27. Juni 2007 Biennale, documenta, Münster - verweht. Es ist Zeit, an andere Orte zu denken. Paris kann zwar mit keiner documenta aufwarten, aber es landet mit einer Veranstaltung, die sich leicht mokant Monumenta tituliert, einen kapitalen Blattschuss. Im Grand Palais an den Champs-Élysées, dem wunderbar restaurierten, durchlichteten Palast aus Gusseisen und Glas, hat Anselm Kiefer für einige Wochen großen, triumphalen Einzug gehalten. Und es geht um einen Einzug. Nennt der Künstler nicht eine der riesigen Ikonostasen, in denen er auf dreißig rostig-braunen Tafeln mit Baumfarnen spielt, Palmsonntag? Kiefer zählt seit einigen Jahren zu den Lieblingen Frankreichs, ja er ist, wenn man den abgestandenen, ehemals so aussagekräftigen Terminus École de Paris beleben möchte, letztlich der bedeutendste und erfolgreichste Künstler, der sich hierzulande betätigt.
Am 25. Oktober wird der Maler in der ägyptischen Abteilung des Louvre ein Wandgemälde enthüllen. Er ist der Erste, der fünfzig Jahre nach Braque vom Museum einen Auftrag für den Palast erhielt. Der Auftritt im Grand Palais kommt zur richtigen Zeit. Anselm Kiefer ist dabei, den phänomenalen Fuchsbau, den er in und um die Seidenspinnerei La Ribaute im Süden Frankreichs eingerichtet hat, aufzugeben. Seit 1993 hatte er sich dort, in der Nähe des kleinen Renaissance-Städtchens Barjac am Rande der Cevennen, einen gigantischen Erinnerungsort geschaffen, den zweiten nach dem roten Labyrinth in einer Ziegelei in Höpfingen im Odenwald.
Der Künstler wechselt nach Paris, die Kunst kehrt zurück
Kiefer wird das Gelände, die Container, die windschiefen babylonischen Türme, die Installationen und die Hunderte Meter langen Tunnels, die er gegraben hat, verlassen, um sich im Herbst im Pariser Marais-Viertel niederzulassen. Man könnte meinen, der Ausflug in den Grand Palais diene bereits dazu, etwas vom gigantischen Umzugsgut, das ihn auf dieser Reise begleiten wird, zwischenzulagern. Doch das meiste wird nach Barjac zurückkehren. Und La Ribaute wird, wohl von der Fondation Guggenheim verwaltet, seine Besuchszeiten bekanntgeben.
Installationen haben die Gunst der Stunde. Über sie legt sich, denken wir an den trostlosen Gang durch das Arsenale auf der venezianischen Biennale, gerne eine tödliche Langeweile. Kiefer gehört zu den Meistern, die den Vampirismus am fremden Ort auf souveräne Weise zelebrieren. In Paris erinnert man sich denn auch noch richtiggehend berauscht an die stupende Inszenierung, die er vor einigen Jahren in der Kapelle der Salpêtrière präsentiert hatte. Man spürte die Fähigkeit, mit Wörtern und Satzfetzen, die den Künstler gefangengenommen hatten, so etwas wie poetische Fermaten auf Bilder und Materialien zu legen. Kein Zweifel, dass erst das Wissen um Texte von Foucault wie Die Geburt der Klinik oder Die Heilmaschinen in der Kapelle des riesigen Krankenhauses die Vorstellung von geschlossenen Systemen zu schaffen vermochte, auf die die Arbeiten über das Thema Chevirat Ha-Kelim, Bruch der Gefäße, angewiesen waren.
