Weltreich der Mongolen

Supermacht der Steppenwölfe

Von Andreas Rossmann

G. Zanabazar (1635-1724), Grüne Tara, Mongolei

G. Zanabazar (1635-1724), Grüne Tara, Mongolei

21. Juni 2005 „Im vergangenen Jahr brach ein Volk in die Reiche der Ruthener ein, das einen ganzen Stamm vernichtete. Wir wissen von jenem Volk nicht, wer es ist, woher es kommt und wohin es geht“, notierte Caesarius von Heisterbach 1222.

Der Einfall kriegerischer Nomaden in Osteuropa hatte eine Spur der Verwüstung gezogen und die Menschen bis zum Rhein und nach Sizilien, wo am Hof Friedrichs II. ähnliche Schreckensmeldungen eintrafen, in Angst versetzt. Dabei war der Vorstoß der Mongolen in die Kiewer Rus erst der Anfang: 1237 nahmen sie Moskau, 1240 Kiew ein, 1241 zerstörten sie Breslau und noch im selben Jahr Budapest. Als die „vom Tartarus ausgespieenen Boten Satans“, als „Geißeln Gottes“ und „wilde Horden“ wurden die Mongolen bereits im dreizehnten Jahrhundert bezeichnet. Noch Thomas Mann charakterisierte das Wesen des Bolschewismus als „mongolenhaft-kulturrasierend, antihistorisch, antieuropäisch und krank-ekstatisch“.

Effektives Paß- und Postwesen

Vom Gelben Meer bis zum Mittelmeer reichte das Imperium von Dschingis Khan (1162 bis 1227) und seiner Nachfolger. Doch die erfolgreichen Eroberer schufen auch moderne Verwaltungsstrukturen, bauten ein effektives Paß- und Postwesen auf und stützten mit religiöser und kultureller Toleranz die „Pax Mongolica“, die bis ins sechzehnte Jahrhundert den Austausch von Waren und Ideen zwischen Asien und Europa beförderte.

Heute sind die Mongolen auf der linken Rheinseite angekommen, wo ihnen die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn eine Schau ausrichtet, die, im Vorgriff auf das Jubiläum ihres 1206 gegründeten Großreichs, das Bild von den grausamen Reitertruppen korrigiert. „Dschingis Khan und seine Erben - Das Weltreich der Mongolen“ reflektiert die herausragende Rolle des Nationalhelden: als Gesetzgeber und Globalisierer, Kulturstifter und Weisheitslehrer.

Multikulturelle Kapitale

„Du kannst ein Volk vom Rücken eines Pferdes erobern, indes es nicht vom Rücken eines Pferdes verwalten“: Diese chinesische Einsicht setzte Dschingis Khan um, indem er 1220 Karakorum gründete. Zur festen Stadt mit Palast und Erdwällen ausgebaut aber wurde es erst von seinem Sohn Ögödei, und der flämische Franziskanerpater Wilhelm von Rubruk, der sich 1245 dort aufhielt, schildert es als multikulturelle Kapitale mit „zwölf Götzentempeln, zwei Moscheen und einer christlichen Kirche“. Seit 1999 sind zwei Bonner Grabungsteams in Karakorum tätig: Archäologen der Universität untersuchen in der Stadtmitte ein von Chinesen geprägtes Handwerkerviertel, und eine Gruppe des Deutschen Archäologischen Instituts legt den sogenannten „Palastbezirk“ im Südwesten frei.

Die Ergebnisse ihrer Forschungen bilden, mit zahlreichen Figurenfragmenten, auch Abschnitten des Straßenpflasters sowie Fotos der Grabungsstätten, den anschaulichsten Teil der Ausstellung, die bei den Vorläufern der Mongolen mit Grabfunden, etwa aus der Nekropole Golmod, darunter Bronzestatuetten und ein übermannshoher Hirschstein aus Granit (2./1. Jahrtausend vor Christus), beginnt. Gefäße, Schmuck, Zaumzeug und Waffen (7./8. Jahrhundert nach Christus) führen zu einem kleinen, mit Gravuren verzierten Hirsch aus Silber, der in der Gedenkstätte Bilgä Kagan gefunden wurde.

Symbol der Einheit der Nation

Das bedeutendste Exponat des Entrees aber ist die „Neunfüßige Weiße Standarte“: Dschingis Khan stellte sie auf, als er 1206 an der Quelle des Okon-Flusses das Volk einte, und eine Rekonstruktion davon steht heute im Regierungsgebäude in Ulan Batur. Wie auch von der „Schwarzen Standarte“, dem Herrschaftszeichen für die Stärke des Militärs, wurde eigens für Bonn mit einer Sondergenehmigung eine Nachbildung angefertigt: Dreieinhalb Meter hoch und mit einem Dreizack besetzt, symbolisiert sie die Einheit der mongolischen Nation, ihre Identität, Geschichte und ihren Platz in der Welt.

