Von Michael Jeismann
15. Dezember 2004 Heute wird die letzte Stele des zentralen Holocaust-Mahnmals in Berlin eingelassen. Es gibt eine kleine Feier, und man wird auseinandergehen in dem Bewußtsein, daß hier nach jahrelangen Debatten etwas vollbracht wurde. Das Mahnmal ist fertiggestellt, die offizielle Einweihung wird im kommenden Frühjahr erfolgen.
So lang der Weg von den ersten Schritten in den achtziger Jahren bis heute war, so rasch scheint sich, fast unterderhand, der Zusammenhang, in dem dieses Erinnerungszeichen steht, gewandelt zu haben. Vielleicht wäre Eisenman gut beraten gewesen, die letzte Stele gar nicht in die Erde einzulassen - so wie mittelalterliche Baumeister in ihren perfekten Bau einen kleinen Fehler einbauten, um nicht der Anmaßung gegenüber Gott geziehen zu werden. Denn zwischen die Stelen werden noch Bedeutungen einziehen, die man heute allenfalls erahnen kann. Eine kleine Unregelmäßigkeit hätte anzeigen können, wie wenig auch der beste Architekt Herr des Gedenkens ist.
Ein europäisches Denkmal
Die wichtigste Wandlung ist gewiß die, die aus dem deutschen Mahnmal ein europäisches Denkmal werden ließ. Anders als noch in den achtziger Jahren wird das Stelenfeld von Eisenman nicht mehr hinreichend als Ort deutscher Erinnerung zu begreifen sein, zumal es nicht an diejenigen erinnert, die das Verbrechen ins Werk setzten, sondern an ihre jüdischen Opfer. Das Denkmal ist internationalisiert, es weist implizit kaum auf deutsche Versäumnisse und Gedächtnislücken - schließlich hat die Erinnerung an den Judenmord nicht mit diesem Denkmal begonnen.
Vielmehr verweist das fertiggestellte Mahnmal unerwarteterweise ausgerechnet auf eine Geschichtslücke und steht nicht nur zeitlich im unmittelbaren Zusammenhang mit dem europäischen Integrationsprozeß. Die Geschichtslücke hat sich nicht in der deutschen oder einer anderen europäischen Nationalgeschichte aufgetan, sondern sie klafft in der Europäischen Union als Staatengemeinschaft. Keine Frage, die EU kam bis vor kurzem noch sehr gut ohne Geschichte aus, und manchmal konnte man fast meinen, die Abwesenheit von Geschichte sei die Voraussetzung des Funktionierens der Gemeinschaft. Wenn es einmal so war, heute ist es nicht mehr so. Aus der Freihandelszone Europa ist ein politisches Gemeinwesen geworden, bei dem es nicht nur um Bilanzen der Staatshaushalte geht.
Politische Orientierungsschwierigkeiten
Es gibt seit dem Vertrag von Maastricht eine europäische Bürgerschaft, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann die militärische Integration Europas der politischen folgen wird. Ein Teil der Weltpolitik wird europäische Politik sein, wie die symbolisch vollzogene Übergabe des Kommandos über die Sicherheitskräfte von der Nato auf die Europäische Union in Bosnien klargemacht hat. Dieses politische Europa aber hat nun entdeckt, daß seine einst so nützliche Geschichtslosigkeit heute zu gravierenden politischen Orientierungsschwierigkeiten führen muß. Das belegt nicht nur die Debatte um die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Die Europäische Union steht, mit anderen Worten, im eigentlichen Sinn noch davor, Geschichte zu machen, aber schon jetzt braucht sie Geschichte, um ihr eigenes Selbstverständnis zu formulieren.
Obwohl Historiker wie Jacques Le Goff oder Wolfgang Reinhard die gemeinsamen Grundzüge einer europäischen Geschichte so eindringlich wie produktiv herausgearbeitet haben, würden auch sie nicht annehmen, daß die strukturellen Gemeinsamkeiten in Symbolakten politisch stilisiert und zur allseitigen Identitätsfestigung verwendet werden können. Worauf also kann sich die Europäische Union historisch beziehen? Wonach bestimmt sich, was jüngste europäische Erinnerung ist?
Anähnlichung der Europäer
Nach dem Fall der Mauer hat der europäische Einigungsprozeß auf staatspolitischer Ebene und durch die nationalen Pädagogiken ein Gedächtnis des Völkermords an den Juden gefördert, das wie ein Medium funktioniert: Es ist fraglos ein Mittel der Anähnlichung der Europäer geworden, von der Nietzsche sprach. Eine gemeinsame europäische Erinnerung an die Judenvernichtung ist mit dem Holocaust-Forum von Stockholm vor vier Jahren verbindlich institutionalisiert worden. Möglich war dies nur, indem die verfolgten und ermordeten Juden in ihrer Gesamtheit als etwas Drittes begriffen wurden, als etwas, was sich nicht rein national definieren ließ.
Die Erinnerungspolitik in Europa seit den achtziger Jahren hat also die Juden, die ja Deutsche, Polen, Franzosen waren oder anderen Nationen angehörten und deren Bürger waren, europäisiert. Damit gewannen die nationalen Regierungen einen gemeinsamen, übernationalen Bezugspunkt für eine wenigstens rhetorische Wertschöpfung. Es mutet merkwürdig an, daß nun die Holocaust-Erinnerung ähnlich nationenübergreifend und tendenziell einheitsstiftend sein soll, wie es zu gewissen Zeiten der Antisemitismus war. Jedenfalls fand in den vergangenen zwanzig Jahren eine positive Ausgrenzung der Juden statt, indem man sie als ein Mittel der Europäisierung vereinnahmte, das, anders als alle anderen denkbaren historischen Bezugspunkte, alte nationale Gegensätze nicht wieder zum Vorschein kommen läßt.
Das Problem der Vertriebenen
Vor diesem Hintergrund wird sichtbar, warum die Geschichte der Vertreibungen so viel größere Schwierigkeiten bietet, als Medium der Europäisierung zu dienen. Man hat erlebt, wie jeder Schritt hier das Mißtrauen der Nachbarn weckt, und wie man die Sache allenfalls in einem tief gehängten Netz von Gedenkstätten und Historikern behandeln kann. Jede Anstrengung, symbolisches Kapital aus einer europäischen Vertreibungsgeschichte zu ziehen, würde mit großer Wahrscheinlichkeit zu den größten Kalamitäten führen. Denn die Vertriebenen lassen sich bislang nicht als Dritte stilisieren, sie sind auch aus großem Abstand nicht zu entnationalisieren - allein schon deshalb, weil ja ihre Nationalität der Grund zur Vertreibung war.
Man braucht sich nur anzuhören, was Armenier und Türken im Hinblick auf den Holocaust sagen und fordern, und es wird überwältigend deutlich, in wie anderer Weise, ja konträr man sich auf die europäisierte Erinnerung an die Judenvernichtung beziehen kann. Die letzte Stele ist der erste Baustein einer beginnenden europäischen Geschichte.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2004, Nr. 293 / Seite 39
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