Das muss hier nun einfach mal aufgeschrieben werden: Terence Koh, zurzeit zu Gast in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, ist der größte Unsinn, mit dem wir seit langem behelligt worden sind. Teile der Kunstszene beschäftigt er seit etwa fünf Jahren damit, Callboys für Performances zu mieten, mit dem Porno-Regissseur Bruce La Bruce zusammen einen Film zu drehen, aufgedonnert auf Partys aufzutreten und die Marke seiner Handtaschen mitzuteilen.
Mit Hofberichterstatterehrfucht wird, wenn es um den chinesisch-kanadischen Jungkünstler aus New York geht, dabei stets gelistet, wer ihn sammelt (Charles Saatchi), wen er kennt (Calvin Klein), wer ihn ausstellte (Whitney Museum in New York, Wiener Secession), wieviel er kostet (sechsstellig oder so, egal). Von einem rasanten Aufstieg ist dann die Rede, es folgen die obligatorischen Vergleiche mit Andy Warhol oder Dorian Gray, Tusch - und dann das Werk.
Also jetzt zur Kunst. Die steht in einem gleißend weiß gestrichenen Ausstellungsraum rum, fünfzehn Objekte aus Bronze, mit weißer Farbe überschüttet, die der Künstler eigenhändig zum Teil wieder abgekratzt hat. Captain Buddha, so der Titel, und selten wurde so tief in die Conditio-humana-Kiste gegriffen wie hier. Es geht um Grenzerfahrungen, darunter läuft nichts, um Vergänglichkeit, Sexualität, Spiritualität, Zerstörung, Abgrund, Tod, Leben und Schönheit. Es scheint sich keiner mehr zu schämen, diese Großsubstantive zu überzuckerten Worttorten zu verbacken, und auch nicht dafür, den Humbug direkt vor dem Werk noch einmal laut aufzusagen.
Wir sehen: einen Hasen, dem ein kaputter Regenschirm in den Po gesteckt wurde. Ein indisches Sonnenrad, das aus an die Wand geklebten Zinnsoldaten besteht und natürlich jeden an ein Hakenkreuz erinnert. Außerdem den Bronzeabguss des Künstlers, in Buddha-Stellung auf einer sargartigen Kiste sitzend, die Hände abgehackt - was einem genauso wurscht ist wie die Tatsache, dass die Skulptur, wie alle anderen auch, mit weißer Farbe übergossen wurde. Physisch schmerzlich sei der Raum, wird einem dazu erklärt. Nein, denkt man, der ist einfach nur weiß gestrichen. Himmel.
Wenn die Welt von Terence Koh eine Maschine wäre, dann ein emsig surrender Bargeldautomat (weiß angemalt). Und damit kommen wir auch schon zur zweiten Ausstellung, Michael Sailstorfer, der parallel seine Arbeiten zeigt. Wenn nämlich Sailstorfers Welt eine Maschine wäre, dann ein aus Autoteilen, Blech und Ofenrohren zusammengelöteter Apparat, ein improvisiertes Bricolage-Universum. In der Schirn betritt man es nach Terence Koh mit einem Gefühl der Erlösung: Eine brasilianische Popcorn-Maschine spuckt einem gerösteten Mais entgegen, es riecht gut, an der Wand flimmert, nicht größer als ein Fernsehbildschirm, ein Film. Er handelt von einer kleinen Wellblechbutze in Thüringen, wir sehen sie von außen, sie bläht sich bedrohlich auf, zieht sich dann wieder zusammen - der Effekt von Schnitten und Loops. In Wirklichkeit ließ Sailstorfer das Haus in die Luft fliegen, wir sehen es kurz vor der Explosion, und dann den Film wieder rückwärts, so, als könne sich die Butze nicht entscheiden, ob sie diese Welt nun verlässt oder bleibt.
Mit der Sorgfalt eines Ethnographen löst Sailstorfer Dinge aus ihrer Umwelt und transportiert sie in eine neue. In Bayern rüstete er die alten Wartehäuschen entlang einer Buslinie mit Herd, Tisch, Bett, Stuhl und Toilette aus - sie warteten, geheimnisvoll unberührt, zwei Wochen auf dem Land. Jetzt stehen die Bretterbuden in der Schirn, elefantengrau, sperrig, gefurcht. Überleben können sie nur noch im Museum, als Versatzstücke einer improvisierten Alltagsästhetik, die es auch in der Provinz kaum noch gibt. In Bayern wurden sie längst durch zugige, verglaste Stahlkonstruktionen abgelöst.
Terence Koh und Michael Sailstorfer, die Künstler, beide noch unter dreißig, könnten unterschiedlicher nicht sein. Und will man der Gegenüberstellung etwas Positives abgewinnen, dann vielleicht das: Sailstorfer zeigt, dass Kohs narzisstischer Plunder nicht das Ganze des Kunstbetriebs ist, sondern nur eine Facette. Die uninteressanteste eben.
Terence Koh. Captain Buddha. Bis 31. August. Schirn Kunsthalle Frankfurt.
Michael Sailstorfer. 10.000 Steine. Bis 31. August. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Kataloge sind für beide Ausstellungen in Vorbereitung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Gaby Gerster, Norbert Miguletz, Terence Koh