Architekturbiennale

Der kalte Herbst der Menschheit

Von Dieter Bartetzko, Venedig

Monsterstädte: Düstere Biennale-Visionen

Monsterstädte: Düstere Biennale-Visionen

14. September 2006 Wir sind in der Hölle. Wer wüßte das nicht? Doch Venedigs Architekturbiennale hat einen Namen für den teuflischen Albtraum namens Leben: Die Stadt, so propagieren sämtliche Ausstellungen in den Gardini und im Arsenale, ist unsere Hölle, an deren Bestand und Erweiterung wir täglich mit Feuereifer arbeiten.

Das tun wir putzmunter und merken nicht, daß sich im Wachstum der Städte die schwarze Seite von Martin Luthers tröstlichem „wenn morgen die Welt unterginge, würde ich doch heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen“ manifestiert. Darauf wird man in einem Raum des Arsenale gestoßen, wo sich traumhaft schöne Gebilde aus Styropor auftürmen, schneeweiße, zackige und kurvige Türme. Aber diese vordergründig so unschuldige Hochhauslandschaft ist die dreidimensionale Ausformung von Wachstumsraten - dem atemberaubenden Anstieg der Bevölkerung in Asien, Afrika oder Lateinamerika, die weltweit explosionsartige Zunahme an Hochhäusern, an Schadstoffausstoß und Raubbau an Erde, Luft und Wasser. Der Untergang im Gewand des Schönen, Tod als blühendes Leben.

Das gnadenlose Parasitentum namens Stadt

Schanghai, Kobe, São Paulo, Johannesburg oder Caracas - allesamt sind sie Synonyme der ungebremsten Verstädterung unserer Welt, mit der ein wahrhaft höllischer Verbrauch an allem einhergeht, was die Erde bewohnbar und lebenswert macht. Auch London steht für dieses gnadenlose Parasitentum namens Stadt.

London? Im guten alten Europa? Ja, Englands Hauptstadt ist - vorübergehend? - die Hauptstadt des Weltmarkts, ist das Loch, das unzählige „cashflows“ einsaugt. Vierzig Milliarden Dollar, so steht es im Arsenale zu lesen, hat allein die russische Mafia in den letzten Jahren dorthin transferiert. So wächst die Stadt in Windeseile, läßt Wolkenkratzer und Malls aus dem Boden schießen, stopft Zehntausende Gäste in Luxushotels, Hunderttausende Angestellte in Bürotürme, Millionen Immigranten in Wohnsilos - und hat die Mahnungen des ewigen Thronfolgers Charles vergessen, der einmal davon sprach, die Betontürme des neuen London ragten wie Furunkel im Gesicht eines altvertrauten Freundes.

Die Peripherie brennt

Jede europäische Großstadt will oder muß im Zeichen des internationalen Standortwettbewerbs werden wollen, was London ist. Und London muß wachsen, will es seine Stellung behalten. Ist Europa also so verloren wie Asien? Amerika so blind wie Australien? Daran gab es nichts mehr zu zweifeln, wenn bei einer Diskussion auf dem Dach des Deutschen Pavillons (dort vor dem herrlichen Panorama der sonnenglitzernden Lagune zu tagen ist eine der charmantesten Ideen der Biennale, die noch bis zum 8. November zu sehen ist) Deyan Sudjic, bis vor kurzem der Architekturkritiker des „Observer“, das Bild der aufständischen Pariser Vorstädte dieses Frühjahrs zum Menetekel erhob: „Die Peripherie brennt, das Zentrum ist leer“, dieser Satz, untermauert mit Zahlen und Fakten, durchdringt den schönen Schein, den zumindest Europas Städte noch aufrechterhalten.

Paris war nur der Anfang, so lautet der Subtext des diesjährigen Biennale-Titels „Städte: Architektur und Gesellschaft“. Die Überalterung der einheimischen Bevölkerung, konfrontiert mit Millionen arbeits- und haltloser Jugendlicher, den Kindern und Kindeskindern der unablässig strömenden Einwanderer, wird verheerend auf unsere Städte, ihre Erscheinung und ihre Atmosphäre zurückschlagen.

