Berlin

Nacktheit nach Preußen

Von Mark Siemons

04. Juni 2004 Bei der am Freitag eröffneten Schau der Helmut-Newton-Stiftung im neuen Berliner "Museum für Fotografie" handelt es sich um einen klassischen Fall von Neukodierung oder Kulturalisierung. Bislang war der Ort durch zwei Bedeutungsfelder geprägt, die gänzlich jenseits der Zutrittsmöglichkeiten der Kunstwelt lagen. Zum einen befindet sich die Jebensstraße hinter dem Bahnhof Zoo, wo die Bahnhofsmission und die Ambulanz für Wohnungslose ihren Sitz haben und wo deren Klientel auch durchaus unbetreut anzutreffen ist, desgleichen die Polizei.

Zum anderen ist das Haus selbst ein Relikt Preußens. Es ist das Kasino der Preußischen Landwehr, das 1909 in Gegenwart des Kaisers eingeweiht worden war. Früher hingen die Porträts von fünf preußischen Offizieren in der Eingangshalle; an einer Entwurfsskizze, die den früheren Zustand noch dokumentiert, kann man erkennen, wie treuherzig-harmlos diese Uniformträger mit ihren ihren Wimpeln, Spitzhauben und verkrampfter Positur in Wahrheit wirkten.

"Big Nudes"

Denn heute hängen dort - ein "sympathischer Paradigmenwechsel", wie Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, fand - an ihrer Statt Newtons fünf "Big Nudes", die sich so herausfordernd-abweisend in Pose stellen, daß der sich ihnen von unten nähernde Besucher erst mal gehörig eingeschüchtert ist.

Die wilhelminische Architektur verbindet sich nach der Renovierung mit modern unterkühltem Museumsdesign, und der rote Teppich, der in dem prächtigen Vestibül auf der hinauf zu den Nackten führenden Treppe liegt, läßt einen wie in einer Filminszenierung vorkommen. Kein Zweifel: Aus seinem sozialen und historischen Elend formt Berlin eine neue Kunstzone.

Newtons letzter Berliner Ort

Noch zu Lebzeiten hatte sich Helmut Newton zusammen mit seiner Frau June entschlossen, ein Newton-Museum in seiner Geburtsstadt Berlin - und nicht etwa im konkurrierenden Paris - zu finanzieren. Den Ausschlag gab nicht zuletzt das Gebäude in der Jebensstraße, in der die Stadt nach dem Krieg eine Kunstbibliothek und zuletzt ein Museumsdepot untergebracht hatte.

Bei der Besichtigung hatte Helmut Newton, wie Lehmann erzählte, hinüber zum Bahnhof Zoo geguckt und gesagt: "Dort ist das Gleis nach Singapur", worauf Heinz Berggruen rief: "Helmut, und jetzt bis du wieder da." Der Bahnhof war Newtons letzter Berliner Ort, als er 1938 vor den Nationalsozialisten nach Singapur floh. Für Berlin liegt etwas sehr Tröstliches darin, daß der jüngst Verstorbene, dieser schrecklich Vertriebene, nachdem er es in der großen Welt zu etwas gebracht hat, mit seinem Werk nun wieder "kosmopolitischen Glanz" (Peter-Klaus Schuster) zurückbringt.

Halbhumoristische Selbstdistanzierung

Die ersten beiden Ausstellungen sind schon an anderen Orten gezeigt worden. "Us and Them" zeigt vergleichsweise persönliche Fotos, die Helmut und June Newton voneinander gemacht haben; auch Bilder vom Sterbebett Newtons sind darunter, und ihnen beigesellt finden sich Selbstporträts bei früheren Arztbesuchen, bei denen Newton den Fotoapparat als Waffe zur halbhumoristischen Selbstdistanzierung zu benutzen scheint.

Bei "Sex and Landscapes" gibt es tatsächlich auch Landschaftsbilder zu sehen. Man kann der Ausstellung einen beträchtlichen Publikumserfolg voraussagen. Das liegt am Mythos Newton, gewiß aber auch an der Eingängigkeit der Sujets. Das mit Newton eröffnete Museum für Fotografie in der Jebensstraße wird weiter ausgebaut und für Bestände der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geöffnet.

Jebensstraße 2, Dienstag bis Sonntag 10-18, Donnerstag bis 22 Uhr.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5. Juni 2004
Bildmaterial: dpa/dpaweb, REUTERS

 
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