Nicht nur einen, sondern zehn darf sie gleichzeitig in der Krone haben. Jeweils zehn Besuchern und keinem einzigen mehr ist es von heute an, dem amerikanischen Nationalfeiertag, dem Fourth of July, wieder vergönnt, direkt unter den sieben Zacken der Freiheitsstatue Herzklopfen zu bekommen.
Über eine zwölf Stockwerke hohe, klaustrophobisch enge, schnell schwindelerregende Wendeltreppe können sie 168 Stufen hinaufhecheln und sich dann vom Blick über den Hafen von New York und hinüber zur Skyline von Manhattan ein zweites Mal den Atem rauben lassen. Pro Stunde wären so etwa dreißig Personen durch das Oberstübchen mit den fünfundzwanzig nicht gerade großzügig zugeschnittenen Aussichtsluken zu schleusen. Das Vergnügen muss also schon umständehalber exklusiv bleiben, und niemanden wird es darum allzu sehr verwundern, dass der gesamte Juli bereits ausgebucht ist.
Glück hatten fünf Schüler, die in einem Aufsatzwettbewerb der Daily News siegten und als Prämie eine der begehrten Eintrittskarten erhielten. Sie waren aufgefordert, ihre Gedanken und Gefühle beim Anblick der Freiheitsstatue zu schildern. Die zwölfjährige Mona, deren Geburtstag auch noch auf den 4. Juli fällt, begeisterte sich: Mit ihrer Hand hoch in der Luft und eine Fackel haltend, zeigt sie uns, dass wir die Schlacht um unsere Freiheit gewonnen haben. Der achtjährige Anthony, dessen Urgroßeltern aus Italien eingewandert waren, jauchzte: Die Freiheitsstatue ist ein Symbol dafür, dass alle Träume wahr werden können.
Allein der Traum und die Hoffnung aber, eine der fünfzigtausend Karten zu ergattern, die in diesem Jahr zum Verkauf stehen, stellen verkappt einen Fortschritt dar. Denn nach den Terrorangriffen auf Amerika wurde die Freiheitsstatue samt Insel erst einmal gesperrt. Wie in so vielem anderen meinte die Regierung Bush auch in dem Besuch bei Lady Liberty ein nationales Sicherheitsrisiko zu erkennen. Touristen mussten die Fähre nach Staten Island nehmen, um ihr ein wenig näher zu kommen. Vor fünf Jahren wurde dann zwar der Aufstieg im Sockel erlaubt, aber die Krone blieb weiterhin unzugänglich. Wäre es nach dem National Park Service gegangen, der Verwaltungsbehörde, die für das Wohl der Freiheitsstatue sowie ihrer Besucher verantwortlich ist, hätte sich daran auch nichts geändert.
Naturgemäß gab es Anhörungen, und wie der Kongress dabei erfuhr, hatte Frédéric Auguste Bartholdi nie und nimmer geplant, das Innere der von ihm entworfenen, in zweihundertvierzehn Kisten verpackten und zum Zusammenbasteln über den Atlantik geschickten Statue für den großen Publikumsverkehr freizugeben, schon gar nicht für den Massenansturm. Und Bartholdi kannte noch nicht die heutigen Sicherheitsvorschriften! Die gälten nämlich erst als voll erfüllt, wenn ein zweiter Ausgang geschaffen würde - in Form eines Nachbarturms, von dem aus die Statue über eine Brücke zu erreichen wäre. Wir wollen uns diese Lösung, die im Ernst ja keine ist, gar nicht ausmalen.
Es war aber am Ende nicht die über ein Jahrhundert ausgeübte Freiheit, mit der Freiheitsstatue auf Tuchfühlung zu gehen, die alle Bedenken vom Washingtoner Verhandlungstisch fegte; die Wirtschaftskrise, der offenbar nirgendwo zu entgehen ist, spielte auch da eine entscheidende Rolle. Kein geringerer Beamter als Innenminister Ken Salazar legte kürzlich diesen Schluss nahe. Die Nation, meinte er, brauche in solch schweren Zeiten all die Hoffnung und den Optimismus, die sich nur auftreiben ließen. Und für derart überlebenswichtige Wohlfühlmomente ist die Kupferdame eben von Geburt an zuständig, wie jeder Amerikaner bezeugen wird, auch ohne Kenntnis der einschlägigen Schülerpoesie in der Daily News. So kam die Krone zurück ins Spiel, touristisch und patriotisch. Gleichwohl wäre sie als populäres Ausflugs- und Aufstiegsziel noch zu übertreffen. Durch die Fackel der Statue. Mit ihrem filigranen Rundbalkon böte sie in ihrer blattgoldenen Pracht gewiss ein noch aufregenderes Besuchserlebnis.
Aber wer kann das schon mit absoluter Sicherheit sagen? Zu erreichen durch den hochgereckten rechten Arm, der mithin seine beeindruckende Muskulatur durchaus funktional einsetzt, war sie zum letzten Mal im Jahr 1916 für die Öffentlichkeit zugänglich. Die berüchtigte Black Tom Explosion, ein Sabotageakt in einem nahen Munitionsdepot, vom künftigen Kriegsgegner Deutschland eingefädelt, beschädigte auch die kupferne Fackel und sorgte für ihre bis heute währende Schließung. 1986 wurde sie runderneuert. Wegen des abenteuerlichen Zugangs, der nun wirklich nicht mit den Sicherheitsbedürfnissen und Notrettungsvorkehrungen unserer Zeit zu vereinbaren wäre, dürften aber selbst eine Verschärfung der Wirtschaftskrise und das dadurch gesteigerte Verlangen nach noch mehr Optimismus sie uns nicht in Reichweite bringen. Deshalb geht doch nichts und niemand über die Krone.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS