Kunst

Künstlerwut: Fernando Botero und Abu Ghraib

Von Thomas Wagner

Folterknecht im Licht des Altmeisters: Botero und seine Bilder

Folterknecht im Licht des Altmeisters: Botero und seine Bilder

14. April 2005 Die Kunst versteckt sich nicht. Sie gibt sich bewußt politisch, und sie klagt an, indem sie dem schnellen Verzehr der Bilder in den elektronischen Massenmedien etwas entgegensetzt: die bleibende, Bild gewordene Erinnerung. Nichts wird vergessen. Alles bleibt sichtbar. Als mahnendes Zeichen an der Wand.

Es war die Wut, die den kolumbianischen Maler Fernando Botero, den ersten großen Maler Lateinamerikas und längst einen der erfolgreichsten Künstler unserer Zeit, angetrieben hat, die Folter, die amerikanische Soldaten im irakischen Gefängnis Abu Ghraib verübten, auf Gemälden darzustellen. „Diese Behandlung durch die Amerikaner war ein totaler Schock für mich“, bekennt er, nach einem Bericht des „Independent“, in einem Interview des kolumbianischen Magazins „Diners“. Er sei immer empfindlicher gegenüber Unrecht geworden. Es versetze sein Blut in Wallung, und so seien diese Gemälde geboren aus dem Zorn über diesen Schrecken.

Fühlbar in der Unbewegtheit

Menschen, zu Fleischbergen erniedrigt

Menschen, zu Fleischbergen erniedrigt

Wie aber vermag die Malerei zur Sprache zu bringen, was die in den elektronischen Medien zirkulierenden Bilder verschweigen? Was macht das gemalte Bild in seiner Unbewegtheit fühlbar, was die Abziehbilder des Fernsehens, die Authentizität behaupten, nicht könnten?

Fernando Botero wurde 1932 in Medellin geboren, dem Zentrum des kolumbianischen Drogenhandels und seit langem Schauplatz eines blutigen Bürgerkriegs. Antizyklisch war seine Kunst immer. Auch politisch. Zuallererst in ihrer Opposition gegenüber der Leibfeindlichkeit und der Prüderie der angelsächsisch-protestantischen Welt, aber auch in seinen eher sarkastischen als ironischen Herrscherdarstellungen wie dem „Offiziellen Porträt der Militärjunta“ aus dem Jahr 1971, das die Mächtigen als große, aufgeblasene, aber gefährliche Kinder im Kreise ihrer Familien zeigt.

Bald in Deutschland ausgestellt

Boteros Abu-Ghraib-Gemälde, unter anderen zwei Triptychen mit Darstellungen der Opfer in Lebensgröße, sollen angeblich demnächst im Palazzo Venezia in Rom, der ehemaligen Residenz Mussolinis, und danach in Deutschland ausgestellt werden. Botero möchte aber auch, daß seine Bilder in den Vereinigten Staaten gezeigt werden. Verkaufen möchte er die Gemälde nicht. Sie sollen lediglich an Museen ausgeliehen werden, die ihn häufig zu Ausstellungen eingeladen haben. Er habe keinerlei kommerzielles Interesse mit der Wahl dieser Motive verbunden, sondern sie gemalt, um Stellung zu beziehen gegenüber dem Schrecken.

Die Gemälde zeigen in der für Botero typischen, nun aber mit ungewohnter Härte auftretenden Malweise massige Männer mit verbundenen Augen - geschundene Menschen, zu blutigen Fleischbergen erniedrigt. Sichtbar wird die verletzende Demütigung einer kraftstrotzenden Leiblichkeit. Eines der Bilder zeigt vor Gitterstäben drei Leiber, eine mit hellem, frischem Blut beschmierte Menschenpyramide. Ein anderes einen kräftigen, muskulösen, an Hand- und Fußgelenken gefesselten Mann in Kreuzigungspose, der Frauenunterwäsche trägt, die im selben Rot leuchtet wie die Wunden, die ihm an Lenden, Beinen und Schultern geschlagen wurden. Auch das Tragen von Slip und Büstenhalter ist eine Verwundung.

Wie Schlachtvieh am Seil

Auf einem weiteren Bild hängt ein Mann, eine rote Kapuze über dem Kopf, in einer Zelle kopfüber an einem an der Decke befestigten Seil - wie Schlachtvieh; daneben steht ein anderer, gekrümmt und gebeugt von Fessel und Schmerz. Ein weiteres hüllt einen Folterknecht, der auf einen am Boden liegenden Mann einprügelt, in das Licht altmeisterlicher Gemälde und gibt der Szene so auch in der Malweise etwas Exemplarisches. Aus der „grandiosen Fülle“ (Vargas Llosa) und der melancholischen Sinnlichkeit von Boteros Figuren ist pures Entsetzen geworden. Die Wut des Malers hat das Flüchtige der schnellen Bilder ins Gültige verzerrt.

Gefesselt in Kreuzigungspose

Gefesselt in Kreuzigungspose

„Da ich ein leidenschaftlicher Leser bin“, sagt Botero, „habe ich begonnen, alles, was ich bekommen konnte, über die Vorfälle zu lesen, und ich war bestürzt, denn Amerikaner sollten doch das Vorbild an Mitgefühl sein.“ Was in den Zellen im Irak geschehen sei, sei ernst, sehr ernst. Besonders deshalb, weil dort die in der Genfer Konvention festgeschriebenen Regeln für die Behandlung von Kriegsgefangenen verhöhnt worden seien.

Auch wenn seine Gemälde von den Fotografien profitiert hätten, die seinerzeit die Welt erschütterten, so seien es doch weit mehr noch die Beschreibungen gewesen, die er über die Vorgänge in Abu Ghraib gelesen habe, die ihn inspiriert hätten. Es sei sein Ziel, sagte Botero, „das Bild des Schreckens ins Bewußtsein der Welt einzubrennen, wie Picassos ,Guernica' für immer die Erinnerung an das Bombardement unschuldiger Zivilisten während des Spanischen Bürgerkriegs bewahrt“.

Text: F.A.Z., 15.04.2005, Nr. 87 / Seite 33
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa

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