Chronologisch angelegt, lädt die Ausstellung zu einem Gang durch die Jahrhunderte: „Der Urahn Dschingis Khans war ein vom hohen Himmel erzeugter, schicksalserkorener grauer Wolf“, beginnt die Geheime Geschichte der Mongolen. Temüdschin, der die Stämme nach den Prinzipien Loyalität und Fürsorge mit organisatorischen Geschick und großen Charisma in eine Konföderation führte, schuf als Dschingis Khan, als „ozeangleicher Herrscher“, die Voraussetzung für das Reich, das unter seinen Söhnen Ögödei und Tschaghatei sowie den Enkeln Khublai Khan, Möngke und Hülagü zum größten Flächenstaat der Welt wurde.

Prächtige Götterbilder

Doch schon 1260 zerfällt es. Während die Regierung Khublai Kahns zweimal an der Eroberung Japans scheiterte, begründet Hülagü das Ilkhanat in Persien, wo er sich beim Aufbau der Finanz- und Zivilverwaltung einheimischer Experten bedient und in Architektur und Buchmalerei die islamische Kunst zuläßt. In China ruft Khublai Khan 1272 die Yuan-Dynastie aus und regiert fortan von Peking aus: Hier gewinnt der tibetische Buddhismus für die Mongolen an Bedeutung, wovon prächtige Götterbilder ebenso erzählen wie Darstellungen des Klosters Erdenezuu, das 1586 in der Nähe von Karakorum gegründet wurde.

Das Kloster, das 1879 mehr als sechzig Tempel hatte, wurde 1937 von den Kommunisten geschleift, die zwanzigtausend „Konterrevolutionäre“ und „Spione für Japan“ umbrachten, Bibliotheken vernichteten und 71,6 Tonnen buddhistischer Kleinplastiken für die sowjetische Kriegsindustrie einschmolzen: eine Kulturzerstörung sondergleichen, von der sich das große, aber nur gut zwei Millionen Einwohner zählende Land nur langsam erholt. Der Ausgang der Ausstellung berichtet vom Terror der dreißiger Jahre, der Einführung der kyrillischen Schrift 1941, der russischen Fremdherrschaft und schließlich der „Wende“, mit welcher der amtlich verfemte, aber im Untergrund stets gegenwärtige Dschingis Khan zurückgekehrt ist - auch auf Banknoten und Briefmarken, Bier- und Wodkaetiketten.

Mann mit weißem Pferd

Nicht nur aus Museen in Ulan Bator, auch aus Schatzhäusern in Tokio, Taipeh und Teheran, Sankt Petersburg und Paris konnte die Bundeskunsthalle mehr als fünfhundert Stücke zusammentragen. Der Umgang damit ist allerdings manchmal dürftig: Eine Schale mit Blumen und Vogeldekor wird als „Schale mit Blumen und Vogeldekor“ beschriftet, ohne daß Näheres zu Motiven oder Ikonographie mitgeteilt würde. So kann der Besucher lesen, was er sieht: „Mann mit weißem Pferd“ oder „Schulkinder“. Aha! Daß der mongolische mit dem tibetischen Buddhismus identifiziert wird, ist zu erfahren; was diesen auszeichnet, aber im Katalog nachzublättern.

So wird manche Gelegenheit versäumt, das Staunen in Verstehen zu überführen. Dabei kommt uns das kriegerische Volk, das dem gelehrten Caesarius Angst einjagte, nahe. Im Garten auf der Bundeskunsthalle ist eine Jurte aufgeschlagen, die diese großangelegte, aber ihren Reichtum nicht ausschöpfende Ausstellung krönt.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, bis zum 25.September; Staatliches Museum für Völkerkunde München vom 26.Oktober bis zum 29.Januar 2006. Der Katalog kostet 28 Euro.



Text: F.A.Z., 21.06.2005, Nr. 141 / Seite 41
Bildmaterial: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz, Bogd Khan Palastmuseum, Ulaanbaatar, © Admon, Bogd Khan-Palastmuseum, Ulaanbaatar, © Admon, bpk Berlin, 2004, Nationales Palastmuseum Taipeh, Taiwan, Nationalmuseum für mongolische Geschichte, Ulaanbaatar, © Admon, Széchényi Nationalbibliothek, Ungarn

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