Mehr braucht es nicht, um die Alchimie in Gang zu bringen
Die neuneinhalb auf fünf Meter großen Leinwände umspielten Themen aus der Kabbala. Im Grand Palais, diesem Riesenaquarium, greift Kiefer auf einige seiner Wandermotive - Bleiwolken, zersplittertes Glas, Wellblech, Eisenbeton, Herbarien aus Farnen und Sonnenblumen - zurück. Kiefer hat Räume und Türme transplantiert. Und an den Wänden der sieben weißen minimalistischen Häuser, die der Künstler in den Raum gestellt hat, begegnen wir abermals Evokationen, die das tonnenschwere materielle Chaos mit einem Schlag usurpieren und einem Namen, einem poetischen Ausbruch unterordnen: Celan, Chlebnikow, Bachmann, Céline. Es braucht nicht mehr, um die Alchimie in Gang zu bringen, von der der melancholische Effekt Kiefer lebt.
Dahinter steckt die nominalistische Fähigkeit, mit wenigen Andeutungen einen poetischen Mehrwert zu erreichen. Denn alle Arbeiten hängen gewissermaßen am Tropf von Autoren und Büchern. Auf diesem Terrain, sich wie ein Einsiedlerkrebs in Bestehendes einzuquartieren, hat der Künstler seinen Weg gefunden. Im Gespräch verweist er darauf, dass er lange an seinen malerischen Fähigkeiten eher gezweifelt habe. Die Begeisterung für den späten Matisse, dessen wunderbare Papierschnitte sich einem physischen Manko verdanken, zeigt, dass Kiefer die Wirkung seiner Arbeit der Fähigkeit zu überragender Kompensation verdanken möchte.
Oszillieren zwischen den zwei Namen Beirut und Bayreuth
Sternenfall nennt er die Installationen, mit denen er unter dem Riesenbaldachin im Grand Palais sein Welttheater aufführt. Und in der Tat, wer sich am späteren Abend dorthin begibt, erlebt unter der Kuppel einen Nachthimmel, in dem sich dunkle Tiefe des Raums und Lichter pathetisch bekämpfen. Was er hier zeigt, was er an Zerstörungspotential, an Ordnung und an Hinweisen auf die Harmonie eines Planetariums einsetzt, oszilliert zwischen den zwei Namen Beirut und Bayreuth: den Bildern der Zerstörung, die vor Jahren Volker Schlöndorff in seinem Libanon-Film Die Fälschung präsentierte, antwortet die Götterdämmerung, die Malraux mit einem Blick auf das brennende Nürnberg in Trance versetzte.
Die Dramatik Kiefers, die sinnlich erregende Anspielung auf Krieg, Zerstörung, auf Kaputtes, Stürzendes, die Evokation fragiler Zeitlichkeit, der auch der stärkste Beton nicht widersteht, hat in Frankreich - denken wir nur an Virilio - seine großen intellektuellen Kunden gefunden. Genial spielt dieses Bewusstsein vom Verschwinden mit den Vorstellungen von Weltall, ewigen Mythen und nicht zuletzt auch - in Zitaten Kants - mit einem Kategoriengebäude, das geschichtlicher, vom jeweiligen prekären Leben erhoffter Einzigartigkeit einen Riegel vorschiebt.
Die Idee, einmal im Jahr, im Sommer, das Freigelände unter der Kuppel des Grand Palais einem Künstler zur Verfügung zu stellen, wurde vor einigen Monaten geboren. Man weiß bisher nur, dass auf Kiefer im kommenden Jahr Richard Serra und dann, 2009, Christian Boltanski folgen sollen. Wenn man die Szenographie betritt, die Kiefer für Paris geschaffen hat, kann man sich fragen, ob es auch einem Serra gelingen kann, auf so souveräne Weise den starken, egozentrischen Ort zu besetzen. Die klare, radikale Monumentalität Serras (siehe auch: In Stahlplattengewittern: Richard Serra im MoMA) wird sich mit den Schluchten des Raums schwertun, es sei denn, man baute unter das riesige Zeltdach Wände, um die Skulpturen vor dem dekorativen Überschwang des Fin de Siècle in Schutz nehmen können (siehe auch: Das restaurierte Pariser Grand Palais).
Grand Palais, Paris, bis 8. Juli. Der Katalog kostet 85 Euro.
Text: F.A.Z., 27.06.2007, Nr. 146 / Seite 33
Bildmaterial: Ministère de la Culture et de la Communication. Foto: Marc Domage