Isa Genzken

Die Lagunenkünstlerin

Von Catrin Lorch

Acht Meter hohe Rose von Isa Genzken auf dem Leipziger Messegelände

Acht Meter hohe Rose von Isa Genzken auf dem Leipziger Messegelände

21. August 2006 Isa Genzken sei eine der unangepaßtesten Künstlerinnen der Gegenwart, so begründet Nicolaus Schafhausen, Kurator des deutschen Pavillons bei der Biennale von Venedig 2007, die Wahl der Bildhauerin zur nächstjährigen Repräsentantin deutscher Kunst. Mit der 1948 geborenen Genzken fällt die Wahl auf eine etablierte Künstlerin, deren Werk freilich noch viel Entdeckenswertes bietet. Ein Foto zeigt Isa Genzken Anfang der achtziger Jahre als junge, dunkelhaarige Frau, allein inmitten ihrer fast sechs Meter langen „Ellipsoide“ und „Hyperbolos“ - eines davon hält sie wie eine große Kompaßnadel in der Hand. Mit diesen Hybriden aus Speer, Blütenkapsel und Kotflügel wurde die damals Vierunddreißigjährige 1982 erstmals zu einer documenta eingeladen.

Ihr Werk ist seither anerkannt, sie ist keine Außenseiterin und nimmt an wichtigen Großausstellungen und Biennalen teil. Dennoch bleibt ihre Arbeit autark und eigensinnig: Isa Genzken montiert kühl fotografierte Hi-Fi-Werbung zu holzgerahmten Bilderserien, arbeitet mit Beton-Brocken, die sie zu einfachsten Räumen in Modellgröße staucht oder ihnen Antennen aufspießt und sie „Weltempfänger“ nennt. Als sie das erste Mal zu den Skulpturprojekten nach Münster eingeladen wird, lehnt sie einen doppelten Bügel aus Beton an eine Bibliothek, der Titel „ABC“ bezieht sich auch auf russische Avantgarde-Architektur. Doch die eigenwillige Poesie ist der Stadt Münster zu sperrig, die nach dem Ende der Ausstellung mehr dafür bezahlt, die Skulptur zu entfernen, als ihre Aufstellung gekostet hatte.

Fuck the Bauhaus

“Haare“ auf dem italienischen Pavillon der Kunst-Biennale 2003

"Haare" auf dem italienischen Pavillon der Kunst-Biennale 2003

Material und Maßstab bleiben für Isa Genzken entscheidende Größen. Sie pflanzt Riesenrosen vor Messegebäude und setzt vor städtische Tristesse haushohe Stahlkonstruktionen, freistehend wie ausgehöhlte Klapprahmen. Für Sammlerhaushalte entwirft sie stahlbeinige Stehlampen mit Schirmen aus gelblichem Kunstharz und beklebt Stelen mit Spiegelfolie, Plastikbahnen und Zeitungscollagen. Ihre Titel formulieren stille Utopien wie „Jeder Mensch braucht mindestens ein Fenster“, aber als sie im Jahr 2000 nach Amerika eingeladen wird, zeigt sie sich spektakulär und überschreibt ihre Skulpturen, die aussehen wie verklumpte Stadtmodelle aus Muscheln, Glas, Sperrholz und Spiralen, mit „Fuck the Bauhaus“.

„Die Arbeit mit Isa Genzken ist die produktivste Herausforderung meiner kuratorischen Laufbahn“, sagt Nicolaus Schafhausen. Die Bildhauerin filmt, fotografiert und veröffentlicht Texte - Begriffe wie „gattungsübergreifend“ liegen ihrem Schaffen dennoch fern. Ihren Experimenten ist es zu danken, daß sich zeitgenössische Bildhauerei auf Gebiete ausdehnt, von denen aus viele Nachfolger aufbrechen. Mit ihrer jüngsten „Empire/Vampire“-Serie - Splatter-Skulpturen aus Plastikspielzeug, Vasenkitsch, Styropor und Farbgeklecker - markiert Isa Genzken ein Terrain, das jüngere Künstler erst nach und nach erobern.

Text: F.A.Z., 22.08.2006, Nr. 194 / Seite 36
Bildmaterial: AP, F.A.Z.-Barbara Klemm

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