Uniformität, Brutalität und Anonymität

Lehrt diese Vision einen das Fürchten, so bringen einem die Lösungen, die Venedig anbietet, das Gruseln bei: „Vema“ lautet der Name einer Idealstadt, die ein Team aus Professoren und Studenten zwischen Verona und Mantua ansiedelt. Öde Wohn-, Arbeits- und Kulturscheiben mit Endlosgeschossen werden vorgeschlagen, mal gekurvt, mal in Reih und Glied, teils von grünen Parks umschlungen, teils von dynamischen Verkehrsachsen durchdrungen. Vemas Uniformität, Brutalität und Anonymität übertrifft den dreidimensionalen Horror von Mestre, dem Märkischen Viertel Berlins oder den Banlieus von Paris. Und dieser Rückfall in die siebziger Jahre wird nicht auf dem Papier bleiben: In Mailand nämlich beginnen Lord Norman Foster und Renzo Piano mit dem Umbau zweier riesiger Industriebrachen, auf denen sie exakt solche Monstrositäten errichten werden.

Wie Kinderspiele aber muten die Mailänder Vorhaben an, sobald man im Dänischen Pavillon steht, der diesmal, eingerüstet mit armdicken Bambusstangen, China gewidmet ist: Vierhundert Millionen Menschen werden dort in den kommenden zwanzig Jahren in die Metropolen nachdrängen und den Bau neuer Megastädte erzwingen. Eine davon ist im Modell zu sehen, das Gesicht aus unfaßbar hohen und breiten Hochhäusern einem Fluß zugewandt. Aufschriften wie „Office“, „Hotel“ und „Bank“ kennzeichnen die Speerspitzen dieser Schlacht um Raum und Wachstum. Chinas Parole dabei lautet „Reichtum ist ruhmreich“. So formen sich aus den Ansprüchen der begehrten Touristen- und Investorenströme wahre Katarakte von Wolkenkratzern; Stadtkronen, um die herum Bataillone kaum unterscheidbarer Wohn- und Dienstleistungssilos gruppiert werden. So erhält das alte Wort „Reisen bildet“ eine ganz neue Bedeutung.

Verdammt zum Bau von Wohncontainern

Auch die Misere reist: Barcelona, vor zehn Jahren noch ein himmlisches Jerusalem der Gegenwartsarchitektur, ist, so sein Stadtbaudirektor Josep Acebillo, verdammt zum Bau Tausender Wohncontainer, weil es, notgedrungen wie alle Großstädte, seinen Wohnungs- und Städtebau dem freien Markt überläßt. Dito Paris oder Melbourne, Schanghai, Mexiko-Stadt oder Johannesburg, Kairo, Istanbul oder New York. Schönheit dagegen entsteht nur da, wo Finanzkraft angelockt oder gehalten werden soll - die berauschenden Skylines sind wirklich das, was wir schon immer in ihnen sahen: Kronen des Kapitals, die es sich selbst aufs Haupt drückt.

Mit steinerner Miene zeigt die Biennale die Welt als Stadt, die zu einer Gebirgslandschaft aus Beton, Stahl und Glas gewuchert ist. Eben noch hörten wir wohlig entspannt Frank Sinatras unsterblichem „Autumn in New York“ zu: „Glitterin' clouds and shimmering crowds in canyons of steel. They're makin' me feel I'm home.“ Jetzt stehen wir heimatlos in einer Gletscherwelt, der wir mit Metropolentrips, Geschäfts- und Vergnügungsreisen entkommen wollen. Doch wo immer die Jets landen, wartet das gleiche Bild.

