28. Februar 2007 Eines steht mal fest: Roger M. Buergel mag es dramatisch. Das fängt schon damit an, daß er für die Vorstellung des Documenta-Magazins alle, die es jetzt schon nicht mehr erwarten können, in den theatralischen Jugendstilbau der Wiener Secession einlud - um dann erst einmal sehr lange gar nichts zu sagen. Am Beginn der Veranstaltung - in deren Verlauf eine Kollegin aufgeregt fragen sollte, ob sie beim Austeilen der Hefte übergangen worden sei; an der der Kollege einer anderen Zeitung gar nicht erst teilnahm, um als erster schon darüber berichten zu können - am Beginn dieser fast hysterisch erwartungsbeladenen Veranstaltung also setzte sich Roger M. Buergel nicht auf seinen Stuhl, er legte sich.
Es sah aus, als würde er jeden Moment unter den Tisch rutschen, als Georg Schöllhammer von der Wiener Kunstzeitschrift Springerin, zu deren Mitbegründern Buergel gehört, das Heft erklärte: 95 Kunstmagazine aus der ganzen Welt seien der Einladung gefolgt, über die Leitthemen der kommenden Documenta nachzudenken.
Es klang ein bißchen alarmierend. War aber nur Spaß
Es sei ein ästhetisches Propädeutikum der Ausstellung. Buergel ließ seinen Kopf nach hinten wegsacken. Man sah von seinem Gesicht jetzt praktisch nur noch den Kehlkopf. Schöllhammer sprach von horizontaleren Geographien, verriet aber auch, wofür das M. in der Mitte von Buergels Namen steht: für Martin. Dann kam Martha Stutteregger zu Wort, die Graphikdesignerin; danach sprach Pablo Lafuente vom Kunstmagazin Afterall. Und dann, dann endlich hub Roger M. Buergel in seltsam singendem Tonfall an: Wenn man eines Morgens erwache, und sich zum künstlerischen Leiter der Documenta bestellt sehe, dann frage man sich nach Handlungsmöglichkeiten.
Diese Gregor-Samsa-artige Eröffnung hatte sich bereits bei einer Pressekonferenz in Berlin bewährt. Buergel sprach dann tatsächlich über die Documenta, und zwar wie stets in heiteren, freundlich klingenden Worten, denen man am Ende nichts Konkretes entnehmen kann. Nur, wenn er sagt, er glaube an die Möglichkeit, Tiefgang und Anmut zu verbinden, und daß er das gute Beispiel des Documenta-Magazins beherzigen wolle, wenn er sich jetzt an die Gestaltung der Ausstellung mache - dann klang das, in Anbetracht der vorgerückten Zeit, ein bißchen alarmierend. War aber nur Spaß.
Nach wie vor: Man weiß im Grunde genommen gar nichts
Wenn dann aber seine Ehefrau und Co-Kuratorin Ruth Noack aus dem Publikum sprach, klang es wieder so, als sei es bitterernst. Und irgendwann begriff man, daß diese Veranstaltung im Kleinen wiederholt, was vor dieser Documenta generell abläuft: Alles giert auf Anschauung, Exempel, konkrete Namen und Bilder. Und Buergel setzt diesen Erwartungen wie in einer philosphischen Übung den Versuch entgegen, erst einmal die allgemeinstdenkbaren Aussagen zu treffen, so unkonkret und anschauungslos wie möglich. Vielleicht ist das auch das beste, was er in seiner Position jetzt tun kann. Als Harald Szeemann vor seiner Documenta 5 sein Konzept bekanntgab und dann davon abwich, wurde es ihm um die Ohren gehauen. Okwui Enwezor versuchte, den Erwartungsdruck auf sperrige Diskurs-Plattformen abzuleiten, mit dem Ergebnis, daß vorher schon alle unkten, seine Documenta sei zu politdokumentaristisch. Bei Buergel weiß man nach wie vor im Grunde genommen gar nichts.
Zu dem Heft, welches dann doch noch ausgeteilt wurde, ist zu sagen: Es beschäftigt sich in seiner ersten Ausgabe mit der berechtigten Frage, ob die Moderne unsere Antike sei. Es werden da ärchäologische Bohrungen nach den Grundlagen unserer Gegenwart an den seltsamsten Ecken der Erde durchgeführt. Halb vergessene Künstler wie der Afrikaner Ernest Mancoba tauchen auf und versandete utopische Projekte wie der Unctad-III-Palast aus Allendes Chile. Die meisten Artikel lesen sich sogar erfrischend jargonfrei. Es gibt definitiv uninteressantere Kunstmagazine. Aber auch kaum eines mit weniger Bildern.
Die Hefte zu den vorläufig noch etwas esoterischer klingenden Themen Was ist das bloße Leben? und Ästhetische Erziehung folgen bis Juni. Bei deren Vorstellung wünscht sich Buergel, wie er am späteren Abend bei der Party noch verrät, eine etwas spektakulärere Show. Der Schöllhammer sei müde gewesen. Über die Künstlerliste - verrät Buergel weiterhin hartnäckig nichts.
Text: F.A.Z., 28.02.2007, Nr. 50 / Seite 35
Bildmaterial: Andreas Pawlik & Julian Roedelius / D+, Wien, dpa