Kunst und Tabubruch

Sterben nach Ruhm

Von Peter Richter

21. April 2008 Vor etwa einem Jahr hieß es, der Künstler Gregor Schneider, der jetzt mit seiner Suche nach Freiwilligen für eine Sterbeperformance in die Schlagzeilen geraten ist, dieser Gregor Schneider also werde im Magazin der Staatsoper Berlin eine große Performance veranstalten, und da standen die Leute natürlich Schlange. Sie mussten ganz schön lange anstehen, einigen wurde kalt, anderen langweilig, und als sie endlich durch die Tür kamen, erfuhren sie: Das war es schon, das Schlangestehen, Ihr Warten, war die Performance, herzlichen Dank für die Mitwirkung!

Es gab Handreichungen, die verlorenen Stunden zur ästhetischen Erfahrung aufzudonnern: Das Werk erschließe sich „aus der Perspektive der Erfahrung der Ungewissheit“, man erfuhr, dass „Emotionen, Erinnerungen und Ängste im Mittelpunkt der Raumerfahrung“ standen und „dass der Besucher selbst zum Schauspieler gemacht“ werde, „ohne dass er sich dieser Rolle bewusst ist“.

„XY-Ungelöst“ für Kunstfreunde

Spätestens an diesem Punkt mussten sich aber auch die wohlwollendsten Kritiker fragen, wie die Kunst des Gregor Schneider so rasant auf das Niveau von „Verstehen Sie Spaß?“ herunterkommen konnte. Sechs Jahre zuvor, bei der Biennale von Venedig 2001 war der 1969 in Rheyd geborene Schneider noch die gefeiertste Neuentdeckung des internationalen Kunstbetriebs. Die Implantation seines klaustrophobisch verbastelten Mönchengladbacher Elternhauses in den martialischen deutschen Pavillon war so beklemmend, beängstigend, verwirrend und also überzeugend, dass er damit vollkommen verdient den Goldenen Löwen gewann.

Wo beginnt die Kunst, Herr Schneider? In der definitorischen Willkür des Küns... Klinisch sauber und beängstigend still: Schneiders Nachbau des Hochsicherheit... Es muss nicht immer Mekka sein: Gregor Schneider mit seinem Kunstwerk “Cube H... Beklemmungen des Alltags: Gregor Schneiders “Doppelgarage“ Meister des kalkulierte Tabubruchs: “Kind“ von Gregor Schneider

Udo Kittelmann, der damals als Kurator des deutschen Pavillons für diesen Auftritt verantwortlich war, sagt heute, dass ihm Schneider schon in der Anfangszeit ihrer Zusammenarbeit von dem Wunsch erzählt habe, einmal einen Toten auszustellen. Dabei musste man sich vielleicht noch nicht viel denken, denn auch das „Tote Haus u r“ von Venedig war ja letztlich so etwas wie eine Leiche im interessanten Zustand der Verwesung. Später musste man bei Gregor-Schneider-Ausstellungen immer damit rechnen, dass unter einem Vorhang zwei Puppenbeine auf dem Boden liegen und man sich dann fragen soll: Huch, eine Leiche, was ist hier bloß passiert? Schneider nannte es, wie immer, die Konfrontation des Betrachters mit seinen Ängsten, andere sagten dazu „XY-Ungelöst“ für Kunstfreunde.

Banalität der Grenzerfahrung

Wie auch immer: Man hatte sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnen müssen, dass Gregor Schneider gern den Nosferatu im Museum spielt, mit Kunst zum Gruseln. Nun war das Gruselige gar nicht das Problem. Das Ärgerliche ist, dass bei Gregor Schneider nach seinen Triumphen mit dem „Haus u r“ der Bombast der existentialistischen Grenzerfahrungsrethorik und die Banalität der eigentlichen Arbeiten in ein umgekehrt proportionalen Verhältnis zueinandergerieten. Der vorläufige Gipfel war dann eben vergangenes Jahr die zur Kunst erklärte Warteschlange von Berlin.

Nun scheint Schneider den Verflachungsvorwürfen noch entschlossener in Richtung Letzte Dinge entgegentreten zu wollen. Als wir vor einigen Wochen in „The Art Newspaper“ Gregor Schneiders Ankündigung lasen, er suche einen Freiwilligen, dessen Sterben er als Kunstwerk ausstellen wolle, da hielten wir das - es war die April-Ausgabe - natürlich erst einmal für einen Scherz. So schlecht kann es ihm gar nicht gehen, dachten wir, dass er nun so etwas nötig hat - die Ankündigung eines Skandalkunstwerks, Sterben live, die Auflösung der Kunst in die Echtzeitdokumentation, und das nur ein Jahr nachdem Sophie Calle in Venedig ihre berührende Arbeit über das Sterben ihrer Mutter gezeigt hat, vom ganzen Rest der riesigen Kunstgeschichte des Todes mal ganz zu schweigen, und außerdem sollte man ja annehmen, dass alles, was es zum Thema öffentliches und privates Sterben zu sagen gibt, von Philippe Ariès nun wirklich auf hinreichend vielen Seiten dargelegt worden sein sollte.

Dehnbarer Kunstbegriff

Aber nun schafft sich diese Ankündigung trotzdem ihre Faktizität. Eine Debatte über die Berechtigung dieser „Grenzüberschreitung“ hebt an. In Krefeld, wo Schneider dem Bericht nach, seine Sterbe-Performance gern stattfinden lassen würde, sehen sich der Bürgermeister und der Museumsdirektor gezwungen, klarzustellen, dass ihre Häuser dafür nicht zur Verfügung stehen können. Und so wie wir ihn kennen, muss davon ausgegangen werden, dass Gregor Schneider demnächst verkündet, diese Stellungnahmen, also auch diese hier, seien die eigentliche Arbeit.

Also, gut, jemand muss seinen Job ja erledigen: Jemandem die Würde zu nehmen, auch einem Freiwilligen, ist keine Kunst. Es ist schon schockierend genug, dem Künstler in Gregor Schneider bei seinem Dahinsiechen zuschauen zu müssen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Achim Kukulies, Anna Mutter, AP, Axel Schneider

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