Bankrott in Amerika

So hoffnungslos präsentierte Venedig die internationale Architektur noch nie. Selbst das notorisch optimistische Amerika erklärt in seinem Pavillon den Bankrott: Zum Wiederaufbau des hurrikanzerfetzten New Orleans fällt den Architekten nichts anderes ein, als rings um einige verschonte historische Quartiere giganteske Betonregale auf Stelzen mit eingeschobenen Wohnkisten zu stellen. In Frankreichs Pavillon suhlt das Land sich mit einer Szenerie bewohnter schmuddeliger Baugerüste im Unglück, Belgien lacht sich mit einem völlig leeren, schwarz-weißen Raumgeschachtel tot, Rußland zeigt seine Urbanität als grau moderndes Nachtasyl, Israel drückt seine Überlebensangst in einer beklemmenden Schausammlung seiner Opfer- und Heldengedenkstätten aus.

Nur Deutschland will sich nicht unterkriegen lassen. Sein Pavillon bietet unter dem Titel „Convertible City“ Beispiele eines „Bauens im Bestand“, das sich als sinnvolle Reaktion auf das Schrumpfen und Vergreisen der deutschen Städte erweist. Man will zurück in die Kernstadt, und sei sie noch so eng bebaut. So schweben denn gläserne Wohn- und Ausstellungspavillons auf Parkhäusern oder Bunkern wie Pierrots über Mammuts, wird ein stupider Kaufhausklotz mit einem Kokon aus Glas, Stahlseilen und Terrassen umsponnen, bis er federleicht erscheint, werden eingezwängten Stadthäusern von oben zusätzliche schlanke und leichte Räume implantiert. So beiläufig, so einfühlsam und so originell kann städtisches Bauen sein. Der Pavillon selbst ist das schönste Beispiel: Das herrische Jahrhundertwendepathos dieses pfeilerbewehrten Hochkants wird spielerisch gebrochen von einer knallroten gezackten Stiege, die auf sein Flachdach führt. Mit dem Blick auf die Kuppeln und Türme von „Serenissima“ kann man dort oben eine Weile ausruhen vom urbanen Jammertal unserer Zukunft.

Ein Fuß im Dreck, einer im Nektar

Ist Deutschlands Beitrag nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein? Vielleicht weiß Terry Pratchett die Antwort, einer jener lange unterschätzten Fantasy- und Science-fiction-Autoren, die sich in letzter Zeit als die wahren Propheten unserer Gesellschaft und Zivilisation herausstellen: Das Unding eines menschenfreundlichen Zynikers, versorgt der Engländer seine Millionen Leser unentwegt mit Nachrichten aus der „Scheibenwelt“, einem skurrilen Universum, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Mythos und Groschenroman, Babel und Bibel durcheinanderwirbeln. Zentrum seiner Erzählungen ist die Stadt Ankh-Mopork, die unentwegt auf- und absteigt, am einen Ende niederbrennt, während sie am anderen schon wieder aufgebaut wird. In stetigem Wechsel wachsen und fallen dort Kathedralen und Bankhäuser, Justiz- und Tanzpaläste, Museen, Rat- und Freudenhäuser; man lebt und stirbt, wie in unseren Städten, mit einem Fuß im Dreck und dem anderen in Nektar. Retter gibt es nicht in dieser Megastadt, nur unbeirrbare Weitermacher.

London, das käufliche Paradies aller ansässigen und aus allen Weltgegenden anreisenden Spekulanten und Investoren, ist das Vorbild von Ankh-Mopork. Es könnte auch Schanghai sein. Oder bald wieder das derzeit baufreudige Venedig. Dort, am Ausgang der Gardini, kann man Biennalisten beobachten, wie sie deprimiert das Gelände verlassen - und sich zum Abendessen in irgendeinem Winkel verabreden, der noch nicht vollständig in die Hände des gleichmacherischen Tourismus geraten ist. Jeder kennt solche Winkel in jeder Stadt, pardon: in jeder Hölle. Vorläufig noch.

Text: F.A.Z., 14.09.2006, Nr. 214 / Seite 42
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

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