetekel unserer Gegenwart, doch ihre wilden Intensitäten machen die Schrift an der Wand unleserlich. Dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei, ist dabei der geringste der Schrecken.

para. Bis 30. März 2008 im Max Ernst Museum in Brühl. Der Katalog kostet 24 Euro.



Text: F.A.Z., 14.11.2007, Nr. 265 / Seite